Frankreich wagt Feminimus: Das Recht auf 'Madame'

Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 7. Oktober 2011
Frankreich diskutiert: Ist es diskriminierend, wenn Frauen auf administrativen Formularen angeben müssen, ob sie eine ‚Mademoiselle’ (unverheiratet) oder eine ‚Madame’ (verheiratet) sind – während Männer ihr Kreuzchen einfach bei ‚Monsieur’ machen? Ja, findet der feministische Verein Osez le féminisme [dt.: Feminismus wagen] und fordert Frauen dazu auf, ihr Recht auf ‚Madame’ einzufordern.

In Deutschland ist das ‚Fräulein’ seit 1972 auf offiziellen Formularen abgeschafft, gegen die mündliche und schriftliche Verwendung dieser Bezeichnung kann frau sich gesetzlich wehren. Ausgenommen davon sind wohl Klagen gegen Mütter, die ihre bockigen Töchter gerne mit einem bedrohlichen „Fräulein!“ zum Gehorsam zwingen.

Ganz anders in Frankreich, wo frau immer noch die Qual der Wahl hat: Fräulein (Mademoiselle) oder Frau (Madame)? Nicht nur unklar („Ich bin 63, aber unverheiratet, also Mademoiselle? Aber meine Scheidung… Macht das aus mir eine Madame?“), sondern auch sexistisch finden die Feministen und Feministinnen von Osez le féminisme.

Noch komplizierter wird es in Großbritannien: Mrs, Miss oder Ms?

Deshalb haben sie Ende September die Kampagne ‚Mademoiselle, la case en trop’ [dt.: Mademoiselle, das Kästchen zu viel] gestartet. Während viele ältere Damen sich geschmeichelt fühlen, wenn man ihnen mit der Anrede ‚Mademoiselle’ eine gewisse Jugendlichkeit bescheinigt, sieht Osez le féminisme hier eine Bestätigung für Sexismus. Warum sonst gibt es für den männlichen Teil der französischen Bevölkerung nicht ein hübsches kleines Kästchen mit der Bezeichnung ‚Mondamoiseau’ (dt.: Herrlein) oder auch ‚jeune puceau’ (dt.: Jüngling/Jungfrau)? Denn ursprünglich bezeichnete Mademoiselle ja genau das: Eine junge, reine, unschuldige Frau vor der Ehe.

Die Aufforderung, sich zwischen ‚Mademoiselle’ und ‚Madame’ zu entscheiden, wird deshalb von feministischer Seite aus als unangemessener Eingriff in die Privatsphäre verstanden, denn praktisch muss frau so offenlegen, wie genau denn ihre amourösen Verwicklungen gerade so aussehen – die Ehe gilt dabei als Maßstab.

Mann ist hingegen fein raus. Oder, um es mit den Worten von Osez le féminisme zu sagen: „[…] ‚Mademoiselle’ verpflichtet die Frauen, ihr Privatleben zu enthüllen, als ob die Ehe den Frauen einen Mehrwert verleihen würde. Also, wo die Ehe heute unter eine Entscheidung und das Privatleben fällt, warum immer noch die Frauen entsprechend ihres ehelichen Status’ definieren?“

Viele (Männer und Frauen) finden die Debatte lächerlich („Hallo, die Unterbezahlung von Frauen ist doch viel wichtiger!“). „Die Sprache gibt die Wirklichkeit wider“, sagt hingegen die Autorin Brigitte Grésy. Gegen sprachliche Diskriminierungen kann man etwas tun – das räumt gesellschaftliche Diskriminierungen nicht automatisch aus dem Weg, sensibilisiert aber für die Wahrnehmung solcher. Das Mademoiselle-Kästchen gehört abgeschafft. Aber auch wenn die Initiative scheitert: Sensibilisiert für sexuelle Diskriminierung dürften die Franzosen und Französinnen dann doch ein wenig sein.

Illustrationen: Foto (cc)Marc Vathieu/flickr; Video (cc)france3idf/YouTube