Gegen den kulturellen Einheitsbrei

Artikel veröffentlicht am 3. April 2007
Artikel veröffentlicht am 3. April 2007

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Eine kleine Gemeinde von Filmfans erweckt das Programmkino in Vilnius zu neuem Leben.

Hell und einladend leuchtet der Eingang des alten Filmtheaters Skalvija am Ufer der Neris. Im Inneren wärmen sich junge Leute im neu eingerichteten Café Bruce Lee auf. Die Wände sind frisch gestrichen. Jeder Tisch ist besetzt. Die Besucher warten auf die nächste Vorstellung von Murderball, einer gefühlvollen Dokumentation über Rollstuhlbasketballer. „Im Gegensatz zum Vorjahr haben wir einen Besucherzuwachs von 350 Prozent“, strahlt Greta Zabukait, Direktorin von Skalvija.

Gutes Programm und warme Decken

Das Programm von Skalvija richtet sich an ein anspruchsvolles Publikum, dass alternatives Kino abseits der Hollywood-Blockbuster bevorzugt. Dafür verzichtet das treue Publikum auf großen Luxus: Das Theater bietet kein ausgefeiltes Dolby Surround Soundsystem. Im Winter kann es in den Sälen ungemütlich kalt werden. Dafür gibt es ein abwechslungsreiches Programm und jede Menge warmer Decken am Eingang. Viel mehr brauchen die vielen Besucher nicht, um einen schönen Kinoabend zu verbringen.

Die Arbeit des Kinos geht über die reine Filmvorführung hinaus: Vor kurzem gründete Skalvija eine Nachwuchs-Filmakademie. Schüler wagen darin erste Schritte auf ihrem Weg in die Filmbranche. Mit der Unterstützung von Profis lernen die Nachwuchstalente Schauspielerei, Produktion und Filmtechnik. „Wir fördern die Talente der Schüler und wollen ihr Bewusstsein für kulturelle Dinge wecken. So ziehen wir uns Gäste der Zukunft heran“, meint Greta Zabukait.

Die jungen Leute begeistern

Ortswechsel: Im futuristischen Life Club unweit des Stadtkerns von Vilnius haben sich schon um 19 Uhr über hundert junge Leute versammelt. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen treffen litauische Fernsehstars ein. Bei sanften Elektro-Klängen und kalorienarmen Schnittchen wird die Präsentation des diesjährigen kino pavasaris („Frühlingskino“) gefeiert, Vilnius' größtem Filmfestival. Im letzten Jahr besuchten knapp 45 000 Besuchern die Vorführungen. Innerhalb von zwei Jahren konnten die Organisatoren die Besucherzahl verdoppeln. Mit international ausgezeichneten Filmen wie Road to Guantanamo oder Taxidermia will Organisatorin Vida Ramaškien die Besucherzahlen aus dem Vorjahr noch übertreffen. „Wir wollen vor allem die jungen Leute begeistern. Wenn später niemand mehr an Festivals und Programmkinos Interesse hat , wird es sie auch nicht mehr geben“, meint Ramaškien.

Die Existenzsorgen der kulturschaffenden Menschen in Litauen sind berechtigt: Im Herbst 2005 wurde Lietuva, das größte unabhängige Kino in Litauen, geschlossen. Das Gebäude sollte abgerissen werden. Stattdessen planten die Investoren den Bau exklusiver Wohnhäuser für die neu entstandene Oberschicht in der Stadt. Etwa zur gleichen Zeit gab die Stadtverwaltung zudem bekannt, dass auch das Gebäude von Skalvija an private Investoren verkauft werden sollte. Die Besucherzahlen waren niedrig. Das Kino hatte enorme Schulden. Das Ende des gesamten Programmkinos in Vilnius schien endgültig besiegelt.

Verlust der Vielfalt

Damals wie heute gilt: In Vilnius hat sich der kulturelle Einheitsbrei breit gemacht. Zu Sowjet-Zeiten bildeten sich Abend für Abend lange Schlangen vor den vielen kleinen Kinos der litauischen Hauptstadt. Der Film bot eine der wenigen Möglichkeiten, die kulturelle Identität Litauens zu bewahren. Wenn Litauer heute ins Kino gehen, besuchen sie immer öfter die großen Multiplex-Kinos am Stadtrand, die vor allem Hollywood-Blockbuster zeigen.

Es ist dem großen Engagement film- und kulturbegeisterter Menschen zu verdanken, dass auch weiterhin eine alternative Filmszene in Vilnius besteht: So hat eine Bürgerinitiave bis heute verhindert, dass das Kino Lietuva abgerissen wird. Auch wenn das Gebäude vielleicht nicht zu retten ist: „Die Immobilie muss ein Ort der Kultur bleiben“, fordert Sarunas Bagdonas, der die Bürgerinitiative anführt. Er hat ein Gerichtsverfahren angestrengt, dass die Unregelmäßigkeiten beim Verkauf an private Investoren untersucht. Solange kann das Kino nicht abgerissen werden.

Lebendige Szene

Für einige junge Menschen ist es geradezu prestigeträchtig geworden, unabhängiges Kino durch ehrenamtliche Hilfe zu unterstützen. Allein kino pavasaris wird von dreißig Freiwilligen unterstützt. Bei den Organisatoren haben sich so viele Studenten gemeldet, dass sie eine Auswahl treffen mussten: „Wir sind sehr froh über die ehrenamtlichen Helfer. Ohne sie würde es wohl kein kino pavasaris geben“, meint Algirdas Ramaska, Geschäftsführer des Festivals.

Eine der Helfer ist Jurga Stakenaite. Sie ist die Koordinatorin und zuständig für logistische Fragen. Nebenbei organisiert sie gemeinsam mit dem französischen Kulturzentrum in Vilnius ein kleines Filmfestival im Winter. „Es hat sich in den letzten Jahren eine sehr lebendige Szene gebildet, die alles daran setzt, kulturinteressierten Menschen gutes Kino fernab des Hollywood-Mainstreams zu zeigen“, meint Jurga.

Greta Zabukait kann das nur bestätigen: „Das Jahr hat überhaupt nicht genug Wochen, um alle Festivals unterzukriegen“, erzählt die Direktorin von Skalvija glücklich. Besonders aktiv seien die kulturellen Institute anderer Länder. Sie würden eigene Filmwochen organisieren oder Filmfestivals litauischer Künstler mit der kostenfreien Bereitstellung von Filmen aus ihrer Heimat unterstützen. Mittlerweile ist Skalvija schuldenfrei. Die Stadtverwaltung habe im Dezember 2006 sogar 80 000 Euro zusätzlich bezahlt, um am Ende des Jahres eine ausgeglichene Bilanz vorzulegen, meint Greta. Auch der Verkauf des Gebäudes sei vom Tisch. Trotzdem ist es möglich, dass Skalvija bald auszieht – die Säle seien durch die steigende Popularität einfach zu klein geworden. In diesem Moment muss Greta Zabukait lächeln. Vor anderthalb Jahren wäre ein solche Aussage noch undenkbar gewesen.

Mit Dank an Dalius Drevinskas