Für eine politische Philosophie Europas

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003
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Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2003

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Die Errichtung des politischen Europa stellt insofern eine philosophische Frage ersten Ranges dar, als dass sie das Schicksal unserer politischen Gemeinschaften ist.

Was kann die politische Philosophie in einer Debatte über Europa bewirken? Ich würde zunächst gern davon ausgehen, dass sie durch ihre doppelte, sagen wir, „methodologische“ Kompetenz imstande ist, dazu viel beizusteuern. Sie besteht einerseits v.a. in einem Hinterfragen des Europa-Konzeptes selbst, dessen Geschichte mit der unserer westlichen Zivilisation einhergeht. Sie stellt die Frage, wie sinnvoll ein politisches System auf europäischer Ebene ist und prüft die Richtigkeit eines europäischen politischen Regimes. Dabei gerät andererseits nicht aus dem Blickfeld, wie brandaktuell die europäische Konstruktion ist - was sich in der Verwirklichung eines politischen Projektes, einer europäischen Verfassung, zeigt. Das bringt den Intellektuellen notwendigerweise dazu, dem Entscheidungsträger nutzbringend zuzuarbeiten.

Das, was eigentlich philosophisch ist und das, was eigentlich politisch ist, kann vermischt werden, indem man die gedankliche Arbeit rigoros in die entstehende Geschichte einfließen lässt. Es ist diese Kapazität, die mich glauben lässt, dass die politischen Philosophen uns etwas über die europäische Identität und das europäische „Bewusstsein“ beibringen können. Genau dadurch beseitigen sie auch falsche Fährten, ohne dass sie sich tatsächlich über den einzuschlagenden Weg äußern. Die Eigenschaft, gleichzeitig Jäger von Vorurteilen und Ideenlieferant zu sein, autorisiert sie, sich an der Debatte zu beteiligen.

Ein Konflikt der Traditionen

An erster Stelle gibt es ein historisches Problem Europas: eine Art „Konflikt der Traditionen“, der bis in die Antike zurückreicht. In einem – weil es sich durch eine ausgeprägte Kenntnis dieser Epoche auszeichnet – unverzichtbaren Werk, erfasst Rémi Brague die römische Seite des europäischen Bewusstseins. Schon Léo Strauss hatte den Gegensatz zwischen Athen – Symbol für Philosophie und Paganismus (Heidentum) – und Jerusalem – Verkörperung der Autorität des jüdischen, dann des christlichen Glaubens – unterstrichen. Dieser Gegensatz strukturiert und entzweit den Okzident.

Paul Valéry fasst auf bewundernswerte Weise diese dreifache Herkunft zusammen: „Überall dort, wo die Namen von Cäsar, von Gaius, von Traian und Virgil, überall dort, wo die Namen von Moses und des Hl. Paulus, überall dort, wo die Namen von Aristoteles, von Platon oder Euklid die gleiche Bedeutung und Autorität besitzen, da ist Europa. Jedes Volk und jedes Land, welches nacheinander romanisiert, christianisiert und hinsichtlich des Geistes der Disziplin der Griechen unterworfen wurden, ist vollkommen europäisch“.

Wenn man sich die entfernte Geschichte Europas ins Gedächtnis ruft, erinnert man sich oft nur an Griechenland, obwohl die „Alte Welt“ geprägt ist von verschiedensten Überzeugungen, die sich rund um drei Zentren sammeln – aus deren Vermischung immer wieder Konflikte entstehen. Der neugierige Leser Europas muss den Beginn des Weges bei den drei großen westlichen Zivilisationen ansetzen. Es besteht kein Zweifel, dass man für die Untersuchung einen langen Atem brauchen wird!

Europa, Nation und Demokratie: eine unmögliche Debatte?

Pierre Manent zeigt in seinem « Cours familier de philosophie politique (Bekannter Verlauf der politischen Philosophie) », dass die zwangsläufig im Zeichen der Demokratie stehende politische Zukunft Europas, eng verbunden ist mit der Zukunft der Nation. Wenn nun aber die Nation auf der einen Seite das Aufblühen der Demokratie in Europa erlaubt hat, so ist sie in der Folge paradoxerweise der unvermeidliche Bezugspunkt der Feinde der Demokratie geworden. Diese Zweiteilung hat gemäß P. Manent den Wortlaut der Debatte zwischen „Pro“- und „Anti“-Europäer bestimmt: „Diejenigen, die zuallererst empfänglich sind für die enge Verbindung zwischen Demokratie und Nation, werden das ,Gebilde Europas’ mit großem Misstrauen und großen Befürchtungen betrachten: tendenziell werden sie in den europäischen Institutionen eine oligarchische, dem Leben der europäischen Völker fremde Maschine erblicken, die sie mehr und mehr ihrer Selbstregierung beraubt. Diejenigen, die zuallererst für die antidemokratische und kriegerische Form empfänglich sind, wie sie der Nationalismus der europäischen Nationen im 20. Jahrhunderts angenommen hat, werden tendenziell in der Erscheinung der Nation, insbesondere in der nationalen Souveränität, das letzte Hindernis sehen – welches gerade überwunden wird“.

Europa, ein unüberschreitbarer Horizont

Hier sind wir mit einem zweiten, im Falle Frankreichs besonders hervorstechenden, Problem von Bedeutung konfrontiert: diese kontradiktorische Debatte kann – in der Praxis – nicht stattfinden. Es ist heute in Frankreich in der Tat schwierig, über Europa zu diskutieren. Es ist unmöglich an Europa zu zweifeln, ohne als „reaktionär“ oder „nationalistisch“ zu gelten, sowohl bei den Medien als auch bei den großen Parteien – die bereits jetzt [von Europa] überzeugt sind ohne sich auch nur an irgendeiner Argumentation versucht zu haben. Sodass der pro-europäische Konsens seltsamerweise einem „unüberschreitbaren Horizont“ gleicht...

Ich würde sogar sagen, dass es unvorstellbar ist, nein zu Europa zu sagen, ohne mehr oder weniger als ein Feind der Vernunft durchzugehen; denn jemand, der nein zu Europa sagt, ist zwangsweise eine ideologisch marginale Gestalt, deren Denken überdies nur übelgesinnt sein kann und von affektbedingten, genauer gesagt also irrationalen Motiven inspiriert ist. Dieser intellektuelle Terrorismus duldet keinen begründeten Widerspruch und sieht sich keinem ebenbürtigen Feind gegenüber und lässt daher Freiraum für eine Karikatur wie das französische anti-europäische Schreckgespenst Jean-Marie Le Pen.

Dies geschieht in einer solchen Weise, dass ich meinerseits – Paradox des Paradoxons! – , wenn ich mich selbst mit Europa beschäftige, manchmal intuitiv das „Verlangen“ danach verspüre und es mir nicht gelingt, mich auf rationale Weise davon zu überzeugen, dass die europäische Konstruktion gut begründet ist, da es mir bis heute ja unmöglich ist, über diese Fragen zu debattieren, ohne als ein anerkannter Provokateur zu gelten. Im Übrigen, von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtet, tut es mir leid, zugeben zu müssen, dass die Debatte in Frankreich im Hinblick auf das dortige Umfeld unmöglich ist. In einem Umfeld, in dem auf der einen Seite eine Generation von Eliten steht, welche das Verfallsdatum überschritten hat und auf der anderen Seite eine neue, größtenteils von Gleichgültigkeit geprägte (Marcel Gauchet), und infolgedessen weitestgehend unwissende Generation.

Eine imaginäre von Büchern vermittelte Debatte

Man darf bezweifeln, dass eine wirklich konstituierte europäische Intellektuellengemeinschaft existiert. Sicherlich gibt es ausgewählte – und nicht die geringsten – Affinitäten zwischen bestimmten Ländern, welche die Europäische Union formen. Was die Philosophie angeht, besteht die deutlichste Bindung zwischen Deutschland und Frankreich, die, von Hegel über Heidegger und Gadamer bis hin zu Habermas, nie aufgehört hat, gelehrte Kontroversen in Gang zu halten. Diese Bindungen von Staat zu Staat übersteigen jedoch nicht den begrenzten Rahmen kleiner kaum durchlässiger intellektueller Gemeinschaften

Man kann die Dinge auch anders sehen und annehmen, dass im Innern der europäischen Nationen ein Korpus bemerkenswerter Werke existiert, dass es unsere Aufgabe ist, letztere zu lesen und [einander] gegenüberzustellen. Eine von Büchern vermittelte imaginäre Debatte als Vorspiel einer politischen Debatte, eingeleitet von einer neuen Generation, die ganz offensichtlich besorgt ist um das Schicksal einer im Keime befindlichen europäischen politischen Gemeinschaft. Kurz, es handelt sich um einen „Konflikt der Interpretationen“, der es dieser nach 1970 geborenen Generation erlaubt, die in diesen Büchern gestellten Fragen anzugehen mit der Ambition, sie in ein bedeutsames politisches Projekt umzusetzen..

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Bibliographie:

Manent, Pierre: Cours familier de philosophie politique, Fayard, 2001

Strauss, Léo: La renaissance du rationalisme politique antique, Gallimard, 1993.

Brague, Rémi: Europe, la voie romaine, Gallimard, 1999.

Gauchet, Marcel: La Démocratie contre elle-même, Gallimard, 1999.

Hersant, Yves/Durant-Bogaert, Fabienne (Hrsg.): Europes, de l’Antiquité au XXe siècle, anthologie critique et commentée, Bouquins, 2000