Frisör Pino Papaluca: italienischer Forrest Gump gegen die Mafia

Artikel veröffentlicht am 15. März 2011
Artikel veröffentlicht am 15. März 2011
Schmerz und Leid hat Italien in seiner DNA. Seine Helden starben für die nationale Einheit, für die Befreiung vom Faschismus und den Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Aber es gibt auch noch viele andere, die seit jeher für ein und dieselbe Sache sterben: den Kampf gegen die Mafien.
Der Friseur und Marathonläufer Pino Papaluca beschloss daher, jeden Tag 30 Kilometer zu laufen und ganz Italien zu durchqueren, um all diesen Opfern zu gedenken.

Pino Papaluca startete seinen Marathon am vergangenen 18. Februar in Castell'Alfero, einem Ort der italienischen Provinz Asti. Und er wird den ganzen Stielfel durchqueren, von Garbagnate (Mailand) bis Paganica (L’Aquila), von Florenz über Viterbo bis nach Palermo. Nachdem er alle durch alle italienischen Regionen gelaufen ist, wird er am 19. März 2011 anlässlich des 16. Gedenktages für die über 900 Opfer der Mafia in Potenza seine Mission beenden.

Auf jeder Etappe empfangen ihn Studenten, Schulklassen, Mitglieder ehrenamtlicher Vereine und von Nichtregierungsorganisationen, Athleten, die die Initiative unterstützen, aber auch Sympathisanten und Interessierte und begleiten ihn auf einer kurzen Strecke. Und jede Etappe ist dem Gedenken eines bestimmten Mafiaopfers gewidmet, es wird über Legalität und Bürgerinitiativen diskutiert und es können beschlagnahmte Güter besichtigt werden. Der Frisör und Marathonläufer Pino Papaluca feiert die Einheit Italiens auf seine ganz individuelle Art. Seinen thematischen Marathon unterstellte er dem Motto „La pace va per…corsa” („Zum Frieden… im Laufschritt“) und organisierte ihn in Kooperation mit dem italienischen Antimafia-Vereinsnetzwerk Libera, um den „Helden“ zu gedenken, die im Dienst für den Staat ihr Leben gelassen haben. Sie starben, weil sie einen Richter beschützten, weil sie Amtsmissbrauch und geheime Absprachen mit der Mafia anklagten, weil sie die Zahlung von Schutzgeld verweigerten, weil sie die „Omertà“, das Gesetz des Schweigens, brachen oder weil sie sich der Logik von Cosa Nostra, der „‘Ndrangeta, der Camorra und anderen Zusammenschlüssen der organisierten Kriminalität in Italien nicht beugten.

„Sie starben für ein besseres, gerechteres Italien“

Eins dieser Opfer ist Eddie Cosina, ein Polizist der Eskorte des Richters Paolo Borsellino: Ermordet im Alter von 30 Jahren, am 19. Juli 1992 bei dem Massaker in Amelio. Ihm gedachte am 24. Februar auf der Etappe durch Triest seine Nichte Silvia Stener: „Meinem Onkel waren die Institutionen heilig. Seine Polizistenuniform trug er mit großem Stolz. Vor jeder Mission sagte er meiner Großmutter immer, für ihn wäre es der schönste Tod, eingehüllt in der Trikolore zu ruhen. Es ist schön, die Einheit Italiens im Gedenken an jemanden zu feiern, der Italien so sehr liebte.“

„Man muss sich auch an diesen Teil Italiens erinnern, an diese Helden, die für ein besseres, gerechteres Italien ihr Leben gegeben haben, für ein Italien, in dem Gesetz und Recht natürliche Bestandteile der Zivilgesellschaft sind“, kommentierte Libera-Gründer Don Ciotti. Libera ist ein Netzwerk von über 1500 Verbänden, Gruppen, Schulen und anderen territorial tätigen Vereinigungen, das seit 1995 landesweit den wichtigsten Bezugspunkt für den Kampf gegen die Mafia und die Verbreitung der Legalität bildet. Das Gesetz über die soziale Verwendung von Gütern, die bei der Mafia beschlagnahmt wurden, die Erziehung zu demokratischer Legalität, der Kampf gegen Korruption, Antimafia-Bildung, Projekte für Arbeit und Entwicklung oder Initiativen gegen Wucher sind nur einige der Aktivitäten, denen sich Libera dank seinem in ganz Italien aktiven Netzwerk widmet.

„150 Jahre italienische Einheit sind gleichbedeutend mit 150 Jahren Präsenz organisierter Kriminalität in unserem Land, aber auch 150 Jahren des Widerstands gegen diese negative Macht. Wir wollen der Opfer von gestern und heute gedenken“, fährt Don Ciotti fort. „Derzeit haben wir ein Land, das zwar nicht geteilt, aber ungleich ist. In unserer Verfassung steht nichts von Nord- und Süditalien, sondern etwas von einem Land, das von den gleichen Rechten und Pflichten vereint wird. Aus diesem Grund kann allein die Sozial-, Kultur- und Arbeitsmarktpolitik die einzige Grundlage für den Aufschwung sein.“

Acht Knieoperationen und dann in die Startlöcher für den Weltfrieden

Libera liefert die Organisation und Pino Papaluca seine Beine: 10 Monate im Jahr in seinem Frisörsalon und zwei unterwegs, um Botschaften für Solidarität und Frieden in die Welt zu tragen. Zu seinen athletischen Initiativen zählen unter anderem die Marathons Moskau-Rom und Amman-Bagdad. Und seine „Laufbahn“ ist exemplarisch: „Marathonläufer wurde ich nach acht komplizierten Eingriffen am Knie nach einem Unfall beim Fußballspielen im Alter von 20 Jahren. Zwischen einer Operation und der nächsten half mir das Laufen, Ausdauer und Muskelkraft wiederzufinden, aber auch zu lernen, die Zähne zusammenzubeißen. Und dann wurde das Laufen mein Leben“, erzählt er.

Bei seinem jüngsten Marathon lief er rund 30 Kilometer pro Tag und traf unzählige Personen, die die Leidenschaft für die Legalität vereint. „Das ist das wahre Italien, nicht das Italien voller Pailletten und Flitter, das man in Talkshows und Reality-Shows vorgesetzt bekommt.“ Besonders beeindruckte ihn die Geschichte eines jungen Mannes aus Kalabrien, den er in der Provinz Triest an einer Tankstelle kennen gelernt hat und der aus seiner Heimat geflohen war, um sich nicht der 'Ndrangheta zu beugen, um Arbeit zu finden. Und ihn verblüffte die Skepsis der meisten Norditaliener, die nicht glauben, dass die Mafia längst auch in ihre Strukturen eingedrungen ist.

Die Geschichten von Pino und den Menschen, denen er auf seinem Weg begegnet ist, wurden auf der Webseite des Netzwerks Libera als Bericht in Tagebuchform veröffentlicht.

Fotos: Homepage (cc) RICCIO/flickr; Intext: Mit freundlicher Genehmigung von Libera