Gentrifizierung in Brüssel nicht allein Schuld der EU

Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2012
Von Elise Mertens Übersetzt von Maike Wohlfarth Mit der Gründung der Region Brüssel-Hauptstadt und der Änderung des Status der Stadt, die zur Hauptstadt Europas wurde, ließen sich auch die ersten deutlichen Anzeichen einer verstärkten Immobilienspekulation spüren. Von 1989 bis 1991 verdreifachten sich die Preise in einigen zentral gelegenen Vierteln innerhalb des Innenstadtrings.
Es wurden Projekte zur Renovierung und zur urbanen „Wiederbelebung“ gestartet. Die sogenannte Gentrifizierung der belgischen Hauptstadt ist im Gange und mit ihr geht ein Auseinanderdriften der Gesellschaft einher. Aber Achtung, dass man nicht mit dem Finger auf den falschen Schuldigen zeigt.

Der Begriff „Gentrifizierung“ bezeichnet die Gesamtheit der Veränderungen durch die die ursprüngliche Bevölkerung eines Stadtviertels durch eine Gruppe sozial besser gestellter Personen verdrängt wird. Laut Mathieu Van Criekingen, Forscher im Bereich Geographie an der Freien Universität Brüssel (ULB), geht mit den Veränderungen „untrennbar ein Druck auf das soziale Gefüge vor Ort einher. Anders gesagt, die Gentrifizierung bedeutet sowohl eine Aneignung des städtischen Raums der Wohnviertel für die einen, als auch eine Enteignung anderer.“

Die Ursprünge

Die zentral gelegenen Viertel in Brüssel wurden seit langem von den mittelständischen und wohlhabenden Klassen missachtet. Seit dem 19. Jahrhundert bevorzugten die bessergestellten Klassen bereits einen Wohnort außerhalb des Zentrums und nutzten dieses als einen Ort der Arbeit, des Konsums und des Vergnügens. In Folge des sozialen Aufstiegs während der „goldenen Dreißiger“ verstärkte sich dieser Prozess ab 1950 noch und wurde offensichtlicher.

Währenddessen kann man seit 1990 einen umgekehrten Trend in der Bevölkerung Brüssels beobachten. Stück für Stück besiedeln Neuankömmlinge die zentralen Wohnviertel der Stadt, die ursprünglich von Gesellschaftsgruppen in eher prekären Lebenssituationen bewohnt wurden. Diese bessergestellten neuen Bewohner tragen sozioökonomisch gesprochen zur Verbürgerlichung der Viertel bei: Sie renovieren Wohnungen, eröffnen angesagte Geschäfte, fördern kulturelle Aktivitäten etc. Eine regelrechte „Wiederbelebung“ der Region geht vonstatten. Doch der massenhafte Zuzug dieses Mittelstandes mit einem sicheren kulturellen Kapital sowie einem potentiell bedeutsamen finanziellen Kapital, zieht schwerwiegende Auswirkungen nach sich: die Aufwertung der Viertel führt zu einem Anstieg der Immobilienpreise und zwingt dadurch die ehemaligen Bewohner wegzuziehen. Sie können der Entwicklung des Lebensstandards in ihrem Viertel nicht folgen, denn dieser erhöht sich sukzessive - aufgrund des Anstiegs der Mieten, aber auch der Preise für Nahrungsmittel und der allgemeinen Lebenshaltungskosten.

„Daran ist Europa schuld!“ - ein stark vereinfachtes Vorurteil

In seiner Studie über den Einfluss der Europäischen Union auf den Immobilienmarkt Brüssels, zeigt Nicolas Bernard, Direktor des interdisziplinären Forschungsinstituts der „Facultés universitaires Saint-Louis“ den „positiven Einfluss der europäischen Institutionen auf die Wirtschaft und die internationale Bedeutung Brüssels“ auf. Zählt man die Gesamtheit der europäischen Beamten, ihre Familien und die Mitglieder der Unterorganisationen der EU (Lobby, Vereinigungen etc.), stellen sie 10% der Bevölkerung Brüssels dar. Durch ihre Anwesenheit können einige Viertel Instand gesetzt und wieder besiedelt werden, die sonst nicht ihre derzeitige Dynamik kennen würden. Aber diese Städtebaupolitik hat zur Folge, dass das Preisniveau im Immobiliensektor spürbar steigt und so die restliche Bevölkerung Stück für Stück ausgegrenzt wird, da sie finanziell nicht in der Lage ist, bei dieser Preissteigerung mitzuhalten. Doch auch wenn die Gentrifizierung soziale Fragen nach sich zieht, fördern die Behörden Brüssels diese Entwicklung weiterhin, da sie eine Aufwertung des Wohnungsbestandes ermöglicht.

Man muss auch den indirekten Einfluss betonen, den die Europäische Union auf Brüssel hat. Obwohl die Europabeamten vornehmlich den Südosten der Stadt bewohnen, von einigen als „Ghetto der Eurokraten“ bezeichnet, sind die Auswirkungen auch in anderen Gegenden der Hauptstadt zu spüren. Nicolas Bernard unterstreicht: „Die Dynamik des Immobilienmarkts macht nicht an der Grenze eines Viertels Halt. So schlagen sich die Preise in den angeseheneren Vierteln auch auf angrenzende Gebiete nieder, so wie in einem Dominospiel. Die Europabeamten treiben natürlich nur die Preise in einigen bestimmten Gegenden in die Höhe, aber dies zwingt dennoch andere Kaufinteressenten dazu, sich mit etwas preisgünstigeren Vierteln zufriedenzugeben, womit wiederum auch dort die Tarife in die Höhe gehen und so weiter.“

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Brüssel neben der Europäischen Union noch zahlreiche weitere internationale Organisationen beherbergt, vor allem die NATO, die weitere 5000 ausländische Arbeiter nach Brüssel bringt. Und doch muss man den Einfluss dieser internationalen Institutionen auf den Immobilienmarkt relativieren, da Brüssel immer noch eine der preiswertesten Hauptstädte Europas ist.

Geteilte Verantwortung

Die belgische und europäische Hauptstadt ist eine der einzigen europäischen Städte, die keinerlei Regulierung der Wohnungspreise eingeführt hat und noch nicht einmal Mietern, die in Probleme geraten, Unterstützung zuteil kommen lässt. Dieses Nichteingreifen zeigt, dass die Behörden Brüssels nicht die gesamte Schuld auf Europa schieben können. Wenn die öffentlichen Einrichtungen ihre Rolle richtig spielen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten um das Risiko der Gentrifizierung und des Auseinanderdriften der Gesellschaft einzudämmen: mehr öffentlicher Wohnraum, Beschränkung der Mietpreise auf dem privaten Markt, konsequentere Schaffung sozialer Wohnprojekte, … Die Umsetzung auch nur einiger dieser Maßnahmen würde nicht nur bedeuten, dass sich die Behörden für Haushalte in prekären Situationen einsetzen, sondern auch, dass sie den sozialen Zusammenhalt schützen, der Europa so wichtig ist.