Georgien: Liebe geht durch den Kofferraum

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2013

Der Kaukasus ist voller unglaublicher Traditionen. Eine davon besagt, wie ein junger Verehrer seiner Liebsten den Hof machen soll: Indem er sie zuerst entführt. Auch in Georgien setzt man diesen Brauch gern in die Tat um.

„In meinem Leben habe ich ungefähr bei 15 Entführungen mitgemacht“, gesteht der fünfzigjährige Guiorgui zwischen zwei Gläsern georgischem Wein. „Außer meine Frau habe ich auch noch ein paar Mädels für Freunde entführt. Eigentlich ist das nicht so schwer: Man steckt die Frau in den Kofferraum und schon ist man abgebraust! Nur manchmal muss man sie halb bewusstlos schlagen.“  Die Angebetete zu kidnappen ist eine altüberlieferte Tradition in den entlegenen Gegenden des Kaukasus. Mithilfe von Freunden „klaut“ man die Dame und hält sie eine bestimmte Zeit gefangen, meistens nicht länger als drei, vier Tage. In dieser Zeit fragt der Mann die Frau, ob sie ihn heiraten will - oder eben nicht. Falls die Antwort negativ ausfällt, wird sie in der Regel so schnell wie möglich in ihre Familie zurück gebracht.

 „In meinem Leben habe ich ungefähr bei 15 Entführungen mitgemacht“, gesteht der 50-jährige Guiorgui zwischen zwei Gläsern georgischem Wein. „Außer meine Frau habe ich auch noch ein paar Mädels für Freunde entführt. Eigentlich ist das nicht so schwer: Man steckt die Frau in den Kofferraum und schon ist man abgebraust! Nur manchmal muss man sie halb bewusstlos schlagen.“ 

Die Angebetete zu kidnappen ist eine altüberlieferte Tradition in den entlegenen Gegenden des Kaukasus. Mithilfe von Freunden „klaut“ man die Dame und hält sie eine bestimmte Zeit gefangen, meistens nicht länger als drei, vier Tage. In dieser Zeit fragt der Mann die Frau, ob sie ihn heiraten will - oder eben nicht. Falls die Antwort negativ ausfällt, wird sie in der Regel so schnell wie möglich in ihre Familie zurück gebracht.

Liebe beginnt mit einem Schlag auf den Kopf

„Vor ungefähr 20 Jahren wurde ich für vier oder fünf Tage entführt“, erzählt Elena, eine hübsche Frau in den Vierzigern. „Ich kam von der Uni nach Hause, vor der Tür schlug mir jemand auf den Kopf. Ich wurde ins Auto auf die Rückbank verfrachtet. Als ich wieder zu Bewusstsein kam habe ich gemerkt, dass der Mann, der mich gekidnappt hat, ein Typ aus meiner Schule war, den ich nicht ausstehen konnte. Er hat mich aufs Land zu seiner Familie gebracht. Er hat mir gesagt, ich könnte nicht weg, weil ich nun ein paar Tage über die Hochzeit nachdenken sollte. Außer dem Schlag auf den Kopf hat er mir nichts getan, mich auch nicht angefasst.“

„Meine Familie suchte mich“, erzählt Elena weiter. „Sie hat schließlich die Polizei gerufen, die hat mich dann gefunden. Ich habe keine Anzeige erstattet. Ich wollte nicht, dass er ins Gefängnis muss. Er hat mich danach nie mehr genervt. Der zweite Mann, der mich entführte, hat das ohne Gewalt gemacht. Ich habe ihn geheiratet und eine Tochter mit ihm.“

Vier Hochzeiten, viele Entführungen

Diese Methode ist nicht sehr weit verbreitet, vielleicht liegt ihr Ursprung auch deshalb im Unklaren. Einige berufen sich auf die Bibelstelle „Die Entführung der Mädchen von Silo“. Aber wie kann man sich dann erklären, dass die „Liebesentführungen“ im islamischen Kaukasien und Zentralasien stattfinden? Eine andere Theorie macht den Puritanismus der Bevölkerung im kaukasus‘schen Montagnard dafür verantwortlich. Die Frauen wurden dort sehr streng kontrolliert, es gab für sie wenige Gelegenheiten, mit Männern anzubandeln. In Georgien hatte jedes Mädchen einen sogenannten „patroni“, ein Mann aus der Familie, der ihr gesamtes Tun und Lassen beobachten sollte. Für den verzweifelten Verehrer gab es demnach nur eine Lösung: die Liebste kidnappen. „Wahrscheinlich haben eigentlich die patroni dieses Verhalten ausgelöst“, bestätigt Guiorgui, unser Serien-Entführer. „Danach haben wir Blut geleckt.“

Leider erreicht die Globalisierung auch den Kaukasus. Alte Traditionen und Gebräuche verschwinden, sie lösen sich im Brei der neuen westlichen Werte auf. Eine Frau mit einer Keule zu schlagen gilt heute nicht mehr als Liebesbeweis. Sie in den Kofferraum einsperren auch nicht. Die georgische Polizei ist auf der Hut. Seit kurzem sind sie bei dieser Sache herzlos und unbestechlich. Ihre neue Mission lautet: verliebte Entführer schnappen. Auf die Gefahr hin, dass sie einen kriegen und man mehrere Jahre eingesperrt im Dunkeln sitzt.

PS: Trotz guten Willens hatte ich selbst leider nicht die Gelegenheit, an einer Entführung mitzuwirken. Sogar meine Herkunft – ich bin Belgier und kenne mich auf dem Gebiet ein bisschen aus – half mir nicht weiter. Die Entführungen werden im Geheimen organisiert, aus Angst vor der Polizei. Falls sich doch noch eine Gelegenheit bietet, werde ich von meinen Eindrücken berichten – oder von denen der entführten Frau.

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