Freeganismus - Dinner aus der Tonne

Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 26. Juli 2010
Sie könnten sich ein Dinner aus dem Supermarkt sicherlich leisten und bevorzugen trotzdem die Mülltonne - die Freeganer! Freeganismus (engl. freeganism), für einen kleinen Prozentsatz der Weltbevölkerung bereits zur Lebensart geworden, ist vor allem eine stark gegen das Konsumdenken gerichtete Haltung.
Das Konzept steht für die offene Ablehnung von Konzernen, die sich nur selbst bereichern wollen und dadurch dazu beitragen, dass der Verkauf von Gütern in Reinform heute mehr und mehr abnimmt.

Freeganer wollen ihre Bedürfnisse durch Wiederverwertung und durch gegenseitigen Austausch decken - etwa durch die Reparatur von Produkten, die auf den ersten Blick nutzlos erscheinen. Eine Art des Freeganismus ist das Squatting. Dabei werden aufgegebene Flächen, vor allem Gebäude, so verwaltet, dass sie weiterhin als Wohngebäude dienen können oder in Flächen für die öffentliche Nutzung umgewandelt werden. Dahinter steht die Überzeugung, dass ein Dach über dem Kopf ein Recht darstellen sollte - und kein Privileg.

Diese sind zum Großteil noch essbar - Freeganer machen sich das zu Nutzen.Was die Leute an Freeganern am meisten schockiert, ist die Tatsache, dass sie keine Lebensmittel kaufen. Supermärkte werfen massenhaft Produkte weg, die noch essbar, verschlossen oder abgepackt sind, deren Verkaufsdatum aber gerade überschritten wurde oder demnächst abläuft. Obst und Gemüse, das nur leicht angefault ist oder einfach nur „schlecht aussieht”, wandert ebenfalls kiloweise in die Tonne. Freeganer wühlen sich auf der Suche nach Essen nicht etwa durch Mülltonnen, weil ihre Lebensumstände sie dazu zwingen. Stattdessen wollen sie mit ihrer Initiative zeigen, dass zu viel vollkommen genießbares Essen weggeworfen wird. In Warschau haben z.B. einige junge Menschen innerhalb einer Nacht mehr als 30kg Gemüse aus Mülltonnen gesammelt. Am nächsten Tag wurde aus dem Gemüse eine Suppe gekocht und diese anschließend an Obdachlose verteilt.

Das Einkaufen von Lebensmitteln lässt sich auch für Freeganer nicht immer vollständig vermeiden, auch wenn wir den Müllcontainern um Breslau herum regelmäßig einen Besuch abstatten. Das Ergebnis ist immer ein hervorragendes Mittagessen. Unser Lieblingsplatz sind die Mülltonnen der polnischen Supermarktkette Biedronka. Diese wirft riesige Mengen vollkommen brauchbares Essen weg - normalerweise haben wir in unseren Rucksäcken gar nicht genug Platz, um alle Lebensmittel, die wir finden, mitzunehmen. Kürzlich habe ich einige Kilo Melonen nach Hause gebracht, aus denen wir einen leckeren Salat und Melonen-Cocktails gemacht haben. In Gdingen waren wir auf einem Markt und brauchten lediglich 15 Minuten, um genug Essen für eine Suppe einzusammeln, von der sieben Menschen zwei Tage lang satt wurden. Normalerweise finden die Menschen es ekelhaft, dass wir Essen aus Mülltonnen zusammensuchen. Aber wenn sie eine von uns zubereitete Mahlzeit essen und nicht wissen, woher das Essen kommt, loben sie sie in den Himmel.

Tatsächlich war die Mutter meiner Verlobten im Biedronka einkaufen, während wir uns hinter dem Supermarkt durch die Mülleimer wühlten. Der Mülltonnen-Brokkoli ergab ein leckeres Mittagessen und aus den Mülltonnen-Bananen haben wir einen Cocktail gemixt. Die Mutter meiner Verlobten und der Rest der Familie waren vom Essen begeistert und fanden erst einige Wochen danach heraus, wo die Lebensmittel eigentlich herkamen - und reagierten positiv.

Ausgesonderte Lebensmittel - überall

Freeganer bei der Nahrungsbeschaffung.Neben Supermärkten verursachen auch Imbisse, Restaurants und Cafés eine ganze Menge Müll. Meine Verlobte hat lange in einer Eisdiele gearbeitet. Dort wurden vollkommen genießbare Lebensmittel regelmäßig weggeworfen, nur weil sie sich nicht mehr zur Dekoration eigneten. Die Angestellten durften diese Produkte nicht einmal mitnehmen oder essen - sie mussten sie einfach wegwerfen. Das konnten wir nicht ertragen und haben diese Lebensmittel manchmal nach Hause geschmuggelt. Einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen zufolge wird etwa die Hälfte aller hergestellten Lebensmittel weggeworfen, während 824 Millionen Menschen chronisch unter Hunger leiden (Stand: 2007).

Die Lösung solcher globaler Probleme ist nicht einfach. Aber man kann schon etwas ändern, wenn man in einem Bereich anfängt. Vegetarier haben vorgemacht, wie es geht. Jüngsten Zahlen zufolge machen sie inzwischen 3-6% der Weltbevölkerung aus. Dadurch sinkt natürlich die Nachfrage nach Fleisch um 3-6%, was bereits eine erhebliche Menge ist. Obwohl Freeganer noch nicht so verbreitet sind wie Vegetarier, leben sie ebenso stark nach der Überzeugung, dass ihre Haltung die Welt verändern kann.

Illustrationen:  Logo ©Zane Selvans; ©narnua; Video ©veganforum/Youtube