Generation What (2): Selbstporträt der europäischen Jugend

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2016

„Auf die Straße zu gehen ist notwendig, es ist wichtig, dass die Jugend sich aus ihrer Komfortzone raus begibt und sich darüber bewusst wird, dass sie immer noch ein Kollektiv ist, das sich selbst ignoriert.“ Zweiter Teil unseres Interviews mit Christophe Nick, Mitbegründer des Projekts 'Generation WHAT', das jungen Europäern eine Stimme gibt.

cafébabel: Findet politischer Protest heutzutage nur noch online statt? Oder braucht es mehr Phänomene in der realen Welt nach dem Modell Nuit Debout?

Christophe Nick: Wir werden sehen, was aus Nuit Debout wird, ob sie es schaffen sich zu strukturieren, ein Ziel zu erreichen. Das ist gar nicht so vorhersehbar. Alle diese spontanen Bewegungen sind die Bewährungsprobe für eine Art der Rebellion, die überall ein bisschen existiert. Es gibt unzählige kleine Strömungen, jetzt müssen wir verstehen, ob sie zu einem Fluss werden können. 

Trotzdem haben wir seit einigen Monaten den Beweis, dass Aktivismus aus dem Internet einen realen Einfluss haben kann. Eine Petition auf change.org hat erreicht, dass Jaqueline Sauvage [die für Mord an ihrem gewalttätigen Ehemann ursprünglich zu 10 Jahren Haft verurteilt wurde; A.d.R.] vom französischen Präsidenten [François Hollande; A.d.R.] begnadigt wurde. Und das passiert in letzter Zeit in der ganzen Welt. Auf die Straße zu gehen ist notwendig, es ist wichtig, dass die Jugend sich aus ihrer Komfortzone raus begibt und sich darüber bewusst wird, dass sie immer noch ein Kollektiv ist, das sich selbst ignoriert. Sie müssen wissen, dass es in den anderen Ländern genauso aussieht, auch in der arabischen Welt, sogar auf globalem Niveau. Das Internet ermöglicht uns, grenzenüberschreitend zu denken. Vielleicht kommt dadurch eine Art kollektive Intelligenz zustande.

cafébabel: Habt ihr keine Angst, dass ein Teil der europäischen Jugend keinen Zugang zu dieser Art von Projekt hat und dadurch riskiert, von der Bewegung ausgeschlossen zu werden?

Christophe Nick: Die benachteiligten Jugendlichen stellen etwa 20 bis 25% der Generation dar. Es ist also nicht verwunderlich, dass drei Viertel der Jugendlichen antworten, dass sie relativ gut klarkommen. Außerdem ist es immer sehr schwer zuzugeben, dass man „in der Klemme“ steckt.

Es ist wahr, dass wir am Anfang vor allem Studenten erreicht haben, es ist normal dass Jugendliche ohne Studienabschluss weniger auf solche Projekte anspringen. Aber wir wissen, dass es viele andere junge Menschen gibt. Wir wissen auch, dass der ausgeschlossene Teil besonders schwer zu erreichen ist. Genau deshalb haben wir mit Jugendorganisationen zusammengearbeitet.

Es ist natürlich eine enorme Herausforderung, in eine Gesellschaft zu integrieren, die nicht integrieren will. Alles hat seine Grenzen. Übrigens, wenn ihr heute Abend auf den Place de la République in Paris gehen würdet, wäre da kein einziger Jugendlicher aus den Pariser Vororten. Wie können wir diese Menschen erreichen? Es gibt keine magische Formel dafür. Und Fernsehen und Massenmedien sind immer noch die beste Art, Erfolg zu haben. Zum Beispiel haben wir erreicht, dass die Soap Opera Plus Belle La Vie in ein oder zwei Episoden über 'Generation What?' spricht, um ihr Publikum zu erreichen. Das gleiche Problem hatten wir mit den jungen Menschen in der Landwirtschaft: es ist auch nicht einfach, die Jugend auf dem Land zu erreichen.

cafébabel: Um eine möglichst große Anzahl junger Europäer zu motivieren, habt ihr einen Fragebogen mit fast 150 Fragen formuliert, auf den alle antworten sollen. Wie kam der zustande?

Christophe Nick: Wir haben mit zwei Soziologen zusammengearbeitet und versucht, die großen Bereiche des Lebens abzudecken: Intimität, Familie, Arbeit, Gesellschaft, Zukunftsvisionen und so weiter. Die klassischen soziologischen Fragen wechseln sich mit anderen, etwas ungewöhnlicheren ab. Zwischen den Fragen nach den Werten, Verhaltensweisen und Gefühlen gibt es auch andere Dinge, die ein bisschen unterhaltsamer sein sollen. Und letztendlich wollten wir auch nützliche Fragen einbauen, vor allem zur Sexualität: wir wollten den jungen Menschen, die sich fragen ob sie normal sind, helfen. Das ist auch eine unserer Aufgaben, der Jugend zu helfen, sich selbst im Vergleich mit ihren Gleichaltrigen im eigenen Land und in ganz Europa wiederzufinden. Es ist also gleichzeitig Forschung, Dienstleistung und auch ein Werkzeug, um gehört zu werden. So sehen wir, welchen Wert die Solidarität noch hat, kollektive und individuelle Werte. Sogar die unscheinbarste Frage kann viel erzählen.

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„Fressen oder gefressen werden!“ Zwei Drittel der österreichischen Jugendlichen, die auf diese Frage geantwortet haben, sind mit dem Spruch einverstanden, und du? Entdecke unsere Generation! Was denkt sie über Einwanderung, über Liebe, über Europa, über Pornos? Verstehe, wovor sie Angst hat und was sie von der Zukunft erwartet. Hier die deutsche Version. Und hier die internationale Version, wo man alle nationalen Fragebögen finden kann.

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Lies hier auch den ersten Teil unseres Interviews.

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Ich bin ein Brüsseler: Dieser Artikel wurde von unserem Lokalteam cafébabel Brüssel veröffentlicht.