Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006
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Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2006

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Das Ende der Diktaturen und der Beitritt zur Europäischen Union haben auf der iberischen Halbinsel tief greifende gesellschaftliche Veränderungen eingeleitet. Auch für die Frauen.

Ana ist 33, von ihrem Mann getrennt und lebt mit ihrem vierjährigen Sohn in Madrid. Nach ihrem Abschluss in Jura war sie schwanger und alleine; sie hat sich bewusst für kleine Halbtagsjobs entschieden, die nichts mit ihrer eigentlichen Qualifikation zu tun haben. Diese für sie „attraktiveren Jobs“ lassen ihr aber die nötige Zeit, sich um ihr Kind zu kümmern und sich aktiv in einem Hilfsverein für misshandelte Frauen zu engagieren. Nach zwei Abtreibungen ist sie nun mit ihrer Situation als allein erziehende Mutter, engagierte und „moderne“ Frau sehr zufrieden. Ganz anders als ihre eigene Mutter, die seit 30 Jahren verheiratet ist und vier Kinder großgezogen hat. Ohne eine extreme Feministin zu sein, ist sie stolz, eine Frau zu sein; darin verkörpert Ana eine neue Frauengeneration in Spanien und Portugal.

Eine von zwei Frauen engagiert sich…

Sicherlich, das Vorurteil des Machismo prägt nach wie vor das Bild von der spanischen und portugiesischen Gesellschaft. Laut Statistik jedoch liegen die beiden Länder im europäischen Durchschnitt. In der politischen und sozialen Debatte nehmen Themen wie die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, häusliche Gewalt oder Abtreibung eine besonderte Stellung ein und sind stark in den Medien vertreten. In Spanien liegt der Beschäftigungsanteil bei Frauen zwischen 16 und 64 Jahren bei über 56%, in den 25 EU-Ländern lag er 2004 bei 61%. In Portugal liegt die Frauenbeschäftigung bei etwas mehr als 60%. Auch wenn die formale Gleichstellung von Mann und Frau in der spanischen Verfassung 1978 und in Portugal 1976 festgeschrieben wurde, lässt ihre Umsetzung in die Praxis noch zu wünschen übrig.

Mentalitäten ändern sich eben viel langsamer als die soziale Wirklichkeit. Und in stark katholisch geprägten Gesellschaften ist das Recht der Frauen, frei über ihren Körper zu verfügen, nicht ganz unproblematisch. Nach dem Tod Francos wurden in Spanien für die Frauen sehr schnell Neuerungen eingeführt: Legalisierung der Scheidung 1981, 1985 wurde die Abtreibung legalisiert…. Portugal ist da nicht ganz so liberal. Dort ist Abtreibung beispielsweise illegal, außer sie wird ärztlich verordnet. Frauen, die trotzdem abtreiben, sowie den beteiligten Ärzten droht die Gefängnisstrafe. So wurden im Jahr 2002 43 Frauen vor Gericht gebracht und die Hauptangeklagte, eine Hebamme, wurde zu mehr als acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eine Veränderung dieses Gesetzes haben die Portugiesen 1998 mit 51% der Stimmen verhindert.

Trotz dieser positiven Fortschritte wurde in Spanien am 25. November dieses Jahres der internationale Tag gegen häusliche Gewalt begangen. Auch wenn die offiziellen Statistiken sinkende Zahlen verzeichnen, täuschen diese doch über die Tragweite des Phänomens der häuslichen Gewalt hinweg: seit Beginn des Jahren wurden vor Gericht fast 7.000 Fälle verhandelt und 2004 starben jeden Monat 6 Frauen an den Folgen häuslicher Gewalt durch den Ehemann. Dies belegen die Statistiken des Rates für Arbeit und Frauen. Paradoxerweise entsprechen diese Zahlen den europäischen Durchschnittswerten und liegen unterhalb der Werte für die nordischen Ländern. In der Europäischen Union erklärt eine von fünf Frauen, schon einmal Opfer von häuslicher Gewalt durch den Ehemann oder den Lebenspartner gewesen zu sein. Amnesty International hat herausgefunden, dass häusliche Gewalt die Hauptursache für Tod oder Behinderung bei Frauen zwischen 16 und 64 Jahren ist, noch vor Krebserkrankungen oder Autounfällen. Auch sind Frauen viel häufiger von Arbeitslosigkeit und Verarmung betroffen als Männer. In Spanien ist z.B. die Arbeitslosenquote bei Frauen doppelt so hoch als bei Männern (14,39% bzw. 7,55%) und rangiert im europäischen Vergleich an erster Stelle. Ein weiterer Kritikpunkt ist übrigens die fehlende Infrastruktur und der Mangel an adäquaten Hilfen, um Familienleben und berufliche Tätigkeit miteinander zu verbinden.

Schritt für Schritt

Der Kampf um die berufliche Gleichberechtigung ist bereits ausgebrochen. Es gibt schon zahlreiche Frauenvereine oder Parteien, die dieses Thema aufgreifen. Und auch die öffentlichen Institutionen nehmen diese Problematik nach und nach in ihre Agenda auf. In Spanien hat sich die sozialistische Regierung unter José Luis Zapatero seit dem Machtantritt 2004 das Thema der häuslichen Gewalt aufgegriffen und ein erstes Gesetz zum Schutz der Frauen erlassen. In Portugal hat die sozialistische Regierung von José Socrates ebenfalls versprochen, ein Referendum über die Legalisierung der Abtreibung abzuhalten.

In 20 Jahren haben es die beiden iberischen Länder geschafft, das oft karikierte Bild der Frau als Heimchen am Herd und Sklavin des Ehemanns durch ein modernes zu ersetzen. Mittlerweile ist sogar im Gespräch, das salische Gesetz abzuschaffen, das die spanische Thronfolgeregelung bestimmt, damit die neugeborene Infantin Leonor, die Anfang November zur Welt gekommen ist, eines Tages mit allen Rechten ausgestattete Königin werden kann.