Geschichte atmen in Breslau

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2016

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Das polnische Breslau ist dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Nicht nur die Architektur, auch kleine goldene Zwerge zeugen noch heute von der wechselnden, deutsch-polnischen Geschichte der Stadt. Impressionen von einer Reise nach Breslau.

Breslau ist eine vielfältige Stadt: Sie ist architekonisch spannend, hat viele alte Gebäude, mehr als 100 Brücken und ist über 12 Inseln verteilt. Hochschulen mit rund 160.000 Studenten befinden sich hier - und viele kulturelle Einrichtungen, wie das Breslauer Stadtmuseum, das Architekturmuseum oder Diözesanmuseum. Dieses Jahr ist Breslau - neben San Sebastian in Spanien - Europäische Kulturhauptstadt

Obwohl die Stadt im Westen Polens heute mehr als 600.000 Einwohner zählt, kennt sie keine Hektik. Viele Straßen sind mit Bäumen geziert und das Grün trägt wesentlich zum Stadtbild bei: Überall in der Stadt finden sich üppige Grünflächen, es gibt einen großen Zoo aus dem Jahr 1865 und einen Botanischen Garten.

Erwachen als Europas Kulturhauptstadt

Im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt finden das ganze Jahr über verschiedene kulturelle Veranstaltungen statt. Unter dem Motto "Erwachen" fand im Januar ein gigantischer Umzug durch die Stadt statt. Ein halbes Jahr lang wurden Konzertbesucher jeden Sonntag an Orte eingeladen, die verlassen, verkommen und vergessen sind. Dort spielten einzelne Musiker der Nationalen Philharmonie Breslau unter dem Titel Die vergessene Stadt (zapomniane miasto) auf ihren Instrumenten. So versammelte sich das Publikum mal in einem Innenhof, an dessen Wänden die Farbe abblätterte und die Fensterbretter voller Taubenscheiße waren - oder in alten, heruntergekommenen Häusern, aber auch im alten Bahnhof. Das Publikum kam nicht nur, um eine Stunde lang schöner Musik zu lauschen, sondern auch, um vergessene Orte neu zu entdecken. 

An anderer Stelle stellte das Goethe-Institut aus Krakau einen gläsernen Pavillon auf: Konzerte und DJ-Sets wurden auf dem Dach gespielt, literarische Vorträge nach außen übertragen - und immer wieder gab es interaktive Ausstellungen, wie die Radioinstallation Wellen der Erinnerung oder die Musikkonstruktionsmaschine:

Mal polnisch, mal deutsch - immer international

Breslau war früher wichtig und reich - lag die Stadt doch an einer wichtigen Handelsstraße, die West- und Südeuropa mit den ost- und nordeuropäischen Metropolen verband. Schon in der Antike war die Stadt Umschlagplatz an der Bernsteinstraße. Jahrhundertelang lebten in der Stadt Deutsche, Polen und Menschen verschiedener anderer Nationalitäten, Juden, Christen und Orthodoxe zusammen - unter wechselnder Herrschaft. Heute "tropft in Breslau Geschichte aus jeder Dachrinne": Die Stadt blickt vor allem auf eine wechselvolle Geschichte zurück.

Im Jahre 1335 kam Schlesien mit seiner Hauptstadt an Böhmen und ab 1526 hatte hier das Haus Habsburg das Sagen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Breslau zu Deutschland. Als die Ostgebiete Polens in sowjetische Hand fielen, siedelten die Flüchtlinge von dort in den damaligen Osten Deutschlands. Mit dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt somit einen kompletten Bevölkerungswechsel erlebt: Erst flohen während des Krieges die Polen, die Juden wurden deportiert. Nach dem Krieg flohe die Deutschen - und Polen aus den Ostgebieten siedelten dort an. Seitdem gehört die Stadt zu Polen und heißt auf Polnisch Wroclaw

Die Geschichte lässt sich an der Architektur in der Stadt ablesen: Läuft man beispielsweise durch das angesagte Viertel der vier Tempel, trifft man neben angesagten Cafés und Bars sowie dem Kulturzentrum "Zum weißen Storch" vor allem auf Spuren eines Zusammenlebens von vier Religionen auf engstem Raum. Und wer durch die Hinterhöfe läuft, die fast nahtlos ineinander übergehen, fühlt sich, als würde er durch die Hackeschen Höfe in Berlin laufen. In die deutsche Hauptstadt sind es nur vier Stunden Zugfahrt. Als die Städte beide noch zum selben Staat gehörten, fand hier ein reger architektonischer Austausch statt.

Neben renovierten österreich-habsburgischen Gebäuden finden sich sozialistische Plattenbauten oder Gebäude der klassischen Moderne, wie etwa die Jahrhunderthalle, erbaut von Max Berg in den Jahren 1911 bis 1913 als „Kathedrale der Demokratie“. Vor hundert Jahren sorgte sie für viel Aufsehen: Berg war 1909 bis 1925 Stadtbaurat. Wie Hans Poelzig, Hans Scharound und Erich Mendelsohn, die in Breslau alle die Moderne einläuteten, gehörte auch er zu den wichtigen Architekten der Zeit. 

Zwergenaufstand und neuere polnische Geschichte

Läuft man aufmerksam durch Breslau, so finden sich am Wegrand, an Straßenlaterne und Mauern lauter kleine goldene Zwerge, deren Zahl weiter steigt. Damit macht die Stadt ihren jüngsten Besuchern eine Freude - erinnert aber vor allem an die Orangene Alternative - eine Oppositionsbewegung während der Sowjetzeit in Polen, die die Regierung und die Situation in Polen mit viel Witz und Humor kritisierte.

Bunte Stellen auf Mauern, mit denen die Polizei im Auftrag der Regierung oppositionelle Sprüche übermalt hatte, versahen die Mitglieder der Gruppe mit Zeichnungen von Zwergen. Daran konnte niemand etwas aussetzen - und dennoch hatten sie eine starke Botschaft: Sie machten deutlich, dass an der Stelle Regierungskritik und Zensur stattgefunden hatte.

Klassische Sehenswürdigkeiten: Dom-Insel und Marktplatz

Die bekannteste der 12 Inseln der Stadt ist die Dom-Insel. Hier befindet sich die ältesten Gebäude der Stadt. Dazu zählen zum Beispiel der Bischofssitz, der Dom Sankt Johannis und ein Frauenkloster. Hier wurden die alten Kirchen wieder aufgebaut und saniert und auf dieser Insel stand die älteste Burg der Stadt, datiert auf das Jahr 1000. Die Dom-Insel zwischen den Oderarmen ist seit dieser Zeit der Sitz des Bistums Breslau und auf jeden Fall einen Besuch wert. Der gotische Dom Sankt Johannis entstand vom 13. bis 15. Jahrhundert an der Stelle der ersten Breslauer Kathedrale aus dem Jahr 1000. 

Auch der Marktplatz ist reich an Geschichte und Architektur. Er im 13. Jahrhundert erbaut worden und wurde durch den Ring und ein regelmäßiges Straßensystem abgesteckt. Mit seinen fast vier Hektar gilt er als einer der größten in Polen.

Die Perle des Platzes stellt das spätgotische Rathaus dar, erbaut schrittweise von 1290 bis ins 16. Jahrhundert. Es zählt europaweit zu den wertvollsten Gebäuden dieser Art und jeder Besucher staunt über so viel Ästhetik. Die Fassaden zieren Plastiken, die die administrativen und gerichtlichen Aufgaben des Hauses künstlerisch umsetzen. Im Innern laden viele Räume, etwa der Bürger-, Fürsten-, Vogtei- oder Ratsherrensaal zu einem Rundgang ein. 

Später wurde in der Markthalle gehandelt. Sie ist bis heute geöffnet. Von Gemüse, Fisch und Fleisch findet man dort bis hin zu Fäden und Krimskrams-Ständen alles was das Herz begehrt. Und in der billigen Milchbar bekommt man neben der Portion "pierogi" auch Tischnachbarn, mit denen man sonst nie die Bekanntschaft machen würde. 

Viel zu entdecken: Alternative Viertel und Cafés 

Aber Breslau hat nicht nur diese schönen, herausgeputzten Seiten. Spannend erscheinen vor allem Viertel, die abseits der aktuellen toruistischen gebiete liegen. Zum Beispiel die Odervorstadt "Nadodrze" (wörtlich "an der Oder"). 

In den Mietskasernen wohnten früher Arbeiter. Noch vor etwa fünfzehn Jahren ein heruntergekommener Ort, in den man sich nicht hineintraute. Nun vergleicht die Zeitung die taz das Viertel mit Kreuzberg - worüber widerum die polnische Redaktion der deutschen welle berichtet. Tatsächlich kann man in diesem Viertel die langsame Gentrifizierung spären: Neben Häusern mit abblätternder Farbe stehen renovierte, frisch gestrichene Wohnhäuser - oder große Murals.

Alte Einwohnern treffen hier auf die ersten Neuzuzügler - und mit Cafés wie dem rozrusznik erscheinen dort die ersten hippen Cafés. In der Initiative Lokietka 5, benannt nach der Straße, in der sich das Büro befindet, werden die Bewohner des Viertels selbst aktiv.

Bekannte Persönlichkeiten 

Breslau hat bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht wie Edith Stein, eine Philosophin und katholische Ordensfrau, die 1942 im KZ Ausschwitz-Birkenfeld starb und 1998 heilig gesprochen wurde. Auch Alzheimer, nach dem die Krankheit benannt ist, lebte in seinen letzten Jahren in Breslau und übernahm an der Friedrich-Wilhelm-Universität die Nachfolge von Karl Bonhoeffer als ordentlicher Professor. Weitere bekannte Namen sind Angelus Silesius, Komponist, Dietrich Bonhoeffer oder der Arbeiterführer Lassalle und Peter Hacks, dem 2003 verstorbenen Gründer der sozialistischen Klassik in der Literatur. Besonders stolz ist die Stadt auf die Nobelpreisträger, die hier geboren wurden oder gewirkt haben. Da ist zunächst der Historiker Theodor Mommsen, der hier einige Jahre an der Universität lehrte - oder Paul Ehrlich, Preisträger in der Medizin. Gerhart Hauptmann besuchte hier die Schule. Seine „Weber“ spielen in Schlesien und dürften jedem bekannt sein. Max Born erhielt den Nobelpreis in Physik.

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Programm Breslau - Europäische Kulturhauptstadt 2016