Für ein nachhaltiges österreichisches Bildungssystem

Artikel veröffentlicht am 6. März 2009
Artikel veröffentlicht am 6. März 2009
Von Julie Demel Vor kurzem verkündete Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ), dass die Lehrer zukünftig länger arbeiten sollten. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Eltern sprachen sich sogleich für diese Idee aus, die Lehrer konterten entrüstet dagegen. Eine Diskussion entbrannte aufs Heftigste.

Ein Lehrer in Österreich mit voller Lehrverpflichtung hat heutzutage in der Woche 20 Stunden Unterricht und 20 Stunden Vorbereitungszeit. Nach Wunsch der Ministerin sollten nun die Lehrer 22 Stunden im Unterricht tätig sein. Im Eu- Durchschnitt ist das eher wenig, wenn man dies mit Finnland oder Frankreich vergleicht. Im Pisa-Schlaraffenland  Finnland sind die Lehrer den ganzen Tag eingebunden und auch in Frankreich sind viel öfter Nachmittage belegt. Nachmittagsbetreuung gibt es schon, aber es gibt nur wenige Förderstunden und Nachmittagsnachhilfe.  Die Nachhilfe wird von Privatlehrern oder Privatinstituten übernommen.

In der  offiziellen Pisastudie schnitt Österreich nur durchschnittlich ab. Die österreichischen Kinder hatten sehr wenig Zugang zu solchen Auswahlverfahren. Mit Hilfe der Bildungsstandards sollen nun die Kinder auf diese Prüfungen vorbereitet werden. Ab der 8. Schulstufe (4. AHS) werden die Kinder zunehmend mit solchen Ausleseverfahren konfrontiert.

Im September 2008 ist das Modell Gesamtschule in Kraft getreten. Da, wo sich die Selektion in anderen Ländern viel später eintritt, wird in Österreich bereits in der Volksschule über die Zukunft des Kindes entschieden. Alle Kinder die ein Sehr gut oder Gut haben, dürfen in die anerkannte AHS (Allgemeine höhere Schule) aufsteigen. Ein Volksschulkind mit Befriedigend oder Genügend musste bis jetzt in die Hauptschule gehen. Das Modell der Gesamtschule macht  diesem System einen Strich durch die Rechnung.  Sollte sich das Modell langfristig durchsetzen, hätten alle Kinder dieselben Ausgangschancen.

Das österreichische Bildungssystem ist ein traditionsbeladenes System. So manche Regulierung geht noch auf die Monarchie zurück. Jedoch hat es sich bislang als reformresistent erwiesen. Ein großes Hauptproblem des österreichischen Schulsystems ist die politische Färbung. Die Schule steht entweder der Sozialdemokratie oder der konservativen Partei nahe. Dies geht auf einen Beschluss des Schulgesetzes von 1962 zurück. Es wäre Zeit die Politik aus der Schule zu nehmen, da sie diese lähmt. So haben ÖVP- nahe Schulen extra-Lehrgänge für Europapolitik, die man in  SPÖ- nahen Schulen kaum findet.

Technisch und materiell  ist das österreichische Bildungssystem vermutlich eines der bestausgestatteten Systeme in Europa. Inhaltlich gibt es nur spärlich Änderungen.  Didaktisch beharrt man auf spezifischen Methoden und lässt nur spärlich neue zu. Im Moment ist die Methode des Portfolios, ein amerikanisches Modell, sehr beliebt in österreichischen Schulen.

In Wiener Schulen steigt die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund. Die Kinder haben als Muttersprache Türkisch, Bosnisch, Serbisch, Slowakisch, Polnisch, Rumänisch, Armenisch, etc. Die Kinder müssen Deutschkurse belegen, aber es gibt nur wenig Alternativen zu diesem Schema. Maria Theresia, die große österreichische Herrscherin,  hatte doch 1756 die Orientalische Akademie (heute Diplomatische Akademie) gegründet, um österreichischen Knaben orientalische Sprachen wie Türkisch, Persisch und Arabisch beizubringen. Erst vor kurzem werden bilinguale Zweige mit Sprachen wie Ungarisch, Slowakisch an Schulen angeboten.  Es fehlt dringend an  Modellen wie die Europaschule, die den Anforderungen der europäischen Union und der Völkerverständigung gerecht werden.

Tatsächlich hat das österreichische Bildungssystem ein Potential von ungenützten Möglichkeiten. Man müsste das Bildungssystem nur besser strukturieren und konfliktresistent isolieren, um eine effizientere und nachhaltigere Bildungspolitik zu gewährleisten. Die Ausbildung des Lehrers müsste kürzer und inhaltsträchtiger werden. Die Disziplin müsste klare Regeln unterstützen. Den Schülern müsste man von allem Anfang an auf mehr Lust auf Europa machen.

Fotos:

Pressekonferenz Claudia Schmied (SPÖ/flickr)

Volkshochschule Pfunds (p_jp55/flickr)

Freie Schule (ms_vie/flickr)

Gruppenfoto (mt.nz/flickr)