Geklontes Essen in unseren Tellern: Tritt die EU in die Fußstapfen der USA?

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2008
Autoren: Oriane Heckmann und Vincent Lebrou Übersetzung: Monika Schreiber Strassburg, 17. März 2008 Nachdem die europäische Kommission die Vermarktung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) genehmigt hat, stellt sie nun auch die Marktöffnung für Lebensmittelprodukte von geklonten Tieren in Aussicht. Am 14.
Januar diesen Jahres verabschiedete sie einen Gesetzesvorschlag zur Regelung für neuartige Lebensmittel, um die Vermarktung von „neuartigen und innovativen Lebensmitteln in der EU“ zu vereinfachen. Der Gesetzesvorschlag zielt darauf ab, die Industrie dazu zu bewegen, in die Entwicklung „neuartiger Lebensmittel und neuen Techniken zur Lebensmittelproduktion“ zu investieren. Damit sind natürlich Lebensmittelprodukte von geklonten Tieren gemeint. Die Genehmigung am Tag nach dieser Entscheidung durch die Food and Drugs Administration (FDA - amerikanische Lebensmittel- und Medikamentenverwaltung) Produkte, die von geklonten Tieren stammen zum Handel zuzulassen, hat fast Symbolcharakter: „Fleisch und Milchprodukte von geklonten Rindern, Schweinen und Ziegen sind ebenso sicher wie die Nahrung die wir täglich konsumieren“ erklärte bei dieser Gelegenheit Stephen Sundlof, der für die Lebensmittelsicherheit bei der FDA zuständig ist.

Ist es tatsächlich notwendig, die Vermarktung von Lebensmitteln, die von geklonten Tieren stammen, zuzulassen? Die Meinungen dazu sind gelinde gesagt gespalten.

Das Klonen auf unseren Tellern : eine unvermeidbare Entwicklung?

Als Reaktion auf den Vorschlag der europäischen Kommission äußert der Ethikausschuss der Wissenschaften und neuen Technologien (GEE) seine Zweifel bezüglich der ethischen Fragen, die aufgrund einer derartigen Entwicklung aufgeworfen werden, insbesondere „in Anbetracht der aktuellen Tragweite der Leiden und Gesundheitsprobleme der Trägertiere und der geklonten Tiere“. Außerdem behauptet er, „keine überzeugenden Argumente zu haben, die die Herstellung von Nahrung, die von Klonen oder deren Nachkommen stammt, rechtfertigen könnten“ (Pressemitteilung vom 16. Januar).

Der GEE fordert dazu auf, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, bevor dieses Vorhaben weiter vorangetrieben wird : er empfiehlt beispielsweise die Ausarbeitung ergänzender Umfragen und Analysen zu dem langfristigen Wohlbefinden der Tiere und zu den Auswirkungen des Klonens auf die Gesundheit der Tiere und ihrer Nachkommen. Er besteht ebenfalls darauf, dass konkrete Maßnahmen getroffen werden, um das genetische Erbe der Arten zu bewahren. Schließlich rät er dazu, mehr öffentliche Debatten zu organisieren. Der Einfluss des Klonens von Zuchttieren auf Landwirtschaft und Umwelt, die Auswirkungen, die ein steigender Rindfleischkonsum und eine wachsende Rinderaufzucht auf die Gesellschaft haben könnten oder die Frage einer gerechten Verteilung von Nahrungsmittelressourcen, sollen laut GEE öffentlich thematisiert werden. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat nach der Veröffentlichung des Gutachtens der GEE bestätigt, dass das Klonen von Tieren etliche ethische und gesellschaftliche Fragen aufwirft und erklärt, dass diese Meinung ihre aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema ergänze.

Die EFSA, die damit betraut ist, der europäischen Kommission unabhängige Ratschlage zu allen Themen zu geben, die direkt oder indirekt mit der Lebensmittelsicherheit zu tun haben, wird im Mai 2008 eine definitive Stellungnahme zu diesem Thema abgeben. Am 11. Januar erklärte sie in einem vorläufigen Bericht, dass sie es für sehr unwahrscheinlich halte, „dass es einen Unterschied gibt, was die Sicherheit von Lebensmitteln, die von geklonten Tieren und ihren Nachkommen und solchen, die auf herkömmliche Weise aufgezogen werden, betrifft“.

Schon 2005 hatte die französische Agentur für Lebensmittelsicherheit (Afssa) einen Bericht über die „Vorteile und Risiken im Zusammenhang mit dem Klonen von Zuchttieren“ veröffentlicht. Damals hatte sie vermutet, dass „die Daten, insbesondere für Milch und Fleisch, die Vermutung nahe legen, dass die Nachkommen der Klone (nur diese würden dem Verbraucher angeboten) genauso behandelt werden können wie diejenigen, die aus herkömmlicher Aufzucht stammen“. Nichtsdestotrotz hatte sie schon damals verkündet: „der neuartige Charakter der Klone und die Anomalien, die einige von ihnen aufweisen – zumindest zu Beginn ihres Lebens - erfordern intensivere Untersuchungen als die von Tieren, die durch Befruchtung entstanden sind“. Sie hatte dazu aufgefordert, eine derartige Praktik „langfristig zu überwachen“.

Wird die EU nun dem Beispiel der USA folgen? Zumindest hat Connie Tipton, die Vorsitzende der International Dairy Foods Association (IDFA) infolge des Vorschlags der Kommission festgestellt, dass die EU sich in einer vergleichbaren Phase befände wie die USA ein Jahr zuvor, was die Entwicklung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Risiken im Zusammenhang mit der Kommerzialisierung von Lebensmitteln, die von geklonten Tieren stammen, betrifft.

„Der Mensch musste schon immer die Natur verändern, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen“

Selbstverständlich wirft eine derartige Entwicklung zahlreiche Fragen auf. Umweltorganisationen weisen besonders auf Risiken im Zusammenhang mit dem Artenschutz hin. Das Klonen von Tieren könnte nämlich dazu führen, dass nur noch die leistungsfähigsten Arten oder Subjekte - und somit indirekt die profitabelsten - geschützt werden. Wie sollte man also nicht befürchten, dass unser Lebensmittelkonsum immer gleichförmiger wird? Besteht nicht ein kleines Kohärenzproblem, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig in Frankreich eine wissenschaftliche Stiftung für die Artenvielfalt eingerichtet wurde?

Zudem gibt es noch das Problem der Rückverfolgbarkeit dieser « neuen Lebensmittel ». Bislang war noch nicht die Rede von einer eventuellen Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, die von geklonten Tieren stammen.

Gemäß einer Entscheidung der FDA, ist keine besondere Maßnahme zu dieser Frage – insbesondere was die Kennzeichnungspflicht betrifft - vorgesehen. Schlimmer noch, diejenigen, die sich von dieser Entwicklung distanzieren wollen und per Kennzeichnung aufzeigen wollen, dass ihre Produkte nicht von geklonten Tieren stammen, müssen eine Genehmigung dazu einholen. Hoffen wir nun zumindest, dass die EU nicht denselben undurchsichtigen Weg einschlagen wird, um den reibungslosen Übergang zur Einführung von Lebensmitteln von geklonten Tieren zu gewährleisten.

Gilles-Eric Séralini, Dozent und Forscher an der Universität von Caen und Mitglied der Commission du génie biomoléculaire (CGB – Ausschuss für bio-molekulares Wesen) fürchtet die potentiellen Auswüchse einer derartigen Entwicklung: „Die Position der amerikanischen Behörden, die Produkte von geklonten Tieren als gleichwertig mit solchen von ‚natürlichen‘ Tieren erachten, wird es den Industriellen ermöglichen, toxikologische und umwelttechnische Untersuchungen zu umgehen, wie das schon größtenteils bei den gentechnisch veränderten Organismen der Fall ist.“ Im zufolge „wird die Genehmigung der FDA auch die Tür für Genmanipulationen bei Tieren öffnen, die man viel leichter durch Klonen erreichen kann. Eine Kuh, der man im Labor ein Gen zusammengebastelt, damit sie fettarme Milch produziert, könnte somit endlos reproduziert werden.“ (siehe den Artikel von L'Express vom 23.11.2006)

Und schließlich muss man natürlich noch die ethische Tragweite einer derartigen Entwicklung erwähnen.

Louis-Marie Houdebine, Forscher im Institut national de recherche agronomique (Inra – französisches Institut für agronomische Forschung) und Mitglied bei der französischen Behörde für die Lebensmittelsicherheit Afssa, schien es nach dem Beschluss der FDA vom 15. Januar angebracht, daran zu erinnern, dass „ der Mensch musste immer schon die Natur verändern, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen“. Ohne falsche Naivität hat diese Erklärung einen beunruhigenden Beiklang: der Mensch versucht, die Natur seinem Nutzen und seinen Gewohnheiten anzupassen.

Es gibt zweifelsohne zahlreiche leidenschaftliche Reaktionen. Man kann sich vorstellen, dass die EU, wenn sie sich an der Meinung der EFSA orientiert, eine bei seinen Bürgern höchst unpopuläre Entscheidung fällen wird. Dieser Vorschlag der europäischen Kommission wirft einige eher ethische als technische Probleme auf und wird sicherlich in den folgenden Monaten Thema etlicher Debatten sein. Deshalb sollte man die EU auf die Risiken aufmerksam machen, bevor Maßnahmen eingeleitet werden, die sich eventuell als zu voreilig herausstellen könnten. Das Streben nach Fortschritt sollte nicht auf Kosten der Gesundheit von Tieren und Menschen geschehen.

Möchten Sie ihr geklontes Steak nun durchgebraten oder lieber blutig?