Gibt es überhaupt europäische Intellektuelle?

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Bei jedem, der fähig ist, die Welt als eine geistige Herausforderung zu betrachten, muss das verunsicherte Schweigen der Bevölkerungsmehrheit Beklemmung auslösen.

Die Generation X ist süchtig nach Anerkennung. Sartre verkörpert diese Sucht in seinem Drama „Huis Clos“. Estelle, die in Gesellschaft nur zweier Personen in der Hölle gefangen ist, muss sich notgedrungen mit den Lobpreisungen der beiden Begleiter zufrieden geben. Die Menschen um sie herum werden zu bloßen Spiegeln ihres Glanzes, oder letztlich - in Sartres bitterer Ironie – ihres doch sehr fahlen Scheins. Die personifizierte Versuchung - Inés - spielt mit Estelles Eitelkeit und versucht, mit Sätzen wie „aucun miroir ne sera plus fidèle“ (kein Spiegel wird treuer sein) ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wie Inés werden auch europäische Intellektuelle mitunter als Verführer angesehen, die die Menschen in einem falschen Gefühl von Sicherheit wiegen. Der lateinamerikanische Intellektuelle Jorge Luis Borges schreibt treffend in der Kurzgeschichte„La biblioteca de Babel“, die sich in dem Band „El jardin de senderos que se befurcan“ findet: „La certidumbre de que todo está escrito nos anula o nos afantasma”. (Die Gewissheit, dass alles schon einmal geschrieben wurde, entwurzelt uns oder macht uns noch mehr von uns selbst besessen).

Das Anliegen des Intellektuellen scheint es zu sein, über diejenigen Bereiche unseres Lebens zu schreiben, vor denen sich Europäer gerne verstecken. So läuft Borges fesselnde Schlußfolgerung darauf hinaus, dass es in Wahrheit der Leser ist, der Intellektualität definiert.

Jeder Schreibende ist der Gunst des Interpreten seiner Zeilen ausgeliefert. Ein Theaterstück ist nur so gut wie die Reaktionen des Publikums. Ein Buch geht der Seele des Lesers nur so weit auf den Grund, wie er selbst es zuläßt. Daher behauptet Borges in derselben Kurzgeschichte „La biblioteca de Babel“, „los libros nada significan en sí” – für sich genommen, bedeuten Bücher gar nichts. Es gibt eine zusätzliche Dimension der Literatur, die sie auch so fesselnd macht: Zwischen den Zeilen steht die Interpretation des Lesers. Genau hier beginnen die Gedanken des Autors zu leben. Erst im Leser nehmen sie Gestalt an. Anders gesagt, wird Intellektualität erst durch den Leser bestätigt.

Vargas Llosa, der überaus produktive peruanische Schriftsteller, würde wohl auf eine weitere Dimension Wert legen, die bei dieser Gestaltwerdung eine Rolle spielt. Wahrscheinlich würde er gerne den Leser aufklären wollen. Die Intellektualität von Vargas Llosa hat ihre Wurzeln im Darwinismus, der sich am ehesten durch die bekannte Formel „survival of the fittest“ beschreiben lässt. Die Figur „El Esclavo“ – der Sklave – in „La ciudad y los perros“ (Die Stadt und die Hunde) wird von Menschen zerstört, die physisch belastbarer sind als er selbst; Prototyp hierfür ist „El Jaguar“, der – wie sein tierischer Name schon vermuten läßt – das Raubtier der Militärakademie ist, in der die Kameraden wohnen. El Jaguar ist führendes Mitglied der Gang, er hat die Fähigkeit, anderen das Gefühl eigener Bedeutungslosigkeit zu geben. Er verlangt Respekt, und seine Kameraden leben in ständiger Furcht vor ihm. El Jaguar ist einer der wenigen, die bis zum Epilog überleben.

Man mag sich nun fragen, was hat das alles mit Intellektuellen zu tun, und vor allem: mit europäischen Intellektuellen? Ich denke, dass Vargas Llosa auf etwas hinweisen möchte, das weit mehr Menschen betrifft als nur die Studenten der Militärakademie von Lima. Beabsichtigt er nicht vielmehr, sein Konzept des „survival of the fittest“ auf die Literatur im Ganzen zu übertragen – und noch weiter auf die heutige Intellektualität? Menschen, die in der Lage sind, über ihre unmittelbare Umgebung, ihren Horizont hinaus zu blicken, werden immer einen Schritt weiter sein. Es sind genau diese vorausschauenden Menschen, die das moderne Europa braucht. Das neue Jahrtausend hat eine Ära tief verwurzelter Unruhe eingeleitet, die sich hinter einer Fassade von Einigkeit verbirgt. Glauben wir denn wirklich, dass mit einer gemeinsamen Währung die Zusammenführung der Staaten Europas zur zwangsläufigen Realität wird?

Ist man vernünftig, wird man etwas vorsichtiger zu Werke gehen. Man wird sich nach Raubtieren umsehen, die hinter dem Rücken lauern, zum Sprung bereit, sobald sich die leiseste Unsicherheit zeigt. Auch Intellektuelle müssen sich heute in den Medien auf der sicheren Seite bewegen. Political correctness ist ein modernes Schlagwort, das Grenzen markiert, die nicht überschritten werden dürfen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, sich der Literatur heute in einer traditionellen intellektuellen Weise zu nähern. Wir können es uns nicht leisten, unseren Denkprozeß von dem Text abzukoppeln, der vor uns liegt.

Ein sich stets wandelndes, geradezu unkalkulierbares politisches Klima zwingt die Öffentlichkeit, zu eigenen Schlüssen zu kommen, wenn sie wirklich überleben will - jenseits einer Scheinexistenz aus fremden Philosophien und den Überzeugungen der Anderen. Wir sind aufgerufen, selbst zu entscheiden, was die letzten Wahrheiten sind.

Wenden wir uns noch einmal Sartre zu. Er war ein Philosoph, der an die Notwendigkeit glaubte, dass jedermann selbst „handeln“ muß. Sartre war felsenfest davon überzeugt, dass jedes Individuum sich entscheiden muß, wie es sich verhält, und dass es diese Last nicht auf irgendjemandes Schultern abwälzen kann, ohne eine philosophische „Sünde“ zu begehen. In seiner Autobiographie „Les mots“ (Die Wörter) schreibt er: „J’ai commencé ma vie comme je la finirai sans doute : au milieu des livres”. (Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos auch beenden werde: umringt von Büchern). Wenn ein so von der Bedeutung individueller Reaktionen überzeugter Mann so viel Inspiration aus der Literatur beziehen konnte, so muß er die Literatur als einen Weg gesehen haben zu „handeln“.

Politische Intellektuelle

Der baskische Philosoph Fernando Savater, Sprecher der Basta-Ya-Bewegung („Genug ist genug“), teilt Sartres Ansichten über die Notwendigkeit, auf Situationen zu reagieren. Dementsprechend äußerte er sich in einem Interview: „Niemand ist verpflichtet, sich für Philosophie zu interessieren, aber ich denke, jeder sollte sich für sein eigenes Land interessieren. Ich strebe nicht an, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich möchte nur das Publikum, das ich erreichen kann, zu etwas ermutigen, das mir entscheidend zu sein scheint – in meinem Land die Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen und Totalitarismus zu bekämpfen.“

Um noch einmal aus demselben Interview zu zitieren: Nach Savaters Ansicht ist das Problem mit dem baskischen Seperatismus, dass „es gerade kein [Problem] gibt. Es gibt keine objektive historische oder ökonomische Basis für eines.“

Savater erkennt das menschliche Bedürfnis, eine feste Identität zu haben. Für ihn ist der Nationalismus auf bestem Wege, die häufigste Konfliktursache zu werden. Trotzdem hat er sich entschieden, anstatt gleiches mit gleichem zu vergelten, „Waffen mit Worten“ (Savater) zu begegnen. Auf diese Weise hat er die Kraft der Intellektualität gesteigert, und die Menschen haben die erfrischend pazifistische Natur seines Gegenangriffs bemerkt und Savater als „neuen Sartre“ bejubelt. Seine Taktik liegt insoweit auf einer Linie mit der Sartres, als er strikt daran glaubt, dass die Kraft des Wortes einen ausweglosen Konflikt verändern kann.

Intellektualität spielt daher im 21. Jahrhundert eine neue Rolle – sie regt eher an als dass sie selbst erschafft: Sie hat die Menschen in die Lage versetzt, selbst nachzudenken, anstatt alles für bare Münze zu nehmen, was Philosophen sagen. Moderne Intellektualität kann daher nicht als Arroganz oder eine Art Gehirnwäsche eingeordnet werden. Ebensowenig kann sie vollständig von politischen Intellektuellen wie Lyotard repräsentiert werden, die für eine Gemeinschaft frei von jeder Kommunikation kämpfen und die eine kritische Haltung gegenüber der modernen Wissenschaft predigen. In der Europäischen Gemeinschaft gibt es auch Menschen wie Savater und Vargas Llosa, die den Intellekt des Lesers anregen wollen, anstatt ihm eine bestimmte Richtung vorzugeben oder eine bestimmte Reaktion von ihm zu verlangen.

Schlussfolgerung

Um direkt auf unsere Eingangsfrage zurückzukommen, ob es europäische Intellektuelle gibt: natürlich! In jeder Gesellschaft wird es Menschen geben, die für sich in Anspruch nehmen, anderen überlegen zu sein und sich selbst als Intellektuelle einordnen. Allerdings könnte die wichtigere Frage sein, ob Europa eine Gesellschaft intellektueller Bürger ist. Wenn ein starkes und geeintes Europa entstehen soll, dann muß jede Bürgerin und jeder Bürger einen Beitrag dazu leisten. Wir können uns nicht länger auf einflussreiche, so genannte Intellektuelle verlassen, um unseren Meinungen Ausdruck zu verleihen. Auch diese „Übermenschen“ sind nicht unfehlbar! Es ist unser Recht und unsere Pflicht, eigene Standpunkte aufzubauen und zu unseren eigenen Schlußfolgerungen zu gelangen. Vielleicht liegt hierin wahre europäische Intellektualität.