Frauenkörper und 'Body Sushi' in Rom

Artikel veröffentlicht am 23. November 2012
Artikel veröffentlicht am 23. November 2012
Italienische Gleichberechtigungsaktivisten schimpfen, es sei kein Land für Frauen.
Die Erdkundelehrerin Maria Pia Ercolini schlägt vor, endlich damit zu beginnen, Straßen nach Frauen zu benennen, der Schriftsteller Anais Ginori schrieb ein Buch über die Behandlung des weiblichen Körpers als Objekt und Lorella Zanaro untersuchte das negative Bild von Frauen in den Medien für eine berühmte Dokumentation. Was ist das dann also für eine Sache mit den Schlemmereien, die in der italienischen Hauptstadt direkt vom nackten weiblichen Körper gegessen werden? Beobachtungen aus Rom.

„Die Mahlzeit auf einem menschlichen Körper zu servieren, adelt das Essen. Es wird zu einem lebendigen Gericht“, sagt Angela, die ein japanisches Restaurant nicht weit vom Stadtzentrum entfernt betreibt, das im November 2008 eröffnet wurde. Die Abbildungen in der Speisekarte erinnern auf den ersten Blick nicht an leckere Gerichte, vielmehr an Leichen, die für die Beerdigung vorbereitet wurden. Nyotaimori, oft als „Body Sushi“ bezeichnet, bedeutet „eine Mahlzeit auf dem Körper einer Frau anbieten“ auf Japanisch, angeboten wird dieser Service seit 2011. „Das ist kein einfacher Vorgang“, erklärt Angela. „Das Modell darf sechs Stunden vor ihrem Einsatz nichts mehr essen um ihre biologischen Bedürfnisse so weit wie möglich zu beschränken, während sie das Sushi serviert“, so Angela.

Die ursprünglich aus Hong Kong stammende Sprecherin des Restaurants ist in Italien aufgewachsen und scheint ein umfassendes Verständnis von den Neuerungen in der japanischen Kultur zu haben. „Wir testen ihre Fähigkeit stillzuhalten, indem wir sechs Eier auf ihren Körper legen“, sagt sie.

Die Vorbereitung des Modells mit Essen und Dekoration dauert drei Stunden. Ich frage mich, ob es schwierig ist, ein geeignetes Modell zu finden. Ein lebendiger Teller zu sein hat sicherlich nicht viel mit modeln gemeinsam? Francesco, ein Angestellter im Restaurant Yoshi, versichert, dass es kein Problem sei, ein passendes Mädchen zu finden: „Normalerweise wollen sie unbedingt für uns arbeiten, weil sie ja nichts tun müssen außer für ein paar Stunden herumliegen, und dafür werden sie sogar bezahlt.“

Andere wiederum heben den verletzenden Aspekt des 'Herumliegens' hervor. „Es ist erniedrigend für eine Frau wie ein Objekt behandelt zu werden, so vollkommen entblößt, und ohne Erlaubnis zu sprechen,“ sagt Chiara, eine Kunststudentin an der Universität von Florenz. Dennoch trifft das Modell, das über anerkannte Agenturen vermittelt wird, die Entscheidung einen lebenden Teller zu spielen, aus freien Stücken.

Besser auf einer Japanerin als auf einer Italienerin

Die Innenausstattung des römischen Restaurants Yoshi ist eher europäisch. Die gemusterten Polster der Stühle und die Sitzkissen haben nichts mit japanischem Minimalismus zu tun. Auf dem Tisch liegen Stäbchen für das Sushi bereit, mein leerer Geldbeutel verhindert jedoch, dass ich der Show heute Abend beiwohnen kann. 200 Euro kosten die Dienste des Modells - 60 Euro das Abendessen pro Person.

Die „Kunst“ des Nyotaimori erfreut sich in europäischen Ländern steigender Beliebtheit, obwohl es nicht viele Orte gibt, die es regelmäßig anbieten. Yoshi ist eines von drei Restaurants in Rom, die „Body Sushi“ anbieten. Dabei muss nicht unbedingt der Körper einer Frau als Teller dienen; die männliche Variante heißt Nantimori, jedoch ist die Nachfrage hierfür wesentlich geringer. „ Frauen bestellen nur selten ein „Body Sushi Dinner. Und selbst wenn sie es tun, sagen sie oft im letzten Moment ab“, sagt Francesco. „ Ich nehme an, es ist ihnen peinlich.“

Während für Japaner das Herkunftsland des Modells eher weniger eine Rolle spielt, ist sie für Italiener von entscheidender Bedeutung. „Die Italiener bevorzugen japanische Modelle“, sagt Francesco. Während wohl für Japaner das Ritual selbst wichtig ist, möchten Italiener sicher gehen dass das Nyataimori eine authentische Erfahrung „genau wie in Japan“ bleibt. Es muss spektakulär und exotisch genug sein, um dem Anlass gerecht zu werden, da es normalerweise zu Junggesellen- und Junggesellinnenabschieden bestellt wird.“

90% der Kunden, die ein „Body Sushi“ bestellen, sind Italiener, die übrigen sind Ausländer“, sagt Luigi, der Manager der Firma Gestalt Eventi, die „Body Sushi“ auch in Limousinen anbietet. In Bezug auf die Japaner sagt Francesco: „Sie kommen nicht wirklich in unser Restaurant“. Die Mehrheit der Römer, die ich zufällig treffe, sind nicht so begeistert von der Sache. „Ein normales Abendessen im Restaurant reicht mir“, sagt Marco, ein Psychologiestudent an der Sapienza Universität in Rom. „Man sieht ja halbnackte Tänzer überall in Nachtclubs. Zuhause essen wir normalerweise angezogen zu Abend, aber in intimeren Situationen denke ich, dieses „Body Sushi“ ist…warum nicht!“

Kunst oder Versachlichung

Diese Art exotischer Darbietung könnte in einer Gesellschaft, die traditionelle Werte ehrt und wo Frauenrechtsorganisationen sich strikt gegen die Diskriminierung von Frauen aussprechen, riskant sein. Die Restaurantbesitzer sehen das anders, und versichern mir, dass ihre Kunden „Body Sushi„ wegen seiner spektakulären Ästhetik und der Möglichkeit, Kunst zu erleben, bestellen.

Kommen die Kunden des Restaurants wirklich aus demselben Grund, um von einem nackten Körper zu essen, aus dem sie ins eine Kunstgalerie oder in ein Museum gehen würden – um ihren Hunger nach Ästhetik zu stillen? „Diese Tradition ist spirituell bereichernd“, sagt Francesco. „Die Frau wird zum Kunstwerk.“ Und genau so soll sie sich auch verhalten. Aber welche menschlichen Regungen sind ihr gestattet? „Wenn das Modell zum Beispiel müde ist, darf sie sich mit den Gästen unterhalten.“

This image suggests a European accent to proceedings

Im September 2012 hat die japanische Botschaft in Rom eine offizielle Stellungnahme veröffentlicht, welche verneint, dass Nyotaimori einen Teil japanischer Kultur oder Gebräuche darstellt. Aus der Sicht von Japanern liegt das jenseits des gesunden Menschenverstandes. „Body Sushi“ habe nichts, aber auch gar nichts mit japanischer Kultur zu tun“, wiederholen sie am Telefon.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.comLocalteam in Rom.

Illustrationen: Teaserbild (cc)The Nyotaimori Experience/Facebook; Im Text (cc)Nyotaimori Italia; (cc)alexandrakgallery/ flickr