Giulietto Chiesa über Europas Mitschuld im Russland-Georgien-Krieg

Artikel veröffentlicht am 20. August 2008
Artikel veröffentlicht am 20. August 2008
Drei Fragen an den italienischen Journalisten und Europaabgeordneten Giulietto Chiesa zum Konflikt im Kaukasus, der Mitschuld der EU, der “unvermeidlichen“ Reaktion von Russland und der Vernachlässigung des Themas in der europäischen Medienwelt.

Am 12. August hat Russland die Einstellung der Kampfhandlungen im Kaukasus bestätigt und somit das Friedensabkommen, das die Europäische Union mit ihrer französischen Ratspräsidentschaft vorangetrieben hat, angenommen.

Der italienische Journalist und Europaabgeordnete Giulietto Chiesa hat sich erst im letzten Frühjahr in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali aufgehalten. Sein Leben ist sehr von der Zeitgeschichte Russlands und den ehemaligen UdSSR geprägt.

Nachdem er während der Siebziger Jahre eine führende Rolle innerhalb der Kommunistischen Partei Italiens (PCI, die 1991 aufgelöst wurde) innehatte, war er als Moskau-Korrespondent für die italienischen Tageszeitungen L’Unità und La Stampa tätig und hat zahlreiche Bücher über die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion geschrieben. Sein Aufenthalt in Russland endete im Jahre 2000.

2004 wurde Chiesa ins Europäische Parlament gewählt, wo er zunächst Mitglied der Allianz der Liberalen und Demokraten war, und später zur Sozialdemokratischen Partei Europas wechselte. Heute schreibt er für Zeitungen und Magazine in Italien, Europa, Russland und Amerika.

Wie waren die Osseten vor dem Krieg hauptsächlich politisch orientiert?

©Wikipedia“Während meines letzten Aufenthaltes in Südossetien habe ich mich mit vielen Leuten – jung und alt – in Russisch unterhalten. Ich kann versichern, dass kein einziger zurück zu Georgien wollte. Warum? Weil in jeder Familie mindestens einer 1992 im Krieg gegen Georgien gefallen ist. 1991 gab es die Unabhängigkeitserklärung Georgiens von Seiten Russlands und gleichzeitig haben sich die Regionen Südossetien und Abchasien ihrerseits für unabhängig erklärt, was der Auslöser für den Krieg von damals war. Die brutale Gewalt, die in letzter Zeit angewandt wurde, ist Beweis dafür, dass Georgien die Osseten nicht als seine Bürger ansieht. Georgien hat eine ethnische Säuberung vorgenommen und zwang die Osseten aus dem Land zu fliehen.“

Was halten Sie von der Reaktion Russlands auf die Aggression der Georgier?

“Russland tat genau das, was es machen musste. Georgien ließ den Russen zwei Alternativen: Den Rückzug, nachdem es bereits Tote in den russischen Kontingenten gab, die in Ossetien stationiert waren – und man beachte, dass sie dort gemäß des Abkommens von Dagomys im Jahr 1992, das auch von Georgien unterzeichnet wurde, legal stationiert waren. Ein Rückzug hätte auch bedeutet, die ossetische Bevölkerung, also 100.000 Personen mit meist einem russischen Pass, unbeschützt zurückzulassen. Die zweite Option war es, die georgischen Truppen aus dem Gebiet der Autonomen Republik Südossetien zu verdrängen, was dann auch eintraf.”

Welche Rolle spielt die Europäische Union im Kaukasus-Konflikt?

"Warum hängt die Europaflagge hinter dem Präsidenten von Georgien, einem Nicht-EU-Land?"

“Das Treffen zwischen Nicolas Sarkozy und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew am 12. August sowie der europäische Friedensplan waren gute Initiativen, um zur Normalität zurückzukehren, wenngleich sie ein bisschen zu spät kamen. Trotzdem denke ich, dass mitunter auch Europa Schuld am Ausbruch des Krieges trägt: Mit der bedingungslosen Unterstützung des georgischen Präsidenten Saakashvili und seiner Forderungen in Südossetien und Abchasien hat man ihm nämlich ein Alibi verschafft. Ein Krieg wird nicht ohne Hintergründe erklärt, und Saakashvili tat dies, weil er sich Schützenhilfe vor allen von Seiten der USA, aber auch von der Europäischen Union erhoffte, der er in naher Zukunft beitreten möchte. Als Saakashvili im Fernsehen ankündigte, mit seinen Truppen Südossetien angreifen zu wollen, ließ er sich mit einer Flagge der EU im Hintergrund filmen, was wohl nicht Zufall war. Warum aber hängt die Europaflagge hinter dem Präsidenten von Georgien, einem Land, das nicht einmal Mitglied der Europäischen Union ist? Ich bin der Ansicht, dass Europa sich mehr zurückhalten hätte sollen. Als ich im Frühjahr dieses Jahres in Südossetien war, habe ich mich gerade mit den Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Georgien befasst.“

Was halten Sie davon, dass der Konflikt in den Medien ziemlich vernachlässigt wurde?

“Ich denke, dass die Informationen, die in den meisten europäischen Medien zu lesen und zu hören waren, eine Schande für den Westen sind. In den westlichen Nachrichtensendern wurden sehr einseitige Bilder und Schlagzeilen gebracht. Es wurde berichtet, dass Russland Georgien erobern wolle, ohne Beweise dafür zu bringen. Außerdem wurde Saakashvili als armes Opfer des bösen Putin dargestellt, wobei aber kaum Aufnahmen von der Stadt Zchinwali gezeigt wurden, die durch Bombardements von Seiten der Georgier dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ich denke, dass sich die Medien seit dem Krieg im Irak nie so schlecht verhalten haben.“