Gemeinsame Erinnerung für eine europäische Identität

Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2005
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Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2005

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Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die europäische Identität neu konstruiert. Die Völker müssen sich diese gemeinsame Geschichte jedoch erst zu Eigen machen. Denn die Zeit heilt nicht alle Wunden.

In diesem Mai 2005 ist der Zufall fleißig am Werk. Während man so gut wie überall das sich zum 60sten Mal jährende Ende des zweiten Weltkrieges feiert, sind die Franzosen in wenigen Wochen aufgerufen, sich über den Text des Verfassungsvertrages zu äußern. Dieser Text, gewollt vom Europäischen Konvent, der die Zivilbevölkerung des Kontinents repräsentierte, ist das Ergebnis einer historischen Dynamik, die sich ab Ende des zweiten Weltkrieges entwickelt hat. Der Wille zum „Nie wieder!“ und die kollektive Gewissensprüfung wurden schließlich in der Umsetzung des europäischen Projekts sichtbar. Man wollte weder die Rückkehr des Imperialismus noch des wirtschaftlichen Protektionismus, sondern stattdessen die innereuropäischen Prozesse befrieden.

Gemeinsame Bewusstseinsfindung

Nach dem durch den Völkermord verursachten Bruch hat sich die europäische Identität Schritt für Schritt wieder aufgebaut und brachte die Schaffung einer gemeinsamen Erinnerung mit sich. Dies begann mit der Aufarbeitung der Gräueltaten der Menschheit, die uns dazu gebracht haben, unser gemeinsames Schicksal in die Hand zu nehmen. Nur wenn wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, mit all den Spannungen und den Konflikten, können wir zusammen eine gemeinsame Zukunft aufbauen.

Daher rührt die Wichtigkeit der Geschichtsaufarbeitung und der feierlichen multinationalen Gedenkfeiern, die ums ermöglichen, über die nationalen Deutungen der Vergangenheit hinaus, die gemeinsame Geschichte neu zu schreiben, die wir an die nachfolgenden europäischen Generationen weitergeben werden. Allerdings ist es heute schwierig, trotz der bereits erbrachten beachtlichen Leistungen, die nationalen Sichtweisen der Vergangenheit zu überwinden. Das Georg-Eckert-Institut hat beispielsweise bei einer Analyse des europäischen Unterrichts anhand von Lehrbüchern aus zwanzig Ländern herausgefunden, dass weniger als 10% des Inhalts der Lehrbücher sich explizit mit europäischer Geschichte befassen. „Je länger die Länder bereits Mitglied der Union sind, desto höher ist der Prozentsatz. Im Gegensatz dazu findet man in den Lehrbüchern der Länder, die erst seit kurzem wieder unabhängig sind, eine sehr national orientierte Geschichte, die das Alter und die Besonderheit der Nation hervorheben“, kommentiert Falk Pingel, stellvertretender Direktor des Georg Eckert Instituts. Übrigens hat dieses Institut auch ein neuartiges Projekt initiiert: ein gemeinsames deutsch-französisches Geschichtsbuch.

Geschichte von allen unterrichten

Die Bildung ist also das Herz des europäischen Projekts und manche, wie z.B. das Institut européen des Itinéraires Culturels in Luxemburg, beschäftigen sich mit Gedenkorten in Europa. Pierre Nora erklärt, dass es darum geht, „ausgewählte Kristallisationspunkte unseres nationalen Erbes zu erforschen, die wichtigsten Orte, an denen sich das kollektive Gedächtnis festmacht, zu inventarisieren und eine Topologie der Symbolik Frankreichs zu erstellen.“ Es bleibt noch viel Arbeit zu erledigen, wenn die gemeinschaftlichen Institutionen und die Staaten eine gemeinsame Geschichte schaffen wollen. Auch wenn die deutsch-französischen Beziehungen im Mittelpunkt der gemeinsamen Geschichtsfindung stehen, habe Polen und Deutsche oder Kroaten und Serben noch große Schwierigkeiten, über ihre gemeinsame Vergangenheit zu sprechen.

In einer Zeit, in der die Überlebenden der Shoa langsam verschwinden, beginnt eine neue Etappe des gemeinsamen Erinnerns. Man muss über den Generationen- und Abstammungsaspekt hinausgehen, denn „ein junger türkischstämmiger Deutscher müsste beim Besuch des Holocaust Museums diese Vergangenheit in sein Gewissen integrieren, auch wenn seine Vorfahren nicht direkt damit in Berührung gekommen sind. Er müsste verstehen, dass die Tatsache Europäer zu sein, auch bedeutet, mit einer gegenwärtigen Verantwortung alle Aspekte der Vergangenheit zu akzeptieren, “ wie der Journalist Michael Martens erklärt.

So hat Europa noch viel zu tun und muss sich eine kritische Beziehung zur Vergangenheit bewahren, um nicht in andächtige und rechtfertigende Erinnerungen zu verfallen. Ist es denn wirklich passend, das Ende des zweiten Weltkrieges nur unter Alliierten zu feiern? Eine langsame Weiterentwicklung illustriert das Beispiel von Gerhard Schröder, der letztes Jahr zu den Gedenkfeiern anlässlich des Jahrestages der Landung in der Normandie eingeladen war. Die europäischen Institutionen müssten jedoch die Übernahme von Verantwortung durch die europäischen Bürger und Staaten weit mehr unterstützen. Wie kann man sonst verlangen, dass die Türkei den Genozid an den Armeniern anerkennt, wenn der jüdische Völkermord immer noch von Land zu Land unterschiedlich interpretiert wird?

Auf dieser Suche nach einer gemeinsamen Erinnerung stellt der europäische Verfassungsvertrag einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Realisierung eines „konstitutionellen Patriotismus“ dar, der bedeutet, dass das Zugehörigkeitsgefühl durch die Anerkennung der Prinzipien der Demokratie und des Rechtsstaates zum Ausdruck kommt. Über die nationale Anwendung der Menschenrechte hinaus müssen die Staaten in einem Dialog stehen, ohne dabei die nationalen Identitäten zu verneinen. Ein „Ja“ zum europäischen Verfassungsvertrag bedeutet, die eigene Identität kritisch zu reflektieren und sich in die Richtung einer neuen Idee begeben, wo Menschenrechte, soziale und auch politische Rechte interagieren, um das Nationalismusdenken hinter sich zu lassen, das der Grund für die Grausamkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts gewesen ist. Es geht darum, dem Nationalismus Schranken zu setzen, denn er bremst den Aufbau unseres gemeinsamen europäischen Erinnerns.