Georgiens Vito Kolelishvili: „Können Sie sich ein Rugbyteam ohne Stadion vorstellen?“

Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 10. Februar 2009
Seit 2004 ist Vito Kolelishvili professioneller Rugbyspieler bei Lelos, der georgischen Rugby-Union-Nationalmannschaft. Kurz nach Ende der georgischen Liga , wurde der 19-Jährige als „Bester Rugbyspieler 2008“ nominiert. Interview.

Wie sind Sie zum Rugby gekommen?

Am Anfang musste ich hart arbeiten, um mithalten zu können. Es war manchmal schwierig, hält aber auch Überraschungen bereit: Ich hatte zum Beispiel nicht damit gerechnet als „Bester Spieler 2008“ nominiert zu werden. Als Sportler ist es sehr wichtig, dass Gefühl zu bekommen, dass deine Leistung gewürdigt wird. Das macht selbstbewusst und man fühlt sich viel motivierter, sich noch weiter zu entwickeln. Es ist wirklich eine große Ehre für mich und gibt mir mehr Kraft, erfolgreich zu sein - nicht nur in Georgien, sondern auch in anderen Ländern.

Was hindert das georgische Rugby daran, sich weiter zu entwickeln?

Das größte Problem des georgischen Rugbys ist der Mangel an Stadien. Können Sie sich ein Rugbyteam ohne Stadion vorstellen? Nur eine der Mannschaften hat ein eigenes Feld. Für jedes Training müssen wir andere darum bitten, uns ihre Arena zu leihen. Die Teams haben keine Sponsoren oder Verantwortlichen, die sich derartigen Problemen widmen. Stattdessen wandern wir von einer Region in die nächste, um spielen zu können.

Kann man vom Rugbyspielen leben?

Wir verdienen fast nichts. Trotz minimaler Einkommen geben die Trainer ihr Bestes. Ihr Enthusiasmus basiert nur auf der Liebe zum Sport - sonst nichts.

©Nino Gogua

Und muss man für eine Rugbyausbildung in Georgien zahlen?

Die Trainer setzen sich für Talente ein. Wenn du wirklich motiviert bist, wird niemand nach den 40 oder 50 georgischen Lari (18-23 Euro) Gebühren pro Monat fragen. Vielleicht wird nach einem Mannschaftsbeitrag von 10 Lari (4,60 Euro) gefragt, um Bälle zu kaufen oder Trikots. Aber wenn die Eltern das nicht aufbringen können, ist das auch in Ordnung. In Tiflis sind die Lebensstandards gewöhnlich höher. Dort können die Eltern den Beitrag bezahlen. Weniger gut sieht es in den kleineren Städten aus. Ein Freund von mir spielt in einem Regionalteam und die Trainer haben dort überhaupt kein Einkommen!

Momentan ist auch niemand daran interessiert, in Rugbyspieler zu investieren, wie es in anderen Ländern der Fall ist. Das Risiko ist zu hoch; sie haben keine Erfahrung darin, Geld in den Sport zu investieren. Subventionen kommen also nur vom Staat. Ab und zu werden Preise für Spiele ausgeschrieben. In der Saison 2008 konnte die Gewinnermannschaft 350.000 Lari (161.000 Euro) beim Landesturnier abstauben, die vom Präsidenten gespendet wurden. Einzelne Spieler erhielten aber kein Preisgeld.

Offenes Gedränge, Tunnel, Paket: Ist das Team bei soviel Körperkontakt eigentlich krankenversichert?

Versicherungen sind ganz neu im Sport in Georgien. Allerdings gab es das letzte Mal, als ich mit einem verletzten Fuß ins Krankenhaus musste, so viele Probleme mit der Versicherungsgesellschaft, dass ich letztlich entschieden habe, selbst zu zahlen.

Planen Sie, Ihre Karriere im Ausland fortzusetzen?

Gibt es irgendeinen Rugbyspieler, der es als Sportler zu etwas bringen will und nicht in einem ausländischen Team spielen möchte? Aber ich will nicht gleich von hier weg! Ich habe noch Ziele hier, die ich dieses Jahr erreichen möchte. Aber auf lange Sicht - ohne Bezahlung für Spieler und Trainer - wie weit kommt man da schon? Es ist okay, solange man jung und talentiert ist und einen guten Trainer hat. Aber wenn man älter wird, ein Einkommen haben will und nach all der harten Arbeit natürlich auch eine Karriere aufbauen möchte, gibt es immer mehr Gründe, das Land zu verlassen.

Wie viele georgische Rugbyspieler spielen im Ausland?

Die genaue Anzahl weiß ich nicht, aber es sind viele. Die meisten sind nach Frankreich gegangen, weil sie dort gut bezahlt werden und sich in einem guten Team entfalten können. Ich würde selbst gern nach Frankreich oder auch England gehen, wo Rugby sehr professionell gespielt wird. Nach Spanien oder Polen würde ich nicht ziehen oder in andere Länder, wo die Spielerqualität der georgischen ähnelt. Wenn ich das Land schon verlasse, dann um erfolgreicher zu sein, als ich es in Georgien sein kann. Es gibt ein paar gute Rugbyspieler, die so verzweifelt sind, dass sie sogar in Aserbaidschan spielen würden, nur um überhaupt etwas zu verdienen.

Wie sieht die Zukunft aus?

Ich bin gefragt worden „Seven Men“ [Rugbyvariante mit sieben statt der üblichen 15 Spieler pro Seite; A.d.Ü.] zu spielen. Bald wird der Trainer die Spieler für die nationalen Ausscheidungen auswählen. Ich werde also meine ganze Kraft ins Training stecken. Wenn das vorbei ist, denke ich darüber nach zu einem ausländischen Team zu wechseln - wenn sich eins für mich interessiert.