Geben, nehmen, teilen

Artikel veröffentlicht am 20. November 2006
Artikel veröffentlicht am 20. November 2006

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Der ukrainische Straßenkünstler Leonid Kantier, 25, bereist die Welt mit einem Hocker unter dem Arm.

Alles beginnt im Jahr 2004. Leonid Kantier reist mit Freunden durch die Region Lviv in der West-Ukraine. Innerhalb von zwei Wochen durchqueren sie 200 Kilometer. In jedem Dorf, in dem sie halten, präsentieren sie kleine Stücke, die sie mit traditionellen ukrainischen Liedern unterlegen. Ihre Reise endet am 24. August, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag. Drei Monate später zogen unzählige Menschen mit organgefarbenen Fahnen durch Kiew: Der Aufstand gegen das Regime Leonid Kutschmas hatte begonnen.

Ein Jahr später initiiert Leonid Kantier seine erste richtige Tournee. „Ein Hocker reist bis zum Ozean“, heißt sie. Die Idee klingt vielleicht albern, aber für Kantier ist sie das nicht: Schließlich braucht er einen Hocker, um den Ozean in Ruhe betrachten zu können. Kantier packt also zusammen mit Freunden seine Koffer und macht sich auf den Weg nach Polen, Deutschland und Frankreich, um alte ukrainische Erzählungen oder Theater-Stücke aus dem klassischen Repertoire zu inszenieren.

Die Wanderkünstler haben kein Geld, dafür aber Videokameras, Photoapparate und Mikrophone. Sie reisen per Anhalter durch Ost- und Westeuropa, Indien und Sri Lanka folgen. Bald soll der Hocker den Pazifik von China oder Lateinamerika aus betrachten können.

Doppelleben

„Wenn wir in einer Stadt ankommen, dann nehme ich das Megaphon und rufe: „Leute, kommt her und schaut!“, erzählt Kantier. In Frankreich und Deutschland bitten die Gaukler um Geld; in den ärmeren Dörfern in Polen oder der Ukraine reicht ihnen ein Quartier für die Nacht und eine Decke. Kantier lebt nur für seine Reisen an das Ende der Welt.

Im „normalen“ Leben ist der Ukrainer Professor für Filmwissenschaften an der Universität Kiew und leitet die Filmproduktion Lizard Studio die er im Jahr 2000 gegründet hat. Der junge, unverheiratete Mann hat ein leichtes und unbeschwertes Leben. Sein Unternehmen läuft gut – ein Werbespot oder ein Musikclip kann ihm auf einen Schlag viel Geld einbringen.

„Meine Reisen dauern nur einige Monate, doch dabei lerne ich mehr als das ganze Jahr über hier in Kiew. Dann lebe ich zwar wie ein Bettler, aber das ist viel interessanter als Filme oder Videoclips zu drehen. Geben, nehmen, teilen – das ist die Devise!“

Diese Art zu reisen ist in der Ukraine noch weitgehend unbekannt. In Australien, Israel oder Großbritannien trifft man häufiger auf Leute, die ein Jahr oder mehrere Monate mit dem Rucksack auf dem Rücken durch die Welt ziehen – Ukrainer gehören nicht dazu.

„Die Leute in unserem Umfeld sind überrascht. Hier trauen sich die Jungen nicht, wegzugehen. Man muss arbeiten, um sich etwas zu essen zu kaufen. Man muss arbeiten, um sich eine Wohnung leisten zu können. In deren Augen sind wir moderne Hippies“, erklärt Kantier lächelnd.

Rausch der Freiheit

Kantier hält das Straßentheater für unentbehrlich. "Leute gehen ins Theater, um einen zu sehen. Und man weiß ganz genau, was einen dort erwartet: Beifall, lauter oder eher leiser. Die Zeiten, in denen das Publikum es noch gewagt hat, Tomaten auf die Bühne zu werfen oder den Saal aus Protest zu verlassen, sind längst vorbei. Auf der Straße sind die Spielregelen ganz anders. Man weiß weder wer stehen bleibt und zuschaut, noch weiß man, wie das Publikum reagieren wird.“

Die Straße fördere die Kreativität der Schauspieler heraus, was das Theater längst nicht könne. „Alles spielt sich am Anfang ab. Sie müssen die Passanten verführen, sie für sich begeisterj.“ Mit Akrobatik und Pantomime versucht der Schauspieler den Blick der Passanten auf sich zu ziehen, „auf welche Art und Weise auch immer. Indem man mitten auf der Strasse ein traditionelles ukrainisches Gericht in traditioneller Kleidung zubereitet oder man ein ukrainisches Märchen erzählt.“ Weder die Mimik noch das Thema seien ausschlaggebend, dafür aber „die künstlerische Leistung, mit der wir uns bei den Leuten bemerkbar machen.“

Kantier wählt seine Themen anhand der Geschichte oder der Mentalität des Gastlandes aus. „Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Arbeitern in China, Krieg und Ablehnung des Anderen in Frankreich“. Den Zuschauern wird eine Projektbeschreibung in ihrer Sprache auf einem großen Blatt Papier in die Hand gedrückt. Sobald Kantier die Gelegenheit hat, bittet er namhafte Organisation darum, ihren Stempel darunter zu setzen. Ein „Zeichen ihrer Unterstützung, das wir dann, falls notwendig, als Passierschein verwenden“.

Dennoch wurde es der Truppe in Frankreich verboten, unter dem Eiffelturm zu spielen. Sie hat es trotzdem getan. Zwei Flaschen Wein später gesellten sich zu den ukrainischen Gauklern ein französischer Gittarist, zwei Israelis, zwei Libanesen und zwei Russen... Für Leonid sind das „prägende Momente“.

Es geht nicht unbedingt darum, dass das Publikum etwas über die Ukraine lernt, „das ist uns egal“, aber darum, das Publikum zu berühren. „Wir haben lange gebraucht, um aufzuwachen. Danach haben wir unsere Freunde wachgerüttelt und nun möchten wir die Welt wachrütteln. Damit sie lebt... damit sie frei wird.“