Gesichter Berlins: Freiwillige helfen Flüchtlingen

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2016

Im Sommer 2015 hat Deutschland seine Türen für Flüchtlinge aus Syrien und anderen angrenzenden Konfliktgebieten geöffnet. Staatliche Institutionen, errichtet, um Flüchtlingen zu helfen, waren in der Folge überlastet. Wegen Bürgerinitiativen wie "Moabit hilft" ist das Registrierungssystem für Flüchtlinge noch nicht komplett zusammengebrochen.

Moabit hilft

Auf dem Höhepunkt der Krise standen jeden Tag hunderte Menschen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) in Berlin und haben darauf gewartet, dass ihre Anträge bearbeitet wurden. Die Flucht steckte ihnen in den Knochen, die Leute waren verzweifelt. Rangeleien in der Schlange wurden gemeldet. Da trat "Moabit hilft" auf den Plan, um die Spannungen abzubauen und um die Wartenden vor dem LAGeSo mit dem Nötigsten zu versorgen.

Heute ist die NGO eine feste Anlaufstelle am LAGeSo - ein Hilfszentrum, bei dem man Kleidung, Essen, Hygieneartikel und Geld spenden kann. Freiwillige Helfer sortieren die Spenden und verteilen sie an die Flüchtlinge.

Die Freiwilligen bei 'Moabit hilft'

Hannah (20): Ich studiere Mathe, mental eine Herausforderung. Hier habe ich nichts im Kopf. Ich packe lediglich Gesundheitsartikel oder organisiere Shampoo. Eine leichte Aufgabe. Es gibt auch viele nette Leute hier. Flüchtlinge kommen hierher, weil sie zuhause gerne mal rauswollen. Ich habe echt keine Ahnung, wie sie so positiv bleiben können, nach allem, was sie durchgemacht haben. 

Jasmin (34): Ich arbeite hier, so viel ich kann. Manchmal mehr als zwölf Stunden. Ich habe meinen Großeltern versprochen, dass ich helfe, sobald es eine Flüchtlingskrise gibt. Sie waren beide selbst Flüchtlinge - von Deutschland nach Jerusalem, wo ich geboren wurde. Irgendwie bin ich auch selbst ein Flüchtling, denn ich kann nicht zurück nach Jerusalem. Die Polizei würde mich dort festnehmen, da ich mich politisch gegen den Genozid ausgesprochen habe.

Jasmin (24): Ich bin in Deutschland geboren. Meine Mutter war auch Flüchtling, aus dem Libanon. Sie ist dort vor dem Krieg geflohen. Was einen hier am meisten fordert, ist, wenn du weißt, dass du nicht helfen kannst. Ich arbeite gerade mit einem Flüchtling. Ich werde mit ihm zum Anwalt gehen. Er ist 17 und wir versuchen, seine Eltern aus Syrien nach Deutschland zu holen. Sie sind sehr alt. Er wird im September 18 und wir wissen, dass wir keine Chance haben, seine Eltern bis dahin herzuholen. Dafür ist die Zeit zu knapp. 

Riyad (47): Ich bin ein weiterer Flüchtling hier [lacht]. Ursprünglich komme ich aus Libyen, habe aber schon vor zehn Jahren in Deutschland Materialwissenschaften studiert. Meine Familie ist auch hier. Das ist gut. Die Kinder gehen auf eine deutsche Schule und sprechen fließend Deutsch. Ich habe immer noch keine Arbeitserlaubnis, auch wenn ich liebend gerne arbeiten möchte. Wir bekommen finanzielle Unterstützung vom LAGeSo, aber ich will gar nicht einfach so Geld kriegen. Aus diesem Grund mache ich hier freiwillig als Koodinator mit.  

Ho Jong (47): Meine Frau war unglücklich darüber, dass wir so ein selbstbezogenes Leben geführt haben. Also haben wir beschlossen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben: Zum einen haben wir etwas von unseren Gehältern abgezwackt, auf ein Extrakonto gepackt und nutzen es, um anderen zu helfen. Zum anderen investieren wir Zeit, um "richtig" zu arbeiten. Jedes Jahr nutzen wir daher zwei Wochen unseres Urlaubs, um zu helfen.   

Unai (30): Früher habe ich Autos repariert. Es hat mir aber nicht wirklich Spaß gemacht. Ich wollte mein Leben verändern, deshalb bin ich nach Berlin gezogen. Ich wollte schon immer einen Job im sozialen Umfeld. Jetzt studiere ich Pädagogik und arbeite halbtags. Hier versorgen wir die Leute, die in der Schlange warten, drei Mal am Tag mit Tee, Kaffee und heißer Schokolade. Das bereitet ihnen Freude. Ich mag die Atmosphäre hier und was wir machen. 

Mustafa (29): Ich komme aus Palästina. In Syrien habe ich als Lehrer für Arabisch und Literatur gearbeitet. Seit acht Monaten lebe ich jetzt schon hier. Sobald ich meinen Deutschkurs beendet habe, möchte ich zur Uni gehen, damit ich wieder ein Lehrer werden kann.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.