Französische Pessimisten? Das nennt sich Pleonasmus

Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Januar 2011
Mit neuem Elan kehren wir nach den Feiertagen nach Paris - in die pessimistischste Hauptstadt der Welt - zurück. Hier trifft man wie immer auf finstre Mienen, eingehüllt in dunkle Mäntel und graue Pullover: Die Pariser, die sich auch im neuen Jahr wieder durch die trostlosen Metroschächte schieben, scheinen geradewegs der nächsten Ausnüchterungszelle entsprungen zu sein.
Ich bin einer davon und stolz darauf. Denn wenn man in irgendetwas Champion ist, und sei es noch so widerlich, dann hält man daran fest.

Ein Kolumnist der renommierten Tageszeitung Le Mondezieht es trotzdem lieber vor unsere Gewieftheit vor die allgemeine Schwarzmalerei zu stellen, indem er die Auswürfe des indischen Experten Gurdaran Das auf den Plan ruft: „Vielleicht hat Euer Land nur deshalb einen pessimistischeren Ruf als andere, weil der französische Geist schneller ist im Übersetzen in Gedanken oder Worte der allgemeinen Schieflage unserer Welt“. Das sitzt!

Wenn ich mich als Franzose nach Montenegro begebe, dann sehe ich, dass Menschen dort 400 Euro und weniger im Monat verdienen, dass kosovarische Flüchtlinge in Obdachlosensiedlungen unter schlimmsten Bedingungen hausen müssen. „Furchtbar schlimm ist das. Unfassbar ! Mein Gott." Die Montenegriner wiederum schauen mich mitleidig lächelnd an: Sie wissen gar nicht, dass ich mich gerade an ihrer Stelle beschwert habe. So sieht also das von Le Monde zitierte 'französische Genie' aus?

Was witzig ist an der "Voice of the people" BVA/Gallup Umfrage zu den wirtschaftlichen Perspektiven 2011, welche mit 64203 Personen aus 53 Ländern durchgeführt wurde, sind ihre Kontraste. Während die Mehrzahl der Befragten im westlichen Europa äußerst pessimistisch in die Zukunft blickt, ist man mit sagenhaften 76% auf dem afrikanischen Kontinent optimistisch eingestellt. Wo 80% der Nigerianer positiv auf das kommende Jahr blicken, sind es gerade einmal 3% der Franzosen.

Unter den Meckerfranzosen werden dabei 3 Kategorien ausgemacht. Es gibt die, die ganz einfach verdrängen, in etwa so wie der Leitartikler des konservativen Magazins Valeurs Actuelles, dessen Artikel « Un peuple majeur » ('Ein erwachsenes Volk') den Tenor des aktuellen Bestsellers von Stéphane HesselIndignez-vous ! ('Seid entrüstet') nur allzu gut wiedergibt: Die Franzosen haben „eine äußerst hohe Meinung von sich selbst“.

Andere wiederum sind realistischer und fragen sich, warum der Franzose solch eine düstere Zukunft heraufbeschwört. So zum Beispiel Jean-Marie Colombani, der ehemalige Le Monde Direktor und Mitbegründer von slate.fr. Colombani appelliert an die französischen Angsthasen, sich ein Beispiel an Barack Obama zu nehmen, Autor des Buches Hoffnung wagen.

Und schlussendlich gibt es noch die schlimmste Kategorie - die desillusionierten Humanisten, nämlich genau diese, die am französischen Pessimismus gar nichts Schlimmes finden und ihn in seiner ganzen Pracht ausleben und dramatisieren. Wer sonst als Künstler und Autoren sind fähig uns unsere schlimmsten Abgründe vorzuführen? Michel Houellebecq und Virginie Despentes, die 2010 die beiden wichtigsten französischen Literaturpreise Goncourt und Renaudot erhielten, hüllen ihre Werke in einen realistischen und trotzdem brillanten Pessimismus. Ist es also ihrem Scharfsinn über unsere Süffisanz zu verdanken, dass wir unser Schicksal hinnehmen und uns darin suhlen?

Verbrennen wir ihre Bestseller, schaffen wir die Schlechtwetterstimmung ab und kleistern großzügig Gutelaune-Sonnenschein darüber. Hängen wir die unfreundlichen Kellner in Pariser Bistrots, die zu bitteren Kaffee servieren, und wenn wir schon dabei sind den Umweltaktivisten Nicolas Hulot, der uns wegen des Zustands unseres Planeten ein ständig ein schlechtes Gewissen macht, gleich mit. Und lasst uns das Lächeln an der Supermarktkasse doch im gleichen Atemzug zum Gesetz machen… Oh, ich vergaß, die Revolution ist ja hier eine Idee von gestern. Geben wir uns also zufrieden damit, über unsere Grenzen hinweg zu blicken, bevor wir an irgendwelchen Umfragen im Internet teilnehmen.

Foto: (cc)Ohfoohy/flickr