Frédérique Ries: „Ich bin ein wandelndes Fragezeichen“

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Von Benjamin Bodart Übersetzt von Maike Wohlfarth Nach 15 Jahren im Journalismus, entschied sich Frédérique Ries für eine Karriere im Europäischen Parlament und verfolgt diese nun schon seit 10 Jahren. Das Porträt der Karriere einer passionierten Frau, deren Übergang in die Politik nicht immer reibungslos verlief. „1998 habe ich mich auf dem Arbeitsmarkt wiedergefunden.
Um es kurz zu machen, man hat mich gefragt in die Politik zu gehen. Ich habe lange gezögert. Wir standen neun Monate vor Regional-, Parlaments- und Europawahlen. Ich habe nicht gleich zugesagt. Ich war keine Belgierin sondern Luxemburgerin. Ich konnte also nur für Europa antreten.“ Man könnte meinen, dass Frederique Ries sich nur Europa zugewendet hat, da sie sich durch ihre Nationalität dazu gezwungen sah. Doch dies ist nicht der Fall. Ihre multikulturelle Herkunft war ausschlaggebend dafür: „Aufgewachsen in England mit einem luxemburgischen Vater und einer flämischen Mutter, fühlte ich mich schon sehr europäisch. Europa ist mein zu Hause, mein natürliches Umfeld.“ Außerdem kannte sie sich bereits gut in ihrem Thema Umwelt und Gesundheit aus. Ihre Karriere als Journalistin in Luxemburg hatte ihr gelehrt, Problemen auf den Grund zu gehen. Aber der Übergang von der Welt der Analysen und Kommentare hin zu der der Entscheidungen ist manchmal frustrierend. “Hin und wieder bedauert man es. Nicht seine Entscheidung, aber die Art und Weise wie von der Presse über Europa berichtet wird, oder eben nicht berichtet wird.“

„Ich bin ein wandelndes Fragezeichen“

Dies kann die Abgeordnete auch oft an ihren äußerst selbstsicheren Parlamentskollegen kritisieren. Frederique Ries versucht nicht zu verheimlichen, dass es manchmal nicht ganz einfach ist mit ihr zu leben. Wenn man 15 Jahre als Journalistin arbeitet, behält man den Reflex bei, alles in Frage zu stellen. „Ich bin wie ein umherziehender Sankt Thomas, ein wandelndes Fragezeichen. Dies habe ich den 15 Jahren als Journalistin zu verdanken. Ich nehme niemals das Gesagte einfach als gegeben hin. Ich höre zunächst A und dann B. Und wenn das, was beide Seiten erzählen nicht übereinstimmt, wird es anstrengend, aber ich werde C finden.“ Ein Verhalten, dass in der Politik nicht unbedingt üblich ist. „Einige Kollegen, nicht alle natürlich, meinen oft nur Antworten zu haben, aber keine Fragen. Die Welt der Politik ist eher auf der Seite der Antworten. Einige müssten auf jeden Fall besser zuhören.“

Redezeit von einer Minute

Im Europäischen Parlament zu arbeiten, bedeutet nicht sich von den Bürgern zu entfernen. Ganz im Gegenteil, wenn man berücksichtigt, dass 70% der Gesetze auf europäischer Ebene beschlossen werden. Frédérique Ries hat diese beiden Aspekte verstanden: „Abgeordnete zu sein, heißt Gesetze zu erlassen.

Und Europaabgeordnete zu sein bedeutet demnach, Gesetze für 500 Millionen Bürger zu erlassen. Wir arbeiten für diese Bürger, gestalten ihren Alltag, selbst wenn wir nicht die Möglichkeit haben ihnen direkt etwas zur Verfügung zu stellen, so etwas wie einen ständigen Bürgerdienst zum Beispiel.“ Darin liegt für Frédérique Ries der Unterschied zu den nationalen Parlamenten, oder zwischen den so genannten „klassischen“ Politikern und den Europaabgeordneten. „Es gibt eine ganze Reihe von Unterschieden. Einer davon ist die Redezeit. Wenn die alten Hasen aus den Bundesparlamenten ins Europäische Parlament kommen, dann sind sie völlig irritiert von der Redezeit von einer Minute oder manchmal 2, wenn nur wenige sie einfordern. Eine weitere große Veränderung besteht darin, dass man sich an die Übersetzungen gewöhnen muss. Alle tragen Kopfhörer und die meisten nutzen für ihre Rede Notizzettel um präzise zu sein und sich an die Zeitvorgabe zu halten. All dies verändert den Inhalt der Diskussionen. Sie sind weniger aggressiv, als die der ,klassischenʻ Politiker, da man schlicht und einfach nicht die Zeit hat auf jegliche Kritik zu antworten.“

„Man bezahlt jeden Tag für seine Bekanntheit“

1999 könnte Frédérique Ries bei ihrer ersten Wahl 160.000 Stimmen gewinnen. Ein herausragendes Ergebnis, das sicher auch auf ihre Bekanntheit als Journalistin zurückzuführen war. „Man muss sich nichts vormachen, das half natürlich dabei, bekannt zu werden. Man darf nicht vergessen, dass ich 15 Jahre lang als Moderatorin des Fernsehjournals täglich eine halbe Stunde in den Wohnzimmern der Menschen zu sehen war. Die Bekanntheit war eine Abkürzung, eine fantastische Triebkraft.“ Auch wenn ihr dies geholfen hat, blieb der Neid einiger Kollegen nicht aus: „Selbst innerhalb meiner eigenen Partei. Ich kannte doch die Welt der Politik so gut, aber eben als Journalistin. Danach habe ich den Menschen neu kennengelernt. Ein Teil meiner früheren Kollegen war skeptisch und hat sich gefragt, was eine von ihnen in der Politik zu suchen habe. Somit bezahlt man zu Beginn jeden Tag für seine Bekanntheit. Man muss seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und eine neue Glaubwürdigkeit schaffen.“ Eine Glaubwürdigkeit, die heute kaum noch in Frage gestellt werden kann. Schließlich ist Frédérique Ries mittlerweile Mitglied des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit, und im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie Stellvertreterin im Bereich der Industrie. Kurz, mit fast 53 Jahren läuft sie zur Hochform auf.

Im Dezember letzten Jahres hat die Europaabgeordnete Klage gegen die Gemeinde Grimbergen eingereicht. Sie beschuldigt sie den Nationalismus anzuheizen, da einige Einwohner versuchen, die französische Sprache aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Sie hat bislang keine Antwort auf ihre Beschwerde erhalten. Man sieht, so gut wie Frédérique Ries lächeln kann, kann sie auch zubeißen. Eine Geschichte, die zeigt, dass die blauen, zarten Schmetterlinge auf ihrer Internetseite nur eine Seite dieser Frau zeigen.