Frankreich: "Praktika sind soziale Mutproben"

Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2015

Marthe ist Schatzmeisterin der französischen Studentengewerkschaft UNEF und studiert Jura. Zusammen mit anderen hat sie an der Ausarbeitung eines Guide für Praktikantenrechte mitgearbeitet, der Praktikanten den juristischen Rahmen besser erläutern soll. Für Marthe geht es dabei vor allem darum, die Hackordnung mal umzukehren. Interview.

cafébabel: Gibt es wirklich so viele Praktikanten, die ihre Rechte nicht kennen?

Marthe Corpet: Davon gibt es sehr viele, glaub mir! Nicht alle Studenten haben ständig das französische Arbeitsgesetz parat. Und dann muss man das ja auch erstmal dechiffrieren. Studenten stehen an ihren Universitäten nicht sonderlich viele Insrumente zur Verfügung. Daher rührt unsere Zielsetzung, sie darüber zu informieren, was sie machen dürfen und was ihre Ansprüche sind. Gleichzeitig wollen wir erklären, was genau ihnen zusteht. Wir arbeiten seit Jahren an diesem Leitfaden. Zwei Gesetze wurden vor kurzem angenommen. Eines über die pädagogische Begleitung des Praktikums, die sich vor allem mit dem Arbeitsrecht befasst. Diese Gesetze sind positiv, da sie eine erhöhte Vergütung des Praktikanten vorsehen [von 508 Euro pro Monat auf 554 Euro am 1. September 2015; Red.] und die Praktikumsdauer auf sechs Monate begrenzen. Man wollte diese Dynamik aufgreifen.

cafébabel: Die meisten Praktikanten wissen demnach nicht, wie hoch ihre Vergütung ist?  

Marthe Corpet: Ja, genau so ist es. Aber das liegt auch daran, dass der Druck auf dem heutigen Arbeitsmarkt dazu führt, dass sie sich auf die absurdesten Mutproben einlassen. Viele Unternehmer nutzen Praktikanten als qualifizierte Arbeitskräfte zu Niedriglöhnen aus. Unser Ziel war es also, das Kräfte-Verhältnis zwischen Praktikanten und Arbeitgebern wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein kleiner Student wird nichts gegen seinen Chef ausrichten können, wenn das Gesetz ihn nicht schützt, geschweige denn, wenn die Praktikanten dieses nicht kennen.

cafébabel: Wo werden Grenzen am meisten überschritten?

Marthe Corpet: Wir haben jede Woche Sprechstunden in den Unis. Die Studenten kommen dann zu uns und berichten von ihren Praktikumserfahrungen. Ein Beispiel: "Mein Arbeitgeber hat einfach grundlos mein Praktikum beendet." "Ich muss bis Mitternacht arbeiten." "Man bittet mich, in einer Ecke Platz zu nehmen und zu beobachten." Meistens sind es diejenigen, die am Ende ihres Studiums sind, die sich am meisten ausnutzen lassen. Denn oft sind Pflichtpraktika im Studienprogramm vorgesehen und die Masterstudiengänge geben null Hilfestellung. Was aber am häufigsten während dieser Sprechstunden als Problem angesprochen wird, ist, dass die Studenten nicht wissen, wie sie sich rechtlich verteidigen können.

cafébabel: Man hat manchmal das Gefühl, Praktikanten haben Angst vor Konfrontation.

Marthe Corpet: Ein Arbeitnehmer kann Angst haben, wenn sein Arbeitsrecht nicht respektiert wird, obwohl er Instrumente, Gewerkschaften und Zeit hat, passende Verfahren einzuleiten. Aber stell dir einen Praktikanten vor, der seinem Chef total unterlegen ist, da dieser den Praktikumsvertrag zu jeder Zeit auflösen kann. Praktikanten haben keinen gewerkschaftlichen Schutz und bevorzugen es, ihre Rechte auf der Strecke zu lassen anstatt langwierige Prozeduren zu durchlaufen, mit wenig Aussichten auf Erfolg.

cafébabel: Praktikanten finden sich also damit ab, Ungerechtigkeiten einstecken zu müssen?

Marthe Corpet: Sie verteidigen sich nicht gut genug. Ständig stehen sie unter hohem Druck. Aber wenn die Rechtslage nicht vermag, einen Ausgleich zwischen Praktikanten und Arbeitgebern zu schaffen, wundert es mich auch nicht, dass sie aufgeben. Deshalb kämpfen wir seit Jahren dafür, dass passende Gesetze geschaffen werden.

cafébabel: Ist man heutzutage dazu gezwungen, Praktika zu machen, bevor man eine Anstellung findet?

Marthe Corpet: Leider nutzen Arbeitgeber Praktika als eine Art soziale Mutprobe vor einem ersten Arbeitsvertrag. Studenten müssen zunächst ein oder zwei Praktika absolvieren, um 'einstellbar' zu werden. Und ich verstehe nicht, warum der Studienabschluss nicht zu einem Job befähigen sollte. Wir sind Teil einer Generation, die nie zuvor so hoch qualifiziert war. Es ist eine Form des Missbrauchs von Seiten der Firmen, einen jungen Menschen nicht fest anzustellen. Wir müssen die Ausbildung weiter perfektionieren und im gleichen Atemzug darauf achten, dass die Rechte der Studenten respektiert werden. Solange die Rechtslage nicht ausgleichend auf bestehende Kräfteverhältnisse einwirkt, werden die jungen Leute weiterhin zu Mutproben auf dem Arbeitsmarkt gezwungen sein.