G8 gipfelt auf den Trümmern von L'Aquila

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2009
Drei Monate nach dem Erdbeben zählt die Hauptstadt der Abruzzen, die in diesen Tagen den G8-Gipfel empfängt, noch immer mehrere tausend Obdachlose.

Es ist Nacht auf der Corrado IV am Rande der Altstadt von L‘Aquila. Nur wenige Autos sind vor den Kontrollposten der Polizei, der Carabinieri oder der Guardia di Finanza, in der der G8 tagt, noch zu sehen. Die Stille der Nacht ist unerträglich. Tagsüber sind die Erdbebentrümmer überall sichtbar. Die Bewohner von L‘Aquila müssen seit Monaten auf Dinge verzichten, die vorher selbstverständlich waren. Doch zumindest sieht man Passanten und Autos. Der Verkehr brummt. In der Nacht ist alles still. Die Hälfte der Stadt hat sich in die Küstenregionen geflüchtet, während die anderen weiterhin in Zivilschutz-Zelten übernachten.

©Fabio Iuliano

Berlusconi jongliert mit Zahlen

Die Zahlen sprechen für sich selbst: Mehr als 30.000 Menschen sind in den Hotels der umliegenden Provinzen Pescara, Chieti, Teramo (Abruzzen) oder Ascoli Piceno (Marken) untergebracht. 23.000 Obdachlose müssen in Zelten ihr Nachtlager aufschlagen. Nochmal so viele haben anderswo ein neues zu Hause gefunden. Bis Ende Juni konnten insgesamt weniger als 2000 Personen in ihre renovierten Häuser zurückziehen.

Schuld daran sind die wiederholten Beben des 6. April dieses Jahres, die bis zu 4 Punkte auf der Richterskala erreicht hatten. Ministerpräsident Silvio Berlusconi versprach alsbald, dass bis Mitte September niemand mehr in Zelten übernachten müsse und dass tausende Obdachlose in neuen, momentan konstruierten und vor allem erdbebensicheren Häusern im Umkreis der Stadt unterkommen könnten. Die Bauarbeiten haben sich allerdings verzögert. Des Weiteren werden wohl nicht mehr als 15.000 Personen in diesen Neubauten unterkommen können, die Arbeiten an weiteren Häusern werden sich um Monate hinziehen.

©Fabio Iuliano

Nicht ohne meinen Badge!

In dieser Hinsicht ist der G8-Gipfel, der vom 8. bis 10. Juli in der Erdbebenregion stattfindet, eines der aussagekräftigsten Treffen der letzten Jahre. An drei Tagen sollen laut Berlusconi die Reglementierung der Finanzen, Nahrungsmittelsicherheit und der Klimawandel auf den Tisch. Die nationalen Delegationen der 27 europäischen Mitgliedstaaten werden zwischen L’Aquila, der Adriaküste und Rom pendeln.

Die jährliche G8-Partie wird zwischen den Staaten Russland, USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada gespielt. Diese 8 Staaten vereinen ungefähr 13 Prozent der weltweiten Bevölkerung und machen über 50 Prozent des weltweiten BIP aus. Allerdings haben die 8 Industriestaaten nur den Mittwoch unter sich, ab Donnerstag werden in L’Aquila Delegationen aus insgesamt 28 Ländern präsent sein.

©robclimbing/flickrDas Politereignis hat außerdem einen stark emotionalen Einfluss auf die Erdbebenopfer der Region, für die Einschränkungen, Abwanderung und die ständige Medienpräsenz an der Tagesordnung sind. An die ständigen Kontrollposten und verschiedenen Polizei- und Antiterror-Patrouillen im Alltag haben sich die Bewohner der Hauptstadt der Abruzzen bereits gewöhnt.

Momentan sind die Straßen menschenleer. Während des Gipfeltreffens dürfen nur Menschen, die einen Spezial-G8-Badge tragen oder Anwohner, die vorher einen Antrag gestellt haben, in den Straßen von L’Aquila flanieren. Bewohner und Besucher der Zeltlager dürfen diese jedoch auch weiterhin betreten und verlassen. Die Lager in der Nähe der Guardia di Finanza, wo der Gipfel tagt, stehen jedoch unter starker Kontrolle. Und damit nicht genug! Auch Tiere werden für die Zeit des G8-Gipfels aus dem westlichen Teil der Stadt verbannt, und das, obwohl die US-amerikanische Delegation bei ihrer Ankunft ganz entzückt vom Anblick einer Schafherde schien.