Germán Reyes: europäischer Geist in Jerusalem

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2005
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Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2005

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café babel reist nach Jerusalem, um mit Germán Reyes zu sprechen, dem Kulturattaché der Agencia de Cooperación Española para los Territorios Ocupados, dem spanischen Hilfswerk für die besetzten Gebiete.

Jerusalem - die internationale Stadt, in der drei Kulturen zusammenleben, drei Religionen, die in einem Alltag voller Anspannung mehr schlecht als recht miteinander auskommen. Bis wir zu den Toren der Altstadt gelangen, dem Sitz der drei Kultstätten, müssen wir mehrere Stunden voller Registrierungen, Fragen und Kontrollen überstehen – die so genannten „Sicherheitsmaßnahmen“. Ich treffe Germán Reyes ruhig auf seiner Terrasse sitzend, abgeschnitten vom Lärm des Basars, im dem sich die Wege zu den verschiedenen Heiligtümern kreuzen, von bartlosen Israelis in Sicherheitswesten beschützt.

Die ängstliche Stadt

Der heutige Kulturattaché kam am 18. Oktober 2002 in Jerusalem an. Zunächst arbeitete er als Lektor an der Universität Al-Quds, am Rande der Stadt. Er war 26 Jahre alt und hatte gerade sein Studium der arabischen Philologie in Sevilla abgeschlossen. Auf die Frage nach seinen ersten Gefühlen, wie er Jerusalem anfangs erlebte, antwortet er: „Es war meine erste Begegnung mit der Wirklichkeit dieses Konflikts: Entscheidungen, die tausende Kilometer weiter weg getroffen werden, haben sofortige Auswirkungen auf das Leben der einfachen Leute.“ Das sollte er bald am eigenen Leid erfahren: „Sechs Monate nach meiner Ankunft begann die amerikanische Invasion im Irak. Alle entbehrlichen, ausländischen Mitarbeiter in den Palästinensergebieten wurden bis auf weiteres abgezogen.“ Zurück in Spanien blieb ihm nur das Warten.

Germán Reyes kam erst nach sechs Monaten zurück, um weiterzuarbeiten. Jerusalem, die alte Stadt, ist angespannt und besorgt, schließt ihre Pforten, wie man in einem Haus die Rollläden herunterlässt. Die Dunkelheit bricht ein.

Die Welt, betrachtet aus Jerusalem

Bevor er nach Jerusalem kam, hatte er schon andere muslimische Länder wie Tunesien, Ägypten, Jordanien und Marokko erlebt. Als ich ihn frage, welche Unterschiede es zwischen all diesen Ländern und dem Westjordanland gibt, ist er überrascht. Ihm erscheint die Antwort offensichtlich. Daraufhin bitte ich ihn, er möge den Konflikt und die Realität einmal getrennt sehen. „Das kann man nicht trennen; der Konflikt ist in allem, was getan, gelebt, gefühlt wird… Das ist der Unterschied“. Ein Spaziergang durch Jerusalem – wenn man sich traut, ihn als solchen zu bezeichnen - hat etwas Anregendes und Malerisches, etwas Trauriges und Aggressives zugleich. Du kannst anhalten und bei den Menschen nachfragen, wie sie die Situation erleben. „Darin liegt der Unterschied: Die Palästinenser sind eine der wenigen Araber, die sich frei ausdrücken. Die Anspannung lässt sie kein Blatt vor den Mund nehmen.“, sagt er und fügt hinzu: „Die arabische Welt leidet an der Selbstkritik, die manchmal durch einen extrem schwarzen Humor ersetzt wird.“ Das Nachdenken und die Redefreiheit erlauben es den Palästinensern, sich ihrer Situation genau bewusst zu sein. Auf kluge Art und Weise – eine Frucht, der am eigenen Leibe erlebten Erfahrungen – sind sie in der Lage zwischen Regierung und Bürger zu unterscheiden. Für sie ist „Amerika die Bush-Regierung und außerdem seine Bürger.“ „Und Europa?“, frage ich ihn. „Wie sehen sie es?“ „Es gibt kein Gesamtbild von dem was Europa ist. Für sie ist es noch Amalgam zwischen sehr verschiedenen Ländern. Die Gemeinschaftspolitik reicht nicht bis hierher. Sie wissen nicht, welche Länder der Union angehören und welche nicht. Nur Frankreich sticht heraus, weil es das Land war, das Arafat in seinen letzten Tagen aufnahm. Das hat mit Europa nichts zu tun.“

Trotzdem versucht er als Kulturattaché, von seiner Arbeit im des technischen Büro der Cooperación Española aus, das Image der Europäischen Union aufzupolieren. Um dies zu erreichen, treffen sich alle europäischen Delegationen in dem Gebiet einmal pro Monat, um gemeinsame Projekte voranzubringen. Auf diese Weise halten sie den europäischen Geist am Leben: Sie kennen einander, arbeiten zusammen und bündeln ihre Kräfte. Es gibt Europa in Jerusalem.

Historische Momente

„Wie viele Bilder sind dir schon unauslöschlich in deine Erinnerung eingegraben?“ „Tausende…Unvergessliche Momente aus ganz verschiedenen Gründen: persönliche, historische…“ „Fühlst du dich, da du in Jerusalem lebst, als echter Weltbürger?“ „Ich erinnere mich noch an das Geräusch der Hubschrauber, die aus Ägypten kamen mit dem leblosen Körper Yasser Arafats an Bord. Ich war gerade in der Muqata [dem Generalquartier der Palästinensischen Autonomiebehörde] in der Stadt Ramallah. Tausende Palästinenser hatten sich versammelt, um ihren Führer zu empfangen; ihn empfingen tausende Luftschüsse. Dies war ein historischer Moment.“

Dennoch kann man ein mehr oder weniger normales Leben führen. „Freitags, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, gehe ich mit einem Freund in irgendein Hotel etwas trinken und danach mache ich mich auf den Weg nach Hause, um mir etwas zu kochen. Nachdem ich mich ausgeruht habe, gehe ich aus, um mich in irgendeinem Lokal in Ostjerusalem, dem palästinensischen Teil der Stadt, zu entspannen.“ Das Seltsame liegt in den Bedingungen unter denen der Alltag gelebt wird; die kleinsten Dinge führen zu Anspannung, Angst und Unsicherheit.

Seine Mission ist erst in zwei Jahren vorbei. Danach, glaubt er, dass es Zeit sein wird, die Region zu verlassen. Wir fragen nach den erreichten Zielen. „Wie ist es mit den persönlichen, wenn wir schon dabei sind?” Es ist ihm anzumerken, dass er Tag für Tag arbeitet, um das Beste von sich an diesem Ort zu lassen. „Einer meiner palästinensischen Schüler, 18 Jahre alt, der kürzlich angefangen hat zu studieren, sagte mir: ‚Das hier wird zurzeit nicht geklärt und wird auch in Zukunft nicht geklärt werden, solange es keinen Staat für beide Völker gibt.’ Sein Satz klingt immer noch in meinem Kopf nach.“

Er seufzt. „Was wäre die Stadt nur ohne den Konflikt?” „Ein Wahnsinn!!!“, antwortet Germán Reyes, „Die Altstadt würde unter dem Ansturm der Touristen und Gläubigen verschwinden. Da es die Pilgerstadt für drei Weltreligionen ist, wäre es unmöglich, das zu handhaben.“ erklärt er lächelnd. Da ich mein Interview nicht mit diesem Satz beenden will, frage ich ihn nach etwas, was wir bei unserem Besuch in Palästina auf keinen Fall verpassen dürfen. „Einen Sonnenuntergang in Jericho“ lautet die abschließende Antwort.