Giacomo Abbruzzese: Die absurdität von bewegung in europa und nahost

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2011

Der Kurzfilm Archipel (2010) des italienischen Regisseurs Giacomo Abbruzzese erkundet das Westjordanland vor allem auf den Sitzen seiner Verkehrsmittel. Denn gerade die Fahrt von Ramallah nach Jerusalem macht die Absurdität der Situation in Nahost klar. Eine filmische Stop and go-Fahrt durch den ganz normalen Alltag eines palästinensischen Grenzgängers.

Wenn Abed, der palästinensische Protagonist des Films Archipel, sich auf den Weg zur Arbeit macht, dann steigt er mitten in der Nacht auf das Moped eines Freundes, zischt über schlecht geschotterte Straßen und kämpft sich durch unterirdische Tunnel. Wie sonst könnte er die vielen Grenzposten umgehen? Abed hat keine Aufenthaltserlaubnis für Israel und arbeitet daher illegal in einem Restaurant in Ostjerusalem. Sein Spießrutenlauf durchs Grenzgebiet lässt ein zerfahrenes Land erkennen, das nur notdürftig von illegalen Tunneln zusammengehalten wird.

Ein bisschen wie eine Inselgruppe, meint der Regisseur des Films Giacomo Abbruzzese, der in Siena, Grenoble, Bologna und Montreal studiert hat und mittlerweile von dem nordfranzösischen Film- und Medieninstitut Le Fresnoy produziert wird: „Während ich für den Film recherchiert habe, bin ich auf eine Karte in Le Monde diplomatique gestoßen. Aber das war nicht einfach eine normale Karte des Westjordanlands, bei der man nicht wirklich versteht, was Besatzung eigentlich bedeutet. Der Künstler hat einfach alle Gebiete, in denen israelische Kolonien liegen und die direkt von der israelischen Armee kontrolliert werden, blau angemalt, als seien sie Teil des Meers. Was dann noch von Palästina und dem Westjordanland übrig blieb, sah aus wie ein Archipel.“

Einsame Busreisende zwischen verfeindeten Welten

Dementsprechend lange dauere es, wenn man von Ramallah nach Ostjerusalem reisen wolle: „Was mich besonders frappiert hat, waren eben diese Grenzüberschreitungen, die nicht immer unbedingt geografischer Natur, sondern viel häufiger emotional waren. Wie viele fragmentarische Räume man in nur zwei Stunden durchqueren kann!“ Von eben diesen „fragmentarischen Räumen“ handelt Giacomos Film Archipel, in dem Abed nach Arbeitsschluss Jerusalem verlässt und in sein Heimatdorf im Westjordanland zurückkehrt.

Immer dabei ist eine weiße Styroporkiste, die er von Bus zu Bus schleppt und deren Inhalt genauso mysteriös ist wie die rotgewandete Schöne, die ihn in einem der Busse anlächelt. Die Vermutung, es handele sich bei der Kiste um eine Bombe, liegt natürlich nahe. Aber würde sich Abed am Ende des Films an einem israelischen Grenzposten in die Luft sprengen, wäre das zu simpel. Eben diese Stereotypen vom palästinensischen Selbstmordattentäter und vom israelischen Siedler will Giacomo mit seinen Film nicht transportieren. Dafür kennt er das Land zu gut, seit er eineinhalb Jahre als künstlerischer Assistent für das palästinensische Fernsehen gearbeitet hat.

In der Cinémathèque in Ostjerusalem entdeckte er damals nicht nur das Kino des Nahen Ostens, sondern beschloss auch, einen eigenen Film über dieses zerfahrene Land zu machen. Als Italiener in Israel und Palästina habe er sozusagen einen „jungfräulichen Blick“ auf das Geschehen, meint Giacomo: „Ich bin gegen die Ansicht, dass man immer auf der Seite einer Partei stehen muss. Schließlich ist das kein Fußballspiel und es geht nicht darum, nur für die Palästinenser zu sein. Für mich ist das eher eine Frage der Personenrechte, auch der Rechtssprechung und der Ehrlichkeit.“ Daher mag auch die besondere Ausgeglichenheit, ja Neutralität seines Films kommen, was bei der kontroversen Thematik von Archipel sicher nicht selbstverständlich ist. Trägt Abed nun eine Bombe mit sich herum oder ist in der Styroporkiste doch nur frischer Fisch? Ist er in seine jüdische Kellnerkollegin verliebt oder bildet sich das der Zuschauer, auf der Suche nach einer multireligiösen Liebesgeschichte, nur ein?

Vom multireligiösen und -ethnischen in den multinationalen europäischen Raum

Der Kurzfilm Archipel ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine einvernehmliche Lösung des Problems: „Ich bin gegen diese territoriale Aufteilung. Für mich hat das gar keinen Sinn, denn es handelt sich um ein einziges Land, einen Block, und alle Probleme sind in dieser Teilung angelegt.“ Die einzige Lösung sei ein laizistischer, multiethnischer und -religiöser Staat, in dem sich jeder Bürger frei bewegen könne. Nicht nur seine palästinensischen und israelischen Freunde hat Archipel überzeugt, sondern auch die Jury des 28. Torino Film Festivals, bei dem Giacomo im November 2010 einen ersten Preis für den besten Kurzfilm und den AVANTI!-Preis zur Förderung der öffentlichen Ausstrahlung seines Films erhielt. Seitdem tourt er mit Archipel durch ganz Europa, präsentiert seinen Film auf verschiedenen Festivals und arbeitet nebenbei an seinem neuen Kurzfilm Fireworks (2011).

Obwohl der in seiner Heimatstadt Taranto in der süditalienischen Region Puglia gedreht wird, lässt Palästina Giacomo nicht los: „Ich kann einfach keinen Film mehr machen, ohne von Palästina zu reden. Für mich ist das mittlerweile ein wichtiger Bezugspunkt geworden, der mir wie eine Verpflichtung, eine Notwendigkeit vorkommt. Deswegen wird in meinem neuen Film auch ein Palästinenser vorkommen.“ Außerdem spielen ein Franzose, mehrere Italiener und eine Griechin in dem Kurzfilm mit, in dem jeder Schauspieler seine Muttersprache spricht, aber sich doch alle wie durch ein Wunder verstehen. Auch einen Langspielfilm über Rumänien würde Giacomo gerne in Angriff nehmen. Schließlich sei die Frage nach religiöser Identität, ethnischer Zugehörigkeit, Immigration und Integration nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Europa aktuell: „Was momentan in der Welt geschieht, ist eine Aufteilung der Bevölkerung in erstklassige und zehntklassige Bürger. Wenn man zu den Erstklassigen gehört, kann man mit seinem Pass überall hinfahren, wo man will. Die zehntklassigen sind die illegalen Einwanderer. Das ist die Absurdität von Bewegung.“ Abeds Odyssee in Archipel ist also auf der einen Seite spezifisch für Israel und Palästina, illustriert aber gleichzeitig ein weltweites Dilemma. Wo die Reise zwischen fragmentarischen Räumen endet, bleibt dabei aber offen. Am Ende des Films wendet Abed sich fragend dem Betrachter zu: Sollte es hier noch weitergehen und wenn ja, was erwartet uns am anderen Ufer?

Illustrationen: ©Giacomo Abruzzese