Fünf Jahre Kosovo: Alles Gute zum Geburtstag?

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2013
Nun sind es schon fünf Jahre. Am 17. Februar 2008, neun Jahre nach Kriegsende, erklärte sich der Kosovo einseitig unabhängig. Bis zum heutigen Tag haben nur etwa hundert Länder - darunter Frankreich und die Vereinigten Staaten - den Kosovo als Nation anerkannt. Das Nachbarland Serbien nimmt Pristina nach wie vor nicht für voll.
Wenngleich der Kosovo im September des vergangenen Jahres mit dem Abzug der internationalen Beobachter seine vollständige Souveränität erlangt hat, hat das Volk seine Identität noch nicht gefunden.

"Dies ist ein wichtiger Tag, denn heute können wir uns versammeln, nach allem, was wir erlebt haben." An diesem 17. Februar 2013 selbstbewusst zur eigenen Geschichte stehen zu können - das wünscht sich Resarta, heute 24 Jahre alt, bei Ausbruch des Krieges erst zehn. Die hübsche, dunkelhaarige Frau, die wir vor der berühmten Skulptur Newborn getroffen haben, stammt aus dem Norden des Landes und hat sich heute nach Pristina aufgemacht, um den fünften Jahrestag der Unabhängigkeit des Kosovo zu feiern. Neben ihr Dutzende junger Menschen, den Pinsel in der Hand, die einen nach dem anderen die sieben Buchstaben des Wortes Newborn neu bemalen. Das 2008 errichtete Denkmal ist zum Symbol des neuen Landes, des jüngsten Europas, geworden. Die gewöhnlich gelbe, von Graffiti bedeckte Skulptur wurde anlässlich des Jahrestages mit den Flaggen der 98 Länder verziert, die den Kosovo anerkannt haben.

5 Jahre später wurde si mit den Flaggen der Länder bemalt, die den Kosovo als Land anerkannt haben

In einigen hundert Metern Entfernung defiliert auf der Mutter-Theresa-Allee das kosovarische Militär. Polizisten, Infanteristen, Panzer - es ist wie am 14. Juli auf den Champs-Élysées. Nur die noch unfertige Anlage aus Beton erinnert daran, dass hier viele Dinge erst noch aufgebaut werden müssen. Hinter den Sicherheitsabsperrungen drängeln sich tausende Menschen, die Ballons und Fahnen schwenken. Kosovofahnen natürlich, aber auch die des großen Bruders Albanien. "Wir kommen aus dem Kosovo, aber unsere Nation ist Albanien. Ursprünglich waren wir nur ein Land", erklärt Xherdan, ein 32-jähriger Journalist in der Menge.

"Ach, die sind jetzt unabhängig?"

Fünfzig Kilometer weiter nördlich, in Mitrovica. Hier, ganz nahe an der Grenze zu Serbien, sind die Spannungen zwischen Albanern und Serben im Kosovo am stärksten spürbar. Die vom Fluss Ibar in zwei Hälften geteilte Stadt Mitrovica war einst eine Einheit und ist nun gespalten: Im Norden fordert die serbische Mehrheit den Anschluss an Belgrad. In den Straßen sieht man überall das Porträt des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic und die Bevölkerung zeigt Desinteresse an dem Fest, das am gegenüberliegenden Ufer vorbereitet wird. "Ach, die erklären sich für unabhängig? Ist uns doch egal, das ist ein Tag wie jeder andere," tut Arsenia ihre Meinung kund, aber ihre Augen blicken dabei nach Süden.

Anlässlich des Jahrestages überqueren die wenigen albanischen Familien aus dem Norden der Stadt die Fußgängerbrücke aus Holz, die sich über den Ibar spannt. "Im vergangenen November war ich in Tirana, um den hundertsten Geburtstag Albaniens zu begehen und heute Morgen mache ich mich nach Süd-Mitrovica auf. Man sagt, ich sei Kosovare, also muss ich doch die Unabhängigkeit meines neuen Landes feiern," erzählt Agron, 29 Jahre alt, mit einem Lächeln auf den Lippen. Anderen ist weniger nach Feiern zumute. Der im Norden der Stadt geborene Erdan, Ingenieur für Fernmeldetechnik, ist im Krieg aus Mitrovica geflohen. Heute hofft er nicht mehr, den Fluss jemals wieder zu überqueren. "Die Brücke wurde erbaut, um die Stadt zu verbinden. Stattdessen ist sie zu einer Grenze geworden," sagt er bitter, während in der Ferne Schüsse aus Maschinenpistolen ertönen.

Eine Feier ohne Begeisterung

Zurück in Pristina. Im geschützten Parlamentsgebäude erklingt die Melodie von Europa, der kosovarischen Hymne, die absichtlich keinen Text hat, um keine Minderheit des Landes auszuschließen. Anschließend ergreift Präsidentin Atifete Jahjaga, 37 Jahre alt, das Wort. Die ehemalige, vom FBI ausgebildete Polizistin übernahm 2011 die Führung des Landes, nachdem die Wahl des vorherigen Präsidenten für ungültig erklärt worden war. In Anwesenheit des albanischen Staatschefs Bujar Nishani, den man zu den Feierlichkeiten eingeladen hat, betont Atifete Jahjaga nochmals, dass sie vorhat, die Korruption zu bekämpfen, die das Land vergiftet. Als sie auf das Land Serbien zu sprechen kommt, zu dem sie sich bessere Beziehungen erhofft, erinnert sie vor allem daran, dass "die Republik Kosovo unwiderlegbar und unwiderruflich existiert."

Nach Einbruch der Dunkelheit strömt von neuem eine Menschenmenge zur Mutter-Theresa-Allee, wo ein Konzert stattfinden soll. Aber trotz aller stimmlichen Anstrengungen von Vesa Luma, einem hierzulande bekannten Popstar, kommt keine wirkliche Feierstimmung auf. "Es ist schwer, sich zu freuen, wenn das Land so viele Probleme hat. 40% der Bevölkerung sind arbeitslos und nicht jeder hat genug zu essen," verrät Lorik, tagsüber Student, nachts Taxifahrer.

Am Newborn-Denkmal ist man weit von der Euphorie entfernt, die vor fünf Jahren bei der Erklärung der Unabhängigkeit herrschte. Selbst das Feuerwerk, das gegen Mitternacht abgebrannt wird, schafft es nicht recht, diese Jubiläumsnacht zu erleuchten. Ergul interessiert sich wenig für die Feierlichkeiten; mit ins Leere gerichtetem Blick gesteht er: "Ich weiß nicht recht, ob dies ein besonderer Tag ist, denn für mich zählt nur Albanien wirklich. Früher war ich Jugoslawe, dann Serbe und jetzt Kosovare. Heute weiß ich nicht mehr, woher ich komme."

Illustrationen: Teaserbild (cc)rasha/flickr; Im Text ©Thoms Lecomte & Antoine Védeilhé; Video (cc)ZekaYlli/YouTube