"Give Food a Chance": Kulinarisches Kino auf der Berlinale

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2011
Zum fünften Mal machte die Reihe „Kulinarisches Kino“ der 61. Berlinale auf die „Beziehungen zwischen Film, Kultur, Küche und Umwelt“ aufmerksam.
Mit einem Mix aus Filmen über Umwelt und Ernährung, Menüs von Starköchen im Spiegelzelt und verschiedenen Nachmittagsveranstaltungen sollte der Gedanke des Festivaldirektors Dieter Kosslick verbreitet werden: „Nahrung verbindet Menschen miteinander und mit der Umwelt.“

Renommierte Starköche sahen bereits im Vorfeld Filme aus dem Hauptprogramm und ließen sich von den Themen zu ihren Menüs inspirieren. Nach dem Film Jiro Dreams of Sushi, ein Dokumentarfilm über ein kleines sterngekröntes Sushi-Restaurant in einem U-Bahnhof in Tokyo, folgte eine rote Misosuppe, Hummer & Oktopus, kreiert vom berliner Sternekoch Tim Raue.

©Katarzyna Swierc

Schüler sahen den Dokumentarfilm Taste the Waste, in dem gezeigt wurde, wie viel verwertbare Tonnen Lebensmittel täglich einfach weggeschmissen werden und kochten konsequent ein Menü aus Abfällen. Nach dem Panorama-Gewinnerfilm Tambien la lluvia, in dem Gael Garcia Bernal einen idealistischen Regisseur spielt, der zwischen moralischen Vorstellungen und dem finanziellen Budget seines Filmes hin und her gerissen ist, fragte Sternekoch Thomas Kammeier folgerichtig: „Was soll man zu 500 Jahre Unterdrückung kochen?“

Tambien la lluvia zeigt den Kampf der Einwohner in Cochabamba im Jahr 2000, der sich gegen die Privatisierung des Wassers und eine Preiserhöhung um 300% richtete. Die Gewissensbisse der Charaktere im Film überkommen auch sehr bald den Zuschauer, wenn man danach zur Vorspeise „Quinoa, Andenkartoffel, Chili“, zum Hauptgang „Konfitiertes Spanferkel“ auf Korianderbohnen, Rosinen und Salsa Picante und zum Dessert eine „Trilogie von Sauvage Bolivia“ (Schokoladenkreation) isst. Wie viele Schweinchen wohl ihr Leben für diese Veranstaltung gelassen haben?

Das Gewissen sollte Beruhigung finden. Sogenannte Tea-Time-Veranstaltungen am Nachmittag gingen auf einige Themen vertiefend ein. Karen Duve, die 10 Monate komplett auf Fleisch, Eier, Milch und Kartoffeln verzichtete, las aus ihrem neuen Buch Anständig essen und diskutierte mit ihrem Autorenkollegen Harald Lemke über die Ethik des Fleischessens. Während Harald Lemke der Fragestellung immerhin noch philosophische Aspekte abringen konnte („Wie können wir gut leben, ohne anderen Lebewesen zu schaden?“), hielt Karen Duve es schon für eine große persönliche Leistung, von ihrer gewohnten Hähnchengrillpfanne für 2,99 Euro auf Bio-Tiefkühlgerichte umzusteigen. Dass es vielmehr um eine Bewusstmachung der eigenen Ernährung geht, konnte wenigstens Carlo Petrini, Gründer-Guru der Slow Food Bewegung deutlich machen. In seinem Buch Terra Madre beschreibt er den Zusammenschluss von Lebensmittelproduzenten, Händlern und Verbrauchern in 163 Ländern, die für eine Kultur der Ernährung, Nachhaltigkeit im Pflanzenanbau und den Wert von Lebensmitteln kämpft.

Immerhin standen in den Spätvorstellungen der Reihe soziale und ökologische Themen im Mittelpunkt. The Pipe von Risteard Ó Domhnaill dokumentierte hautnah den erfolgreichen Kampf irischer Fischer gegen die Verlegung einer Pipeline. Einen Schweizer Schrebergarten als multikulturelles Reservat beobachtete Mano Khalil in Unser Garten Eden. Das enge Verhältnis von Schlachtern und Schweinen filmte der deutsche Regisseur Bertram Verhaag in Ehrfurcht vor dem Leben und der Niederländer Hans Dortmans in Divine Pig (Das göttliche Schwein). In Le Quattro Volte (Vier Leben) von Michelangelo Frammartino ging es um die Elemente Holz, Feuer, Wind, Ziegen und einen sterbenskranken Hirten in einem kalabrischen Dorf. Der japanische Spielfilm Meshi to Otome (Food and the Maiden) von Minoru Kurimura widmet sich mit zartem Humor den Essstörungen von drei jungen Paaren.

Die Berlinale ist ein Filmfestival, auf dem politische Themen immer besonderes Gehör bekommen. Ernährung, Lebensmittelproduktion und Konsum sind Bereiche, die eine filmische Befragung verdienen. Die Reihe „Kulinarisches Kino“ spiegelt jedoch die allmähliche Entwicklung der Berlinale zu einem umfassenden Event wieder. Es geht nicht nur um die Filme und ihre Themen, sondern um den Verkauf eines ökologisch-korrekten Lebensgefühls, für das die Besucher bei exklusiven Abendessen, Weinverkostungen und Buchvorstellungen gern etwas bezahlen können. Kritischer Diskussion wurde in diesem Rahmen aber leider nur wenig Platz eingeräumt. Man hatte das Gefühl, das „Kulinarische Kino“ richte sich ausschließlich an Feinschmecker, Gourmets und Weinkenner, die sich auch mal wieder etwas Außergewöhnliches gönnen möchten. Kritische Geister konnten sich die 59 Euro Ticketgebühr womöglich einfach nicht leisten.

Illustrationen: Tambien la lluvia ©Berlinale; Kulinarisches Kino ©Katarzyna Swierc; Videos: (cc)Youtube