Frieden: "2011 ruft uns in Erinnerung, dass Lösungen für Konflikte existieren"

Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2011
Cathy Van Dorslaers Spezialität ist Konfliktprävention. Das Jahr 2011 hat die belgische Psychologin besonders bewegt. Von den demokratischen Forderungen über die Verwendung neuer Kommunikationskanäle erklärt sie cafebabel.com, warum 2011 unter dem Zeichen des Friedens stand.

cafebabel.com: Als Konfliktpsychologin und Beobachterin aktueller Geschehnisse, welchen Nachgeschmack hinterlässt dadie Empörtens Jahr 2011 bei Ihnen?

Im Bild: "Der Rest wird kommen"Cathy Van Dorslaer: Es wäre übertrieben zu sagen, dass das Jahr 2011 bei mir einen Nachgeschmack des Friedens hinterlässt. Aber es gab eine Idee der Hoffnung. 2011, 10 Jahre nach den Anschlägen des 11. September, haben die Ereignisse gezeigt, dass das Volk und die Verantwortlichen der Politik über Mittel zum Wandel verfügen. Sie sind von einer Wettkampfpolitik zu einer Politik übergegangen, die mehr Platz für Meinungen, gegenseitiges Zuhören, Verhandlungssinn und Kompromiss zuließ. 2011 haben sich die Büurger an den verschiedensten und unerwartetsten Orten (Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, Jemen) das Recht gegeben, ihre Bedürfnisse auszudrücken, diese einzufordern (die Empörten oder auch die heldenhaften Demonstranten des Arabischen Frühlings). Auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass ein Volk aufbegehrt und versucht sich eine Stimme zu verschaffen, so ist es doch das erste Mal im 21. Jahrhundert, dass die Hilfeschreie und Opfer auch Effekte zur Folge hatten: Diktaturen sind gestürzt worden oder sind dabei zu verschwinden, internationale Instanzen haben eingegriffen und die von der UNO vorgegebenen Rahmen beachtet, die desaströsen wirtschaftlichen Politiken wurden bestraft (Abgang von Zapatero, Berlusconi, Papandreou). Wir haben somit ein neues Paradigma: das des gegenseitigen Zuhörens und der Beachtung der Bedürfnisse und Rechte von allen.

cafebabel.com: Die demokratische Bedeutung der 'Arabischen Revolution' wird noch zu beweisen sein. In Europa wird die Mittelschicht immer ärmer. Haben Sie denn gar keinen Grund im Kopf, um das Jahr mit weniger Optimismus zu begutachten?

Cathy Van Dorslaer: Ich bin mir bewusst darüber, dass diese Haltung sehr anfällig ist. Der Individualismus und viel nationalistisches Gedankengut liegen immer in Lauerstellung. Wie werden die neuen Regierungen des Arabischen Frühlings, moderate Islamisten, ihre Beziehungen zum israelischen Nachbarn und die Ungerechtigkeiten gegenüber dem palästinensischen Volk begutachten? Welchen Platz wird der Iran und seine atomare Bedrohung im Fall von Streitigkeiten spielen? Afrika, dieser unterlaufene und trotzdem komplett vergessene Kontinent, wird er sich nicht auch eine Stimme verschaffen wollen? Und in Europa ist die Suche nach Sündenböcken (Arbeitsose, Ausländer, Politiker, Banken, aufstrebende Länder, die Europa Geld leihen) eine weit verbreitete Praxis.

cafebabel.com: Welche Haltung nehmen die Medien in der Darstellung der Koflikte ein?

Cathy Van Dorslaer: Die Medien nehmen in puncto Kompromissvereinbarungen oder Rückkehr zu Konflikten und Krieg eine ausschlaggebende Rolle ein. 2011 ist auch das Jahr, in dem sich eine neue Informationskultur besonders stark bemerkbar machte, die sich dadurch charakterisiert, dass sie tendenziell eher nach Kompromissen sucht. Zu den audiovisuellen (Massenmedium, das in Diktaturen oft kontrolliert werden kann) und traditionellen Printmedien (die nicht immer eine große Leserschaft erreichen) kamen die neuen Medien aus dem Netz (Webseiten, Blogs...), die als einzige eine weiträumige Verbreitung individueller Meinungen ermöglichen. Diese neuen Medien, die leichter der Zensur entkommen, scheinen Meinungsäußerung zu fördern, auch wenn sie nicht immer Objektivität, Wahrheit, Öffnung und Dialog garantieren können. Aber sie waren ein extrem wichtiger Angelpunkt in der Verbreitung der Forderungen von Bürgerbewegungen und haben sicher auch dazu beigetragen, dass diese nicht mehr ignoriert werden konnten.

cafebabel.com: Wie hat sich dieser Wandel neben den Neuerungen im Netz in der Haltung der Medien noch bemerkbar gemacht?

Cathy Van Dorslaer: Die Kombination verschiedener Informationsformen hat den Einfluss der Information und das Nachdenken des Lesers oder Zuhörers und ihre Anforderungen an die Medien an sich verändert. Die neue Erwartungshaltung des Publikums könnten die Medien dazu bringen, verschiedene vergessene Prinzipien wieder auf den Plan zu holen: die objektive Beschreibung von Fakten, die Erläuterung anstelle der Begutachtung und der Ablehnung dessen, was anders oder unbekannt ist. Damit würde man vermeiden, immer das Emotionelle, das Reißerische in den Vordergrund zu rücken, die zwar den Überlebens- und Sicherheitssinn ansprechen, aber jegliche kritische Einstellung einschläfern. Gegenseitiges Zuhören und die Berücksichtigung der Leiden, der Erwartungen und des Unverständnisses aller in den Konflikt verwickelten Parteien müssen den Sieg davontragen.

cafebabel.com: Wie sehen demnach die positiven Effekte aus?

Cathy Van Dorslaer: Diese neue Haltung schwächt die konträren Positionen, die Gegensätze oder Eigenheiten. Weit davon entfernt tatsächlich etabliert zu sein, aber möglich und wünschenswert, setzt diese Haltung aber neue Fundamente: die Suche nach unentdeckten Lösungsansätzen und Kompromissen. Und genau das wünsche ich mir für 2012.

Illustrationen: Homepage (cc)smash13/flickr; Im Text: Stinkefinger (cc)khalidalbaih/flickr; kleiner Revolutionär (cc)hedrok/flickr;  Anonymous (cc)stianeikeland/flickr