Giulio Regeni: Sicher ist nur der Tod

Artikel veröffentlicht am 16. März 2016
Artikel veröffentlicht am 16. März 2016

[Kommentar] Am 25. Januar 2016 verschwindet in Kairo der italienische Doktorand Giulio Regeni. Am 3. Februar wird seine Leiche mit deutlichen Folterspuren an einer Straße aufgefunden. Die Behörden zeigen sich entrüstet, die nächsten Wochen werden von Wut und Bestürzung bestimmt. Einen weiteren Monat nachdem Giulios Körper gefunden wurde, kommt die Wahrheit nur schleppend ans Tageslicht.

In einem Monat kann viel passieren: Man kann zum Beispiel einen Intensiv-Sprachkurs belegen oder ins Ausland reisen. Man kann aber auch eine konkrete Mordermittlung einleiten.

Mehr als ein Monat ist vergangen, seit der leblose Körper von Giulio Regeni aufgefunden wurde. Der italienische Doktorand wurde ermordet und unter einer Überführung zwischen Kairo und Alexandria zurückgelassen. Vorher muss er über mehrere Tage gefoltert worden sein. Die Untersuchungen werden jetzt erst aufgenommen.

Alles auf Anfang

Der 28-jährige Giulio Regeni ist Doktorand an der Elite-Universität Cambridge. Er lebt in Kairo und forscht zu unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten. Am Abend des 25. Januars 2016 verschwindet er. Eine Woche später nimmt die Suche nach Giulio ein grauenvolles Ende: Am 3. Februar wird die Leiche von Giulio gefunden. Sein Körper weist deutliche Folterspuren auf.

Die ägyptischen Autoritäten vermuten zunächst, dass der Wissenschaftler in Kontakt mit lokalen Kriminellen getreten sei oder, dass jemand an ihm Rache nehmen wolle. Aussagen, die sich nach bewusster Irreführung anhören und von Giulios Freunden und Familie und der Autopsie der italienischen Autoritäten sofort widerlegt werden: keine Spur von Drogen im Körper, dafür Spuren von wiederholten Foltermaßnahmen, die sich über mindestens 6 oder 7 Tage hingezogen haben müssen. Eine systematische Folter, die nur die ägyptische Sicherheitsbehörde Amn el-Dawla umgesetzt haben könnte - so wie sie es regelmäßig mit den eigenen Häftlingen tut.

Giuseppe Acconcia arbeitet für die italienische Zeitung Il manifesto und ist Forscher mit dem Spezialgebiet Mittlerer Osten. Er sagt im Gespräch mit cafébabel, unter Bezugnahme auf die italienische Staatsanwaltschaft, dass Giulio Regeni vor dem 25. Januar nicht überwacht worden sei und dass es wahrscheinlicher sei, dass seine Forschungsarbeiten zu unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten ein Motiv für seine Ermordung seien. „Das widerlegt die beschämendste aller Beschuldigungen, die viele Ägypter wirklich jedem Ausländer nachsagen, der in einer Bar in Kairo mit Einheimischen zusammen sitzt: ein Spion zu sein. Giulio war ein seriöser und gewissenhafter Forscher, ein ‚Avantgardist‘ für Europa“.

War es also ein zielgerichteter Angriff? Schwer zu sagen. Die verschiedenen Ermittlungen bringen beunruhigende Einzelheiten ans Licht. „In Giulios Freundeskreis befürchteten alle, auf der Gewerkschaftsversammlung am 11. Dezember fotografiert worden zu sein. Oder bei Treffen mit einigen Gewerkschaftern wie Fatima Ramadan und Amr Assad, die zu den engsten Kontakten von Giulio Regeni gehörten.“ bestätigt Acconcia. Giulio berichtet in einer Nachricht an einen Freund, während dieser Versammlung im Dezember von „verdächtigen Personen“ fotografiert worden zu sein. Es scheint außerdem, als hätte die Polizei Giulio in den Tagen vor dem 25. Januar in seiner Wohnung aufgesucht, und auch mit einer Hausdurchsuchung gedroht.

Viele Fragezeichen

„Giulio sprach sehr gut arabisch. Und man hätte ihn mit einem Ägypter verwechseln können.“, erklärt uns einer seiner Freunde. Es ist deshalb plausibel, dass Giulio Regeni an diesem Abend in eine Routinekontrolle geraten sein könnte so Acconcia. „Am selben Abend wurden 5000 Wohnungen in Ägypten durchsucht, weil es der fünfte Jahrestag der Proteste auf dem Tahrir Platz war und man Demonstrationen befürchtete, die dann nicht stattfanden“. Trotzdem bleiben einige Punkte unklar. Eine Person wie Giulio Regeni hätte durch seinen Pass „beschützt“ werden müssen: die Verhaftung, die Folter, die Tötung eines ausländischen Akademikers hätte selbstverständlich ein schlechtes Licht auf den ägyptischen Staatsapparat geworfen, der sich darauf konzentriert, politischen Dissens „einzudämmen“: eine Eindämmung durch Blut, Folter und Barbarei.

Ein Versehen also? Hier scheiden sich die Geister. „Er war italienischer Staatsbürger, und sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, Freunde, die Forscher oder Aktivisten sind, miteinzubeziehen. Das muss dazu geführt haben, dass er von einem ägyptischen Sicherheitsapparat zum nächsten gereicht wurde, bis er an dem Ort der Folter ankam.“, meint Acconcia. Vielleicht wurde der Fehler zu spät erkannt? Die Folter könnte begonnen haben, bevor die Peiniger sich bewusst wurden, wen sie da tatsächlich in den Händen hatten. Und sie hätten sofort realisiert, dass sie ihn an diesem Punkt nicht einfach so gehen lassen konnten: Wenn ein Toter Aufmerksamkeit erregt, ist das nichts gegen einen gefolterten Akademiker, der der Welt erzählt, was hinter den Mauern der ägyptischen Sicherheitsbehörden vorgeht. „Oder er wurde sogar nie als Ausländer identifiziert, man könnte eine Verwechslung mit irgendeinem seiner ägyptischen Freunde annehmen, der für einen Oppositionellen gehalten wurde“, so Acconcia.

In jedem dieser Fälle wäre die ägyptische Regierung unter Al-Sisi verantwortlich. 2013 ist er durch einen Staatsstreich gegen den demokratisch gewählten Mursi an die Macht gekommen. Seitdem werden Oppositionelle gewaltsam unterdrückt. Al-Sisi steht Ausländern feindlich gegenüber. Das mündet oft darin, dass Ausländer der Spionage bezichtigt werden oder regierungsfeindliche Einstellungen nachgesagt bekommen. Vor ein paar Tagen hat sich Al-Sisi zum ersten im Fall Regeni geäußert. Er hat Guilios Familie versprochen, die Täter zu finden.

Falls Giulio versehentlich ermordet worden ist, hätte das nie in einem Land passieren können, indem Entführungen, Folter und Mord von Akademikern, Aktivisten und Journalisten nicht an der Tagesordnung wären. Die Zahlen sind erschütternd: Allein im Jahr 2015 sollen 474 Ägypter durch die Hände der Sicherheitsbehörden umgekommen und weitere 700 gefoltert worden sein.

Wahrheit für Giulio

Die Reaktionen aus Italien haben nicht auf sich warten lassen: von Posts in sozialen Netzwerken bis zum Sit-in, das Amnesty International vor der ägyptischen Botschaft in Rom organisiert hat. Dies scheint zu einer größeren Kooperationsbereitschaft der Ägypter mit dem italienischen Ermittlerteam, das nach Kairo entsandt wurde, beigetragen zu haben.

Allerdings hat niemand aus der Renzi-Regierung Kairo beschuldigt, auch nur indirekt verantwortlich zu sein. Die ägyptische Regierung schürt ein Klima des Misstrauens und der Verfolgung gegenüber Ausländern und Amn el-Dawla benutzt Methoden, die an Guantanamo erinnern. Nichts von alledem wurde Kairo bisher vorgeworfen. Aus Rom kommt nur eine entschiedene Forderung: Die Täter namentlich zu identifizieren. Es gab noch nicht einmal eine Reaktion auf die bisher schwache Zusammenarbeit der ägyptischen Autoritäten mit den italienischen Ermittlern. Und es gibt kein Anzeichen dafür, dass die italienische Regierung bereit ist, einen echten diplomatischen Druck auf Ägypten auszuüben, der über die typische Rhetorik hinausgeht. In der Sprache der Politik kommen Gesten mit hohem Symbolcharakter hinzu: Das Europaparlament hat gerade einer Resolution zugestimmt, in der es „nachdrücklich die Folterung und Ermordung des Unionsbürgers Giulio Regeni [verurteilt]“. Schließlich wurden am 9. März die Eltern von Giulio, Paola und Claudio Regeni, vom italienischen Staatspräsidenten Mattarella empfangen.

Ein Fehler der Diplomatie und mangelndes Rückgrat also? Nicht nur. Zwei Punkte verdienen Aufmerksamkeit. Erstens: Die Ölgesellschaft ENI, zu Teilen noch vom italienischen Staat kontrolliert, hat letztes Jahr die Entdeckung eines großen Erdgasvorkommens auf ägyptischem Territorium bekanntgegeben. Dieser Fund könnte den Bedarf des nordafrikanischen Landes für die nächsten Jahrzehnte decken. ENI hat einen riesigen Entwicklungsplan für die Gegend versprochen, mit immensen Gewinnen für Ägypten und auch für Italien. Eine Situation, in der alle gewinnen. Auf Anfrage der Familie Regeni hat ENI erklärt, die Wahrheit über die Ermordung herausfinden zu wollen. Die Investitionen belaufen sich jedoch auf circa 7 Milliarden Euro - schwer, ein Angebot dieser Größenordnung auszuschlagen.

Zweitens: Ägypten ist auch für den Kampf gegen ISIS in Libyen ein wichtiger geopolitischer Standort, da es im Fall einer militärischen Intervention einen wichtigen logistischen Stützpunkt darstellt. Vielleicht zu wichtig, um ein diplomatisches Pulverfass hochzujagen, indem man Ägypten im Fall Regeni zur Verantwortung zieht. Andererseits ist es unmöglich diese Affären zu ignorieren. Geld stinkt nicht. Blut noch mehr! Vor allem das eines 28-Jährigen, tot aufgefunden unter einer Schnellstraße, die Kairo mit Alexandria verbindet. Ruhe in Frieden, Giulio.