Gewerkschaften, Streiks und Schnee - Europas 12 Tage Weihnachtspöbeln

Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2009
Ist Chaos zu verbreiten der beste Weg zum Ziel? Der British High Court machte den weihnachtlichen Streikplänen des Kabinenpersonals von British Airways kurzum einen Strich durch die Rechnung. Doch Europa bleibt auch über die Feiertage streikfreudig. Ein Panorama in 12 Tagen.

Mit dem ersten Weihnachtstag 2009 ging der Stress los. Mit den Unworten “Rezession” und “Arbeitslosigkeit“, die unerbitterlich in der Luft liegen, haben wir finanziell gesehen dieses Jahr definitiv ein schwereres Päckchen zu tragen als 2008. Aber keine Sorge, zu den Feiertagen soll es ja nicht ausschließlich um Geschenke und Dekoration gehen. Zumindest können wir die Weihnachtstage im Kreise der Familie verbringen, nicht wahr?

Nicht ganz. Denn am zweiten Weihnachtstag gingen eine verdächtig gepflegte Gruppe von Blondinen mit zu viel Lidschatten und ein paar Beaus mit zu viel Haargel schnurstracks auf klackenden Stöckelschuhen ins Büro der British Airways. Die Gruppe nennt sich Unite und ist namentlich die Gewerkschaft des BA-Flugbegleitpersonals. Nach einer kurzen Ding Dong Ansage nach Schema F verkündeten sie - dabei ständig lächelnd wie man annehmen sollte - dass sie die ganze Urlaubssaison über streiken würden. Doch Ding Dong, der British High Court machte daraufhin am 17. Dezember kurzen Prozess und erklärte den geplanten Streik als nichtig. Unite bereitet jedoch bereits ‚gute Vorsätze‘ und neue Streikationen für Neujahr vor.

Am dritten Weihnachtstag brach ein Schneesturm über Europa herein und legte den ein oder anderen Hochgeschwindigkeitszug auf dem Alten Kontinent lahm. Am 18. Dezember musste Eurostar seinen Zugverkehr zwischen Paris und London für 3 Tage unterbrechen - 40.000 Menschen steckten fest.

Am vierten Weihnachtstag war dann auch die Garda Síochana, die Nationalpolizei der Republik Irland, in Streiklaune - zumindest mit Blick in die Zukunft! Und das trotz der Tatsache, dass Streikaktionen der Polizei hier eigentlich strafrechtlich verfolgt werden. PJ Stone von der Polizeigewerkschaft in Irland (Garda Representative Association, was unglücklicherweise das gälische Wort für “Liebe” ist) beklagte, dass seine Mannschaft “sich wert- und nutzlos fühle”. Ähnlich wie ein Kunde von BA könnte man meinen. Da er mit einem unerwarteten Spektakel eines möglichen Polizeicoups konfrontiert war, warf der Justizminister Dermot Ahern ihm vor: “Es ist ein Angriff auf die Demokratie dieses Staates. Wir müssen dementsprechend Maßnahmen ergreifen.” Was für Maßnahmen genau der Staat ohne die Polizei ergreifen könnte, ließ er jedoch offen.

Deutsche Studenten drohten, die Hörsäle auch über die Feiertage besetzen zu wollen

Am fünften Weihnachtstag mussten deutsche Studenten immer noch die bittere Pille des Bologna-Prozesses [politisches Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010] schlucken. Studenten haben in monatelangen Demonstrationen, die als “Bildungsstreik 2009” bekannt wurden, gegen die tollpatschigen Ineffizienzen der EU-Bildungsoffensive von 1999 demonstriert, die dazu dienen soll, die Benotung von Studienleistungen an europäischen Universitäten besser aufeinander abzustimmen. Diesen Sommer gingen fast eine Viertelmillion Studenten aus dem ganzen Land auf die Straßen. Nun, da die meisten europäischen Studenten sich in warmer Kleidung in kalten Büchereien auf die Winterprüfungen vorbereiten, führen tausende deutsche Studenten ihre Proteste fort.

Vorweihnachtlicher Albtraum/ ©dalbera/ Flickr)Am sechsten Weihnachtstag verschärfte die RATP (Unabhängige Pariser Personen Transportverwaltung) ihren Streik der Pariser Vorstadtzüge. Streiks der “RER A”, Frankreichs betriebsamster Vorortszug (der pro Tag bis zu einer Million Fahrgäste transportiert), verursachten Chaos sowohl für Pendler als auch für Touristen, die in einer chaotischen Stadt bei minus 3 Grad gestrandet waren. Es finden Gespräche zu baldigen Streiks des “RER B” statt.

Am siebten Weihnachtstag wurden die Leute der Nachrichten über Streiks etwas müde. Bis zum achten Tag fiel es schwer, den Ärger zu unterbinden. In einem Wirtschaftssystem, das auf Profit basiert, ist Streik ein starkes und notwendiges Mittel, um ansonsten unvermeidbare Ausbeutung zu verhindern. Aber sich für Streik über Weihnachten zu entscheiden, ist in gewisser Weise schon eine Zumutung. Am neunten, zehnten und elften Weihnachtstag werden die Menschen eine saftige Autobahngebühr bezahlen, weil die Gewerkschaften keinen besseren Weg zum Verhandeln finden können, als Chaos für alle zu verbreiten, bis ihnen jemand gibt, was sie verlangen. In einem Winterklima von drastischer Arbeitslosigkeit würden Streikende gut daran tun abzuwarten, bis die stressigen Festtage vorüber sind, da verärgerte Bürger bis zum 12. Weihnachtstag weniger als jemals zuvor dazu bereit sein werden, sie in irgendeiner Form zu unterstützen - na ja, abgesehen von einem kräftigen Tritt in den Hintern.

Images: adebⓞnd/flickr,Niklas Plessing/flickr,dalbera/flickr