Frankreichs rechte Kandidatin lockt junge Protestwähler an

Artikel veröffentlicht am 20. April 2012
Artikel veröffentlicht am 20. April 2012

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Ist die rechtspopulistische Politikerin Marine Le Pen die Lieblingskandidatin junger Franzosen bei der Präsidentschaftswahl? Laut einer Umfrage würden 26 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für sie stimmen. Diese beachtliche Zahl sorgt vor dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl zweifellos für Neid bei einigen Kandidaten und Besorgnis bei anderen.

Die Umfrage, die in der Tageszeitung Le Monde veröffentlicht wurde, scheint die Franzosen kalt zu erwischen. Dabei zeigte sich bereits vor zehn Jahren ein ähnlicher Trend ab. Damals wollte der Vater von Marine Le Pen, Jean-Marie, Präsident werden. Das Meinungsforschungsinstituts Ipsos fand damals heraus, dass er bei den Erstwählern an der Spitze lag. Damit schaffte er es, in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen einzuziehen und trat schließlich gegen Jaques Chirac an. Wird Marine Le Pen die befremdliche Meisterleistung ihres Vaters wiederholen? Das wird die Wahl zeigen. Auf jeden Fall ist es höchste Zeit, den überzogenen Reaktionen ein Ende zu bereiten. Erstens, weil das Phänomen nicht neu ist, und zweitens, weil man vor allem verstehen muss, von welcher Jugend hier die Rede ist.

Die jungen Franzosen, die für die Marine Le Pen stimmen könnte, sind nicht nur weniger qualifiziert, sondern wohnen öfter auf dem Land, als jene, die ihre Stimme den Spitzenkandidaten geben werden: Francois Hollande begeistert 25% der Jugendlichen, weit vor Sarkozy mit 17%. Zudem sind die potenziellen Jungwähler von Le Pen viel stärker von der Krise betroffen, von Arbeitslosigkeit und Ungewissheit. Es sind außerdem junge Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund. Ihre Eltern wählen nicht zwangsläufig die rechte Front National (FN); die Leitthemen der Partei sind für die jungen Wähler aber besonders wichtig sind: Trennung von Kirche und Staat, nationale Identität und Immigration, die als Bedrohung für Sicherheit und Arbeit empfunden wird.

Es ist zu einfach, diesen Jugendlichen Rassismus zu unterstellen

Auf ihrer Webseite für Jungwähler "Marine avec les jeunes" inszeniert sich Le Pen als Vorbild für ein neues altes Frankreich."Revolutionäre" nennt Julien Rochedy die Jungwähler, die sich für Le Pen und die Front National entscheiden. Rochedy ist der Vorsitzende der "Jeunes avec Marine" (Jugendorganisation der FN) . Seiner Ansicht nach haben diese jungen Franzose mit vielen Dingen gebrochen: mit "ihren Eltern und Großeltern, Sarkozy, der Globalisierung, der EU und der Multikulturalität". Das ist alles.

Die offizielle Webseite der jungen Anhänger Le Pens (nicht alle sind wirklich eingefleischte Anhänger, können sich aber zur Wahl der FN hinreißen lassen) transportiert diese nostalgische und systemkritischen Sichtweise. Sie scheint einen Teil der Jungwähler zu überzeugen: im Hintergrund ein junger Matrose voller Tatendrang, Anspielungen auf ein patriotisches und kämpferisches Frankreich, ein Design das sich deutlich von anderen politisches Webseiten abhebt. Hier spielen Emotionen eine wichtige Rolle und Erinnerungen.

Die Jugendlichen rebellieren gegen den Fortschritt und preisen den Rückschritt an: die Rückkehr zum Franc, der Austritt aus der EU, Protektionismus und die Wiedereinführung der Grenzen. Trotz allem ist es zu einfach, den Jugendlichen Rassismus zu unterstellen. Laut Soziologen ist der Zuspruch für Le Pen vor allem eine Protest- und Identitätsbewegung. Sie ist der logische Reflex auf den Sinnverlust großer Parteien, die sich nur wenig um die jungen Wähler sorgen – zumindest nach außen hin.

Anders ist es da mit den kleineren Parteien: Front National und auch die Front de gauche (sozialistisch Partei). Sie werden wahrgenommen von jungen Wählern. Kämpft der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten Jean-Luc Mélenchon also den gleichen Kampf wie Le Pen? Zumindest macht er ebenfalls eine gute Figur. Ende 2011 wollten nur 5% der 18-24-Jährigen für ihn stimmen, heute sind es 16%. Eine Neuauflage der Revolution? Es ist wohl eher der Effekt der Erneuerung. Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon stellen sich als die Wiederauferstehung der französischen Politik dar. Dabei repräsentiert Le Pen eine alte Partei, deren Funktionäre mittlerweile ergraut sind und Mélenchon ist ein ehemaliger Funktionär der sozialistischen Parti Socialiste. Aber ungeachtet dessen geht ihr Spiel "aus alt mach neu" auf. Hollande und Sarkozy versuchen es hingegen nicht einmal.

Fotos (in der Reihenfolge des Textes): (cc)blogcpolitic/flickr, Screenshot von "Jeunes avec Marine"