Frauenquote - Und sie kommt jetzt doch

Artikel veröffentlicht am 18. November 2013
Artikel veröffentlicht am 18. November 2013

Ab 2016 kommt nun doch die Frauenquote. CDU und SPD einigten sich heute in Koalitionsverhandlungen auf 30 Prozent in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen. Ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit oder ein peinliches Beispiel für Geschlechterkampf und Klauselwahn?

„Weißt du, wie viele Frauen bei uns in der Firma arbeiten?“ Die zwei Männer, die sich in einer Berliner Tram an einem späten Winterabend gegenüber sitzen, sind jung, smart und tragen Vollbart. Um seine Pointe bemüht, schiebt der Fragesteller nach: „20 Prozent!“ „Ja und,“ antwortet sein Gegenüber trocken. „50 ist normal.“ „Aber überleg' doch mal, in der Spieleindustrie!“ „Trotzdem, 50 ist normal.“ Dann lachen die beiden. Ich sitze auf der anderen Gangseite und bin wütend. Nicht auf die Jungs und auch nicht auf ihr Gelächter. Wütend bin ich auf die deutschen Politiker, die wieder einmal über die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote debattieren. 

Wer kennt sie nicht, diese ominösen Stellenausschreibungen, in denen in ungelenkem Juristendeutsch etwas von „Gleichstellung“ und „aktiver Umsetzung“ steht. Dann folgt fast ausnahmslos der Satz: „Bei gleicher Qualifizierung wird Behinderten und Frauen der Vorzug gegeben.“ Ein Schlag ins Gesicht jeder intelligenten, emanzipierten und, ja, qualifizierten Frau.

Die CDU- und SPD-Politiker der „Arbeitsgruppe Familie“, die im Zuge der Koalitionsverhandlungen über die Gleichstellung streiten, scheinen diese 10 Worte aber gar nicht so grässlich zu finden. Sonst würden sie wohl nicht so eifrig an einer gesetzlichen Frauenquote von 30 Prozent in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft frickeln, die nun ab 2016 offiziell eingeführt werden soll.  Auf EU-Ebene wurde die Quote bereits durchgeboxt: 2012 billigte die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag, der vorsieht, dass bis 2020 40 Prozent aller höheren Posten in europäischen Großunternehmen von Frauen besetzt werden. Damals war Deutschland noch komplett gegen die Quote. Ein Jahr später hat sich das geändert.

Als leuchtendes Beispiel wird meist Norwegen angeführt, das schon 1981 eine gesetzliche Frauenquote eingeführt hat, die auch für die in der EU immer wieder auftauchenden „goldenen 40 Prozent“ verantwortlich ist. Innerhalb der EU sieht es aber nicht eben einheitlich aus: Spanien, Frankreich, Belgien, die Niederlande und ein paar andere EU-Mitglieder haben in den letzten Jahren Gesetze eingeführt, die sichern sollen, dass die Chefetagen weiblicher werden. Der britische Equality Act von 2010 hingegen steht einer Genderquote bislang diametral entgegen. Und auch Schweden und Finnland haben von Quoten Abstand genommen und ziehen es vor, durch Forschungsprojekte, punktuelles Eingreifen und gezielte Debatten in den Medien die Zahl der Frauen in großen Unternehmen zu erhöhen.

Norwegens goldene 40% jetzt auch in deutschland?

Während deutsche Politiker und Politikerinnen an den entsprechenden Festlegungen im Koalitionsvertrag herumtüfteln, erhalten sie Rückenwind von einigen Unternehmensvorständen. Das Lager der Feministinnen ist gespalten, die Öffentlichkeit hingegen scheint wenig Anstoß daran zu nehmen, dass der Staat das zahlenmäßige Verhältnis von Männern und Frauen in Büros und Chefetagen überwachen will. Doch ist die Frauenquote in Topunternehmen erst einmal da, dauert es sicher nicht lange, bis ihre Ausweitung auf weitere Berufsfelder gefordert wird. Wie aber hat man sich das vorzustellen? Sollen fortan 30 Prozent der schweren Arbeiten am Bau von Frauen ausgeführt und in Kindertagesstätten und Nagelstudios die nächsten 30 Jahre nur noch Männer eingestellt werden? Anders herum muss das Ganze nämlich auch funktionieren.

Doch wenn in der Öffentlichkeit über die Frauenquote debattiert wird, geht es ohnehin nur um Managerposten. Über Bauarbeiter und Visagistinnen wurden noch nicht viele Worte verloren, denn die scheinbar geschlechterbedingte Ungerechtigkeit in deren Berufen scheint niemanden zu interessieren. Auch eine Frauenquote für Staatspräsidentenämter hat bislang niemand ins Spiel gebracht – dabei sind Frauen auf diesem Gebiet sicher mindestens ebenso, wenn nicht noch häufiger unterrepräsentiert, nachzulesen im aktuellen Report on men and women in leadership positions in the EU (2013). 

Die Frauenquote aber zeugt weder von Gleichstellungsbewusstsein noch von Gerechtigkeitsliebe, sondern stinkt nach Gutmenschentum, Gleichmacherei und übertriebener political correctness. Wenn in einer Spielentwicklungsfirma nur 20 Prozent Frauen arbeiten, dann ist das okay, weil 90 Prozent der Spieler ohnehin Männer sind und die für ihre eigene Zielgruppe sicher bessere Spiele entwickeln.

Ja zu Frauen, nein zur Quote

Dass man das gleiche nicht von europäischen oder deutschen Großunternehmen behaupten kann, ist klar. Aber Frauen per Gesetz auf bessere Posten zu hieven ist auch nicht gerecht. Dass es mehr weibliche Chefs braucht – und dass diesen auch die gleichen Gehälter wie Männern gezahlt werden müssen – soll hier ausdrücklich nicht bestritten werden. Doch sollte dies durch Forschung, Mentoren-Programme und einen grundlegenden Bewusstseinswandel geschehen und nicht über Bußgelder erzwungen werden.

Mittlerweile liest man übrigens häufiger eine neue Version der „grässlichen 10 Worte“ in deutschen Stellenausschreibungen: „Da wir uns aktiv für die Gleichstellung einsetzten, ermutigen wir ausdrücklich auch Männer dazu, sich um die ausgeschriebene Stelle zu bewerben.“ Und dabei geht es nie um Friseursalons oder Kindertagesstätten, sondern ausnahmslos um ganz normale Bürojobs. Könnte man nicht einfach schreiben: „Wir ermutigen ausnahmslos alle, die entsprechend qualifiziert sind, sich zu bewerben“? Nicht Frauen, Männer, Schwarze, Weiße, Behinderte, Rentner oder Vollbartträger. Sondern einfach alle. Das mag zu einfach klingen, wäre aber garantiert gerechter und auch tausend Mal cooler als der momentane Quotenwahn.