Geschichte verstehen, um Zukunft zu schaffen

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2005
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Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2005

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Wie geht die Eurogeneration mit der wechselvollen Vergangenheit Europas um? Eine Französin in Berlin und eine Deutsche in Paris denken zusammen über die Geschichte nach, und was wir aus ihr für die Zukunft lernen können.

„Es lebe Bonn. Es lebe Deutschland. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft.“ Dies waren die Worte von Charles de Gaulle bei einem Besuch in Deutschland im Herbst 1962. Nur einige Monate später, am 22. Januar 1963 legte die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Grundstein für die heute so enge Beziehung zwischen den beiden Nachbarländern, die als Grundlage der Europäischen Integration gilt. Doch die Geschichte des deutsch-französischen Bilateralismus ist kompliziert. In den vergangenen 150 Jahren führten die Nachbarn drei Kriege gegeneinander. Besonders der zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung prägten ein negatives Deutschlandbild der Franzosen. Wie gehen junge Deutsche und Franzosen heute mit ihrer Geschichte um? Ist Geschehenes vergessen oder bleibt Geschichte Gegenwart? Clémence Delmas (Französin, 26) und Ruth Bender (Deutsche, 22) erzählen, wie sie die Geschichte und die Zukunft sehen.

Von der Versöhnung zum konstruktiven Austausch

„Vor 60 Jahren war Frankreich von den Nazis besetzt; seit 6 Jahren besetze ich Berlin“, sagt Clémence. „Dort genieße ich den sonnigen Sommer, überlebe den grauen Winter, esse viel zu große Eclairs und spreche „Balkon“ wie die Deutschen aus. Ich fahre eine „Schwalbe“, meine Katze ist Deutsche. Was für eine Integration! Manchmal leiste ich aber noch Widerstand: lange Entscheidungsprozesse im deutschen Alltag sind mir zu demokratisch (Der Zentralismus hat doch seine Vorteile), Abendbrot finde ich immer noch deprimierend und ich kann mich mit dem Wort „Ausländer“ nicht anfreunden.

Meine Ururgroßeltern wären bestimmt nicht sehr glücklich zu wissen, dass ein Nachkomme heute in Preußen lebt. Sie waren Ende des 19. Jahrhunderts aus Lothringen geflüchtet, damit ihre Kinder nicht „deutsch“ erzogen werden. Meine Großeltern haben sich aber dafür engagiert, dass ihre Kinder früh Deutsch lernen. Heute – 50 Jahre später - haben mein Vater und meine Tante noch Kontakte mit ihren deutschen Brieffreunden, die sie damals regelmäßig besuchten. Die Entscheidung, mich in Berlin anzusiedeln, hat jedoch wenig mit meiner Familiengeschichte zu tun. Diese chaotische Stadt und das Hochschulsystem haben mir sofort gefallen, und dann bin ich dort geblieben. So einfach war das.

Franzosen zeigen oft wenig Interesse für Deutschland, jedoch könnten sie in vieler Hinsicht von ihrem Nachbarn lernen. Ich habe in Deutschland den Sinn der Wörter „Rechtsstaat“ und „Demokratie“ begriffen. In Sachen Bildung läuft hier einiges besser als in Frankreich, auch wenn die Deutschen sich an dem französischen System orientieren wollen, mit seiner Eliteförderung und den Ganztagsschulen. Man kann in den zahlreichen Volkshochschulen Informatik, Fremdsprachen oder Tango für sehr wenig Geld lernen. In der Bundeszentrale für politische Bildung findet der Schüler, der Student oder der normale Bürger eine ganze Reihe von preiswerten Veröffentlichungen zu gesellschaftlichen Themen und zur National- und Weltgeschichte. Am meisten könnten die Franzosen von den Deutschen jedoch in Geschichtsaufarbeitung lernen – ein ins Französische unübersetzbarer Begriff. Die Deutschen beneiden oft das so kuschelige Nationalgefühl der Franzosen. Vielleicht sollten diese ihren Nationalstolz hingegen relativieren und anfangen, sich ernsthaft mit ihrer Vergangenheit und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart auseinanderzusetzen. Die dunkle Seite der französischen Geschichte wird meistens als Betrug der französischen Zivilisation dargestellt. So bleibt das Bild Frankreichs unangetastet und „Kollektivschuld“ ein Fremdwort.

In Deutschland dagegen könnten die zweite und dritte Generationen der Nachkriegszeit auf einiges stolz sein: Auf die Qualität ihrer Demokratie und auf die aus französischer Perspektive unglaubliche Geschichtsaufarbeitungsarbeit, die ihre Eltern und Großeltern geleistet haben. Eine positivere Wahrnehmung der nationalen Identität würde sicherlich zur besseren Integration von Einwanderern in Deutschland beitragen: Wenn schon die Deutschstämmigen nicht einigermaßen auf ihre deutsche Identität stolz sind, wie kann dann Integration in die nationale Gemeinschaft für Migranten erstrebenswert sein?

Die Generation meiner Eltern ist die der Versöhnung mit Deutschland und des Austausches von Nettigkeiten. Die deutschen und französischen Jugendlichen von heute sollten sich nun für einen konstruktiven und kritischen Austausch zwischen den beiden Ländern engagieren.“

Die Geschichte verstehen, um die Zukunft zu verbessern

„Ich bin Deutsche, aber ich könnte nie sagen, ich bin stolz darauf, dabei käme ich mir komisch vor. Seit dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus ist die deutsche Identität eine umstrittene und komplizierte Angelegenheit,“ meint Ruth, eine Deutsche in Paris. „Meine Freunde im Ausland sagen, ich wäre nicht „typisch deutsch“. Meine besten Freunde in Deutschland sind jüdisch und ich war schon zweimal zu Besuch in Israel. Ich lebe ein bisschen überall, nur nicht in Deutschland. Ist dies untypisch für eine Deutsche? Was bedeutet es heute „deutsch“ zu sein?

Sich mit der Geschichte zu beschäftigen war Teil meiner Erziehung. Meine Mutter arbeitete viele Jahre in der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit in Frankfurt und brachte mich und meine Schwester von klein auf mit dem Thema Nationalsozialismus und Drittes Reich in Kontakt. Nur wenige aus der Generation meiner Großeltern schafften es, über ihre Erfahrungen in Nazi-Deutschland zu sprechen, die Generation meiner Eltern reagierte auf die Vergangenheit entweder mit Revolte oder Ignoranz. Meine, die dritte Generation der Nachkriegszeit ist von entscheidender Wichtigkeit für die Zukunft von Deutschland. Wir haben die letzte Möglichkeit, die noch lebenden Zeitzeugen des Dritten Reiches zu befragen. Ich erinnere mich gut an den Besuch des Auschwitzüberlebenden Arno Lustiger in meiner Schulklasse. Seine Erzählungen bewegten mich sehr und ich bewunderte seine Entscheidung, nach dem Krieg in Deutschland zu bleiben. „Ich bin heute hier und erzähle euch jungen Menschen meine Geschichte, damit ihr lernt und sich die Vergangenheit nicht wiederholt“, sagte er. Es hat lange gedauert bis Opfer wie auch Täter des Nazi Regimes den Mut fassten, ihre Geschichten zu erzählen, genauso wie es lange gedauert hat eine Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland aufzubauen. Die Geschichte der Generation meiner Grosseltern wird Deutschland noch eine Weile verfolgen, und jeder muss lernen mit seiner eigenen Geschichte umzugehen.

Für manche Deutsche sind der Ansicht, das Thema Nationalsozialismus sei überbehandelt worden, aber ich bin vom Gegenteil überzeugt. Nur unter dem Bewusstsein der grauenhaften Vergangenheit kann die Zukunft ein neues Deutschland und auch ein neues Europa bringen. Adenauer und de Gaulle machten den ersten Schritt zu einer neuen Zukunft Europas vor über 40 Jahren. Heute liegt es an jedem Individuum, nicht nur in Deutschland und in Frankreich, sondern auf der ganzen Welt, seine Geschichte zu verstehen um eine bessere Zukunft zu schaffen und die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.“