Gekommen, um zu bleiben: Junge Hausbesetzer in Paris

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2013

Stadt der Liebe, Stadt der Mieten: In den letzten 10 Jahren stiegen die Mietpreise in Paris um 50%. Gleichzeitig stehen tausende Quadratmeter Wohnfläche einfach leer. Junge Aktivisten kämpfen für bezahlbaren Wohnraum, gegen Immobilienspekulation – und ziehen ein. Die Dokumentation „Ainsi squattent-ils“ gibt einen Einblick in das Leben der Hausbesetzer des Kollektivs Jeudi Noir.

Sie heißen Jonathan, Élise, Stéphane, Romain, Margaux oder Julien. Sie leben in Paris und fallen - zumindest auf den ersten Blick - nicht unbedingt in die Kategorie derer mit den größten Schwierigkeiten, ein Dach über dem Kopf zu finden. Noch eins haben all diese jungen Leute gemeinsam: angesichts der immensen Mietkosten und der nicht enden wollenden Liste von Bürgschaften, Kautionen, Gehaltsnachweisen und Garantieren, die man vorlegen muss, um einen Mietvertrag zu ergattern, haben sie kapituliert. Auf eine monatliche Finanzspritze ihrer Eltern können sie genauso wenig zählen wie auf einen Job mit sicherem Einkommen. Ihre Lösung gegen den Anstieg der Mietpreise: Häuser besetzen. „Ja, das ist komplett illegal. Aber legitim!“, bekräftigen sie. Denn für die Pariser Hausbesetzer von Jeudi Noir (Schwarzer Donnerstag) sind ihre Squats mehr als nur ohne offizielle Genehmigung  besetzte leerstehende Häuser oder Wohnungen.

Jeudi Noir oder die Utopie der hausbestzung

„Ich wollte in die Welt der Hausbesetzer eintauchen, weil sie am Rand der Stadt und des Gesetzes leben… Die verrücktesten und süßesten Träume, die dem Leben seinen Reiz verleihen, finden sich am Rand der Schulhefte“, schreibt Marie Maffre. Für ihre Dokumentation „Ainsi squattent-ils“ (auf Deutsch: „Und so besetzen sie“),  die am 5. Juni 2013 in Frankreichs Kinos anlief, hat die Filmemacherin die jungen Menschen von Jeudi Noir zwei Jahre lang begleitet. „An den Orten, die sie besetzen, erfinden sie ein echtes Leben in der Gemeinschaft – außerhalb des Systems der Marktwirtschaft, außerhalb des ganzen Systems.“

„Wir sind die erste Generation, der es schlechter geht als der ihrer Eltern und Großeltern!“

Die Aufnahmen von Marie Maffre sind dunkel, oft verwackelt, immer intim. Sie tauchen die Zuschauer 90 Minuten lang in die Welt des (utopischen?) Aufbegehrens gegen den Alltag. Der Traum der Mitglieder von Jeudi Noir - Freundschaft, Solidarität und Selbstbestimmung ohne Leader - wird mit der Realität und den Anforderungen vor Ort konfrontiert. Fließend Wasser in den Zimmern der „Marquise“, einem Squat in einem ehemaligen Herrenhaus am schicken Pariser Vosges-Platz? Fehlanzeige! Da müssen Lösungen her: Selbstgebaute Trockentoiletten sollen dem Problem mit einem seit Jahrzehnten ungenutzten Abwassersystem Abhilfe schaffen und auch ein Putzplan wird erstellt.

Die Kamera von Marie Maffre - die mittlerweile zur Vertrauten und Freundin der jungen Leute geworden ist - ist immer dabei. Sie zeigt den langen Weg bis zum Finden eines Alltags in einem Gebäude, das vor seiner Zeit als Jeudi Noir-Hauptquartier ab Oktober 2009 ganze 40 Jahre lang unbewohnt war, persönliche Probleme, die regelmäßigen Versammlungen des Kollektivs, die ständige Drohung einer Räumung, die Angst, die Streitigkeiten wegen eines nicht erledigten Putzdienstes. Sie begleitet das Abenteuer der Besetzung eines zweiten Gebäudes, eines leer stehenden Hochhauses der Axa-Gruppe in der Nähe des Elysee-Palasts in Paris. Sie fängt Begeisterung und Enthusiasmus ein, gemeinsame Partys, Gemeinschaftsgefühl. Und Freundschaft. Die Kamera ist bei der Räumung am 23. Oktober 2010 dabei, als die jungen Leute den Squat am Vosges-Platz nach einem Jahr Besetzung verlassen müssen. Dann, die zweite Räumung des Hochhauses in der Avenue Matignon in der französischen Hauptstadt im Februar 2011, nur 2 Monate nach ihrem Einzug. „Ainsi squattent-ils“ zeigt die Enttäuschungen und Niederlagen der Hausbesetzer – und ihren Willen, weiter zu kämpfen.

(Photo tirée du film « Ainsi squattent-ils » / courtoisie de ©Marie Maffre)Lest auch auf cafébabel: Interview mit Julien Bayou "Wohnungsnot ist ein europaweites Problem"

Marie Maffre macht engagiertes Kino. Die Dokumentarfilmerin ist in die Welt des Kollektivs eingetaucht um den Hausbesetzern von Jeudi Noir eine Stimme zu geben, all den „jungen Prekären, Studenten, Freelancern, Arbeitslosen, alleinerziehenden Eltern und denen, die sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten hangeln müssen…“, präzisiert Julien Bayou, einer der Gründer des Kollektivs. Für die jungen Leute, die in Paris verzweifelt eine bezahlbare Unterkunft suchen, ist der Donnerstag ein schwarzer Tag. Der Tag, an dem die neuen Wohnungsanzeigen veröffentlicht werden und der nur zu oft von Misserfolg gekrönt ist, hat dem Kollektiv, das für bessere Wohnbedingungen besonders für junge Menschen kämpft, seinen Namen gegeben. Denn die sind meist mobiler und wohnen oft gezwungenermaßen in Städten – deshalb sind sie unter den ersten Opfern der Wohnungskrise und müssen am Monatsende einen großen Teil ihres Einkommens auf die Konten der Generation ihrer Eltern überweisen. „Es würde keine Squats geben, wenn die Situation auf dem Wohnungsmarkt besser wäre“, stellt Marie Maffre fest. Die jungen Leute von Jeudi Noir pflichten ihr bei: „Wir sind die erste Generation, der es schlechter geht als der ihrer Eltern und Großeltern!“

In Frankreich stehen 2,3 Millionen Unterkünfte (das entspricht ca. 7% des französischen Wohnraums) leer, davon allein etwa 329.000 in der Region Ile-de-France. Hiervon befinden sich 70% in Paris und den Vorstädten. Die gemeinnützige Stiftung Abbé Pierre spricht von 3,6 Millionen Personen, die in Frankreich in einer prekären Wohnisituation leben. 1,7 Millionen Anträge auf Sozialwohnungen sind am Laufen. (Quelle: Le Parisien und Fondation Abbé Pierre)

Video: Trailer zum Film (auf Französisch): (cc) Allo-Ciné Fr/YouTube