Girl Power oder das feministische Vermächtnis der Spice Girls

Artikel veröffentlicht am 9. August 2016
Artikel veröffentlicht am 9. August 2016

Sei wer du bist, mach was du willst - und hab jede Menge Spaß dabei.

Die Spice Girls und mich verbindet eine lange, leidenschaftliche Geschichte. Initiiert wurde ich 1997 im zarten Alter von neun Jahren durch den Film Spiceworld. „We‘re the Spice Girls, yes indeed. Just Girl Power is all we need“, sprachen Emma, Geri, Victoria, Mel B und Mel C - und ich war ihnen verfallen. Es folgte: der Kauf beider Alben, das Sammeln jedes noch so kleinen Schnipsels über die „Girls“, Streits mit meiner Freundin Ann-Kathrin darüber, wer von uns beiden denn nun Geri war (ich natürlich). Ich konnte kein Englisch, aber ich konnte alle Songs auswendig. Irgendwann wurde ich erwachsen - oder was ich so darunter verstand: Die Spice Girls-Poster verschwanden von den Wänden und die CDs verstaubten im Regal. Lediglich auf 90er und 2000er Parties gab (und gebe) ich mich meiner Vergangenheit als Girlgroup-Groupie voll hin. Wannabe? Ab auf die Tanzfläche!

Nach meinem Abi verschlug es mich direkt nach Frankreich, ans Institut d’Etudes Politiques in Lille - und in die Arme von Miss Monganne, Englischdozentin. Miss Monganne stand auf innovative Arten der Seminargestaltung und so mussten wir alle ein Referat zum Thema „Great Britains greatest contribution to world history“ halten. 15 Minuten ohne Notizen. Quasi ein TED Talk bevor jemand wusste, was das ist. Meine Kommilitonen sprachen über Whisky, Jack the Ripper (was genau sein Beitrag zur Weltgeschichte sein sollte, blieb allerdings unklar - jede Menge tote Frauen?) und Monty Python. Ich sprach über die Spice Girls. Genauer gesagt, über Girl Power. Denn wie jeder weiß, haben die Spice Girls Girl Power erfunden und damit einen wertvollen Beitrag zur Weltgeschichte geleistet. Miss Monganne war skeptisch: „Mais Julia, was it riiiiilly the Spice Görls?“.

Laut, frech, bunt und furchtlos

Mais oui! Das Vermächtnis der Spice Girls kann man allerdings nur verstehen, wenn man einen Blick zurück wirft. Damals, Mitte der Neunziger, gab es noch keine Beyoncé, keine Rihanna, keine Taylor Swift, die selbstbewusst feministische Botschaften verbreiteten. Stattdessen gab es Boygroups (Take That) und Boybands (Oasis). Ja, in den USA zogen die punkigen Riot Grrrls ihr eigenes Ding durch und Alanis Morissette sang in „You oughta know“ ihre Wut hinaus - das war vielen aber zu edgy.

Susan Faludi schrieb das Buch Backlash über den Rückschlag, den die feministische Bewegung erfuhr: Feminismus war ein Schimpfwort, er wurde angeblich nicht gebraucht. Hier kamen die Spice Girls in Spiel. Sie waren laut, frech, bunt und furchtlos. Sie sangen über weibliche Freundschaft („If you wanna be my lover, you gotta get with my friends“), Safer Sex („Put it on, put it on“) und darüber, einfach man selbst zu sein („Come on and do it/Don’t care how you look it’s just how you feel”). Wo sie gingen und standen verbreiteten die Spice Girls „Girl Power”. Ein Begriff, den Victoria folgendermaßen definierte: „Sei wer du bist, mach was du willst und freunde dich mit anderen Mädchen an.“

Schon klar, das hat jetzt nicht ganz das Niveau von Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter oder Germaine Greers Der weibliche Eunuch. Die Spice Girls waren ganz sicher keine perfekten Feministinnen: Sie distanzierten sich zugunsten von Girl Power vom Begriff „Feminismus“ und erklärten „Iron Lady“ Margaret Thatcher zum „ersten Spice Girl“. Girl Power sei einfach ein „Neunziger“ Ausdruck für Feminismus, schrieben die Spice Girls in ihrer Biografie. Trotz oder gerade deswegen schafften die Spice Girls es, feministische Botschaften in den Mainstream zu bringen: Unabhängigkeit, Chancengleichheit, Redefreiheit und weibliche Solidarität. Sie taten es ohne Scham und schienen dabei jede Menge Spaß zu haben. Immer noch wird von Frauen in der Öffentlichkeit erwartet, dass sie nicht zu laut, zu auffällig sind. Den Spice Girls war’s egal, sie verhielten sich genauso, wie sie gerade Lust hatten.

Spice Girls vs. Judith Butler

Natürlich, das alles gehörte zur Marke. Schließlich waren die Spice Girls zusammengecastet, um junge Frauen anzusprechen und jede Menge Platten zu verkaufen. Trotzdem machten sie daraus ihr eigenes Ding. Als ihr Management und ihre Plattenfirma sich weigerten, mit ihnen zusammen ihre künstlerische Vision umzusetzen, schnappten sich die Girls ihre Aufnahmen und suchten selber nach einer neuen Plattenfirma. Im Prinzip waren die Spice Girls wie ein Trojanisches Pferd. Schleichend infiltrierten sie mit ihrer feministischen Haltung den Mainstream. Ihre Art des Feminismus machte Spaß und war zugänglich; sie sprach Mädchen und Frauen an, die sonst vielleicht nicht auf die Idee gekommen wären, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Wege zum Feminismus sind vielfältig - und einige davon führen eben eher über fünf laute, britische Mädels als über Judith Butler.

Ich habe Judith Butler gelesen und auch Germaine Greer, aber es bleibt dabei: Auch die Spice Girls haben meinen Feminismus geprägt. Sei du selbst, mach dein Ding - danach versuche ich, zu leben. Und da bin ich nicht die Einzige. Girl Power ist ein Konzept, das unter jungen Frauen heute noch viel Zustimmung erfährt: Zum 20. Geburtstag von Wannabe am 7. Juli 2016 veröffentlichte die Global Goals-Kampagne eine neue Version des Videos, um auf Ungleichberechtigung weltweit aufmerksam zu machen. Girl Power mag nicht alles sein, was wir brauchen und mit dem wir uns zufrieden geben sollten - aber angesichts der Tatsache, dass sich in Sachen Gleichberechtigung immer noch vieles viel zu langsam bewegt, kann eine gehörige Portion davon nicht schaden.