Freies Radio zwischen Berlin und Syrien

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016

Abgeschnitten von Internet und Mobilfunk avanciert das Radio zur wichtigsten Informationsquelle. Die Berliner NGO Media in Cooperation and Transition unterstützt den Aufbau unabhängiger Medien in den umkämpften Gebieten Syriens.

Seit fast fünf Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Was 2011 als friedlicher Protest begann, entwickelte sich schnell zu einem der blutigsten Konflikte der Gegenwart. Das Assad-Regime setzt dabei nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf eine strikte Zensur der Medien. Gebiete außerhalb seiner Kontrolle werden kurzerhand vom Internet abgeschnitten. Große Rundfunkanlagen werden gezielt zerstört, unliebsame Journalisten verfolgt. Wie ist es möglich trotz dieser Umstände eine unabhängige Berichterstattung zu gewährleisten?

Die Berliner NGO Media in Cooperation and Transition (MiCT) hat eine vielversprechende Lösung entwickelt: PocketFM – ein kleiner, solarbetriebener Radiotransmitter. Dieser kann beispielsweise auf Häuserdächern versteckt werden, er empfängt ein satellitengestütztes Signal und sendet es als UKW im Umkreis von einigen Kilometern. Auf diese Weise hat sich das Radio in den umkämpften Gebieten rund um Hama und Idlib inzwischen als eine der wichtigsten Informationsquellen etabliert.

Der Erfolg von PocketFM hatte bereits 2015  international für Schlagzeilen gesorgt. Dabei handelt es sich jedoch nur um den technischen Aspekt eines wesentlich größeren Projektes: Syrnet (Syria Radio Network), eine Art oppositionelle Rundfunkanstalt.

Ich möchte mehr darüber erfahren und besuche das Büro von MiCT in einem Berliner Altbau unweit des Rosenthaler Platzes. Dort treffe ich Mahmoud, einen jungen syrischen Mitarbeiter, der mir bereitwillig Auskunft gibt. Syrnet, erklärt er mir, umfasst eine Vielzahl kleiner Radiosender, meist getragen durch Volontäre. Neben der technischen Ausstattung, bietet MiCT Unterstützung in Form von Redaktion und Training. Mahmoud und sein Team fliegen deshalb regelmäßig in die Türkei um dort, nahe der syrischen Grenze, Workshops und Schulungen für syrische Nachwuchsjournalisten zu organisieren.

Ein vielfältiges Programm

Die Beiträge werden lokal produziert und dann in den umkämpften Gebieten über die versteckten Radiotransmitter ausgestrahlt. Inzwischen kann Syrnet auch per live-stream oder mithilfe der eigens entwickelten App empfangen werden. Das Programm umfasst hauptsächlich journalistische Inhalte, aber auch Musik-Shows, Hörspiele und sogar eine Nachrichtensendung für Kinder.

Das Radio, so Mahmoud, bietet jungen Syrern die Gelegenheit auch solche Themen anzusprechen, die in der Öffentlichkeit sonst eher keinen Platz finden. Gemeinsam hören wir das Programm von „Shabab Case“ einer Radio-Kooperation zwischen Aleppo und der kurdischen Stadt Qamishli. Dort werden jedoch nicht nur ethnische Grenzen überwunden. Als wir einschalten läuft zufällig gerade ein Beitrag über Homosexualität und deren strikte Tabuisierung in der syrischen Gesellschaft. 

Zukunft von Syrnet ungewiss

Die liberale Gesinnung junger Radio-Journalisten stößt mancherorts allerdings auch auf Ablehnung. So berichtet Mahmoud beispielsweise von Problemen in der Stadt Kafranbel, wo ein Radiosender von Anhängern der salafistischen al-Nusra Front aufgelöst und dessen Chefredakteur verhaftet wurde. Die offizielle Begründung: ein islamfeindlicher Facebook-Post des Redakteurs.

Mahmoud, der bereits seit 2012 für das Projekt arbeitet, zieht insgesamt aber eine positive Bilanz. Er hofft in Zukunft noch mehr Menschen für Syrnet gewinnen zu können und plant bereits den nächsten Workshop in der Türkei. Da Ankara nun auf Drängen der EU eine Visumspflicht für Syrer eingeführt hat, ist es jedoch fraglich ob er seine Arbeit in dieser Form fortsetzen kann.