Generation 'E-Mail ohne Betreff': Psychoanalyse junger Europäer

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Europas Jugend scheint durch den Mangel an Perspektiven und Chancen, Zielen und Hoffnungen von dieser ewigen 'Leere' traumatisiert. Die beste Metapher hierfür sei eine "E-Mail ohne Betreff" meint eine junge Mitarbeiterin einer Jugendorganisation und studierte Psychologin aus Rumänien.

Wie das Eurobarometer 2007 deutlich macht, besteht für 38% der jungen Europäer die größte Schwierigkeit, einen Job zu finden, darin, dass es nicht genug Möglichkeiten in ihrem eigenen Land gibt. Aber kann das tatsächlich auf alle europäischen Länder zutreffen? „In Rumänien ist es auf jeden Fall am schlimmsten“, meint die 24-jährige Medizinstudentin Dana. Als zukünftige Ärztin würde sie ein Gehalt von 250 Euro monatlich erhalten und das in einer Wirtschaft, die auf einen 20 Milliarden Euro-Kredit des Internationalen Währungsfonds und der EU wartet. „Ich bin fest entschlossen, nach meinem Studium im Ausland zu arbeiten“, fügt sie hinzu.

Dass junge Leute auswandern, ist in Südosteuropa ein gängiges Phänomen. „Wenn ich weiter in Großbritannien studieren würde, wären meine Familie und meine Freundin traurig und ich würde sie auch vermissen“, reflektiert Aleksander, ein 22-jähriger Masterstudent aus Bulgarien, den das Jahr im Ausland - weit weg von zu Hause - vollkommen erschöpft hat. Er stellt sich die gleichen Fragen wie andere junge Menschen in seiner Situation: Sollte ich im Ausland studieren? Geht es auf der Karriereleiter steil bergauf, wenn ich mehr arbeite? Lohnt sich ein Doktortitel überhaupt? Wie eine Arbeit finden, wenn mein Studienfach nicht mehr im Trend liegt?

„Weibliche“ und „männliche“ Erkrankungen

Und es gibt noch mehr schlechte Nachrichten: Manche junge Leute versuchen erst gar nicht, sich mit der Realität auseinander zu setzen. Der 19-jährige Mark aus Deutschland ist so ein Fall. Seiner Meinung nach ist Studieren eine Sackgasse. Es gibt immer einen imaginären oder virtuellen Fluchtweg aus der Welt, in der wir gezwungenermaßen leben. Mark zum Beispiel hat kein Problem damit, seine Videospiel-Sucht einzugestehen. „Wenn ich spiele, kann ich die Schule, meine Eltern und die Realität im Allgemeinen vergessen“, erklärt er. „Ich weiß, dass ich nicht so viel Zeit vor dem Computer verbringen sollte. Aber was soll ich den sonst machen?“

Es wird generell als erwiesen angesehen, dass Frauen eher an Angsterkrankungen leiden, während Männer sich dem Alkohol oder Computerspielen zuwenden. In extremen Fällen greifen junge Leute sogar zu schädlichen Substanzen, die ihr graues Leben  - zumindest vorübergehend - ein bisschen „bunter“ machen. Die 22-jährige Rumänin Ina, eine ehemalige Drogenabhängige auf dem Wege der Besserung, muss zugeben: „Mein Leben war voller Funken und Energie, wenn ich bekifft war“. Vor vier Jahren gab sie ihr Studium für einen gutbezahlten Job auf, doch inzwischen ist sie aufgrund der wirtschaftlichen Lage im Land arbeitslos. Doch Rumänien steht nicht allein da. Mit 9,3% ist die Arbeitslosenquote in der EU so hoch wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr und für unter 25-Jährige steigt diese Zahl auf bis zu 20%. „Ich lebe ein jämmerliches Leben in einer jämmerlichen Welt“, sagt Ina, deren Situation dadurch, dass ärztliche Versorgung und Sozialfürsorge zunehmend unerschwinglich werden, noch verschärft wird. Letzteres bestätigt das Eurobarometer 2010 nicht nur für Rumänien, sondern auch für Estland, Griechenland und Lettland.

Die Silberköpfe gegen die Generation ‘ohne Betreff’

Ältere Leute können nur den Kopf schütteln, wenn sie von Internet- und Shopping-Süchten, Workaholics, Bulimie (eine anerkannte Störung seit 1979), Magersucht (seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt), Stress, Panikattacken und der mächtigen, allumfassenden Störung Depression hören. Früher wurde die Rolle des Psychologen von anderen Institutionen wie Kirche, Bildungssystem oder Familie (denn die Familie galt einmal als Institution) übernommen. Einer Millward Brown Studie von 2007 zufolge, die in 12 europäischen Ländern durchgeführt wurde, haben für junge Menschen Werte wie Heirat, religiöse Überzeugungen oder der Rat Älterer keine Bedeutung mehr.

Demzufolge wird sich ein junger Mensch, den der 'Blues' packt, nicht mehr in die Arme seiner Großmutter flüchten, sondern sich lieber einem Psychologen anvertrauen. Dieser wird gut zuhören und alle Beschwerden über die „Ex oder zukünftige Freundin“ über sich ergehen lassen. Für ältere Menschen ist es da schwer Rat zu geben, ohne belehrend zu wirken und vor allem ohne die eigenen Sorgen teilen zu können. Die Jugend hat viel gewonnen: einen hohen Lebensstandard, Zugang zur neusten Technik, das Recht zu Studieren, zu arbeiten, zu reisen und zu heiraten, wann immer sie möchte. Und doch sucht diese junge Generation öfter einen Psychologen auf, als ihre Eltern es taten. Zudem bleibt man der helfenden Hand nichts schuldig - außer einer Menge Geld (aber es ist ja seit langem erwiesen, dass Geld nicht glücklich macht).

Man könnte fast denken, diese Generation, die fast alles besitzt, sei die unglücklichste. Vorhergehende Generationen wurden nach jenen historischen Ereignissen benannt, die sie am meisten beeinflussten: Man spricht von Nachkriegsgeneration, Baby Boomern…Die heutige Generation scheint lediglich durch Leere traumatisiert zu sein - den Mangel an Perspektiven und Chancen, Zielen und Hoffnungen - welch gelungenerer Vergleich ließe sich also ziehen als der zu einer E-Mail ohne Betreff? „Ich will nicht den Rest meines Lebens in Armut leben,“ bekräftigt Medizinstudentin Dana, die bereits ihren Umzug ins Ausland plant. Vielleicht wäre „Generation ohne Betreff“ also der passende Name für all jene jungen Menschen, die in Zeiten des grenzenlosen technischen Fortschritts ihrem Leben keinen Sinn zu geben vermögen.

Fotos: (cc) Michelle Brea (busy-away)/ michellebrea.com; (cc) Lomo-Cam/flickr