Fremd in der Heimat

Artikel veröffentlicht am 26. April 2008
Artikel veröffentlicht am 26. April 2008
Von MÜJGAN, Istanbul Ich war kaum 14, als meine gesamte Familie zurück in die Heimat zog, ins Heimatland Türkei. Zurück? Für mich war es kein "Zurück". Mein Zurück konnte nur Deutschland sein. Doch jetzt war ich in einem fremden Land, das ich einzig von ein paar Urlaubsreisen kannte. Ein Land, dessen Sprache ich kaum sprach und wo das alltägliche Leben für mich ungewohnt verlief.

Mit gerade einmal 14 Jahren hatte ich jedoch nicht das Recht, für mich selbst zu entscheiden. So kam ich nun also in ein Land, in dem man mich als "Almancı" bestaunte, und zwar bereits am Tag unseres Umzugs in die kleine Stadt unweit von Istanbul.

In Deutschland eine Türkin – hier wurde ich zur Almancı. Wenigstens konnte man mir dies hier nicht gleich ansehen, im Gegensatz zu meiner ethnischen Andersartigkeit in Deutschland.

Ja, bestaunt wurde man und wohl zu Recht fühlte ich mich manchmal, wenn wieder einmal jemand mein gebrochenes, neu erlerntes Türkisch hören wollte, wie ein Zirkusaffe, der seine Kunststücke vorführen musste. Und man kringelte sich, wenn ich Fehler machte oder das meiste der Unterhaltungen nicht verstehen konnte.

Auch deshalb wurde ich in der Schule zwei Jahre zurückversetzt. Als ob das Nichtbeherrschen der Sprache auch das Wissen beschränkte!

Ich kann mich nur zu gut an meinem ersten Tag in der türkischen Schule erinnern. Die erste Unterrichtsstunde: Sozialwissen. Die Schüler sind in der Prüfung. Ich werde in eine Bankreihe gewiesen, muss aber nicht an der Prüfung teilnehmen. Still, etwas ängstlich wegen der Fremde, sitze ich da. Kaum schaue ich zu meiner Tischnachbarin, faucht mich die Lehrerin an. Ich verstehe nicht alles, was sie sagt, auch nicht, warum sie so böse mit mir ist, doch soweit ich etwas verstehen kann, geht es darum, dass sie denkt, ich hätte meiner Tischnachbarin einen Spickzettel zugesteckt. Ich kann kaum die Sprache sprechen, aber schon stecke ich in einer Verschwörung. Ich versuche, mit meinen Türkischbrocken zu erklären, dass ich noch nicht mal weiß, was überhaupt der Unterrichtsstoff ist und ich keinen Spickzettel schreiben kann. Doch die Lehrerin hört gar nicht zu und pfeffert mir eine runter. Mit roter Wange setze ich mich wieder hin.

Auch eine Gewohnheit, an die ich mich nicht so schnell gewöhnen konnte: dass man beim Sprechen im Unterricht aufstehen muss. Übersah der Lehrer denn ansonsten den Sprecher? Oder war das Sprechen beim Stehen gesünder? Solche Fragen durfte man nicht stellen... Auch dass man schnell eine Backpfeife bekommen konnte, war neu.

Ganze 25 Jahre sind vergangen. Ein Vierteljahrhundert. Trotzdem fühle ich mich in vieler Hinsicht noch deutsch. Viele wundern sich, dass sie keinen deutschen Akzent aus meinem Türkisch heraushören können – ich habe mir damals wahnsinnige Mühe gegeben, nach all den Hänseleien, die Sprache schnell und gut zu beherrschen. Wenn ich sage, dass ich zu 40 % Deutsche bin, befragt man mich gleich nach meinen Eltern. In letzter Zeit habe ich es auch aufgegeben zu erklären, warum ich 40 % Deutsche bin, obwohl meine Eltern beiderseits türkischer Herkunft sind. Jetzt sage ich direkt, mein Großvater sei Deutscher. Das kann ganz schön praktisch sein.

Vollständig gehöre ich zu keinem der zwei Länder – das steht fest. Ich stehe eher als Hybrid zwischen beiden. Auch wenn ich zu 60 % türkisch bin, fühle ich mich fremd hier. Was auch gut ist, denn es gibt mir die Möglichkeit, eine Art Distanz zu halten, dieses Land mit einer gewissen Entfremdung zu sehen. Eine Entfremdung, die mir auch beim Schreiben hilft. Wie könnte ich sonst diesen Text verfassen?