Frankreich, Europa: ein geplatzter Traum?

Artikel veröffentlicht am 19. November 2008
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Artikel veröffentlicht am 19. November 2008
Während die EU dabei ist, das Immigrationsgesetz zu verabschieden, feiert Frankreich am 9. Oktober den ersten Geburtstag seines Museums für Immigration, ein größtenteils unbemerkt gebliebenes Ereignis. Das verlangt natürlich einen baldigen Besuch!

Das Gebäude ist riesig, so kolossal wie ein antiker Tempel Griechenlands mit seinen klaren Formen. An der Fassade zeichnet sich ein komplexes Fresko im Tiefenrelief ab, welches von weit zurück liegenden Auseinandersetzungen erzählt - Marokko, Algerien Cochinchina - Auseinandersetzungen, bei denen wir gemäß dem Fries mit unseren Karawanen die Zivilisation gebracht haben. Sie geht auf die Weltausstellung von 1931 zurück, als mit einem Ensemble aus Holz aus Vincennes afrikanische Dörfer und sogar der Tempel von Ankor rekonstruiert wurde, das erste Mal zu der Zeit.

Der erste Teil im Inneren der Ausstellung: EMIGRIEREN.

Ziemlich oft überfällt die Logik der Zahlen jede Reflektion zur Immigration und ein gesundes Maß folgt auf den Diskurs. Sicherlich ist der Gleichung schwer zu folgen und weist unzählige Unbekannte auf, davon die Ungleichheiten zwischen Nord und Süd, die weit vom Verschwinden entfernt sind. Ein Gedanke, der sich oft im Satz von Michel Rocard zusammenfassen lässt: “Frankreich kann nicht das gesamte Elend der Welt empfangen, aber es soll erkennen, welchen Anteil es davon ehrlicherweise übernehmen soll.”

L'exposition Repères. Photo Awatef Chengal © Cité nationale de l'histoire de l'immigration

Nun aber, ohne diese administrative Führung, nützlich aber abgedroschen, zu vergessen, kehrt man dahin zurück, uns von Männern und Frauen zu erzählen. Persönliche Dinge, Photos, verirrte Sätze und stechende Stimmen im literarischen Sinne. Eine interaktive Ausstellung. Sie stellen die Frage nach dem Austausch, und wie etwas Augenscheinliches erinnern sie daran, was diese Migranten uns mitbrachten, was sie Frankreich mitbrachten. Eine viel zu oft vergessene Gabe.

Menschen außerhalb der Gemeinschaft.

Den Koffer packen. Für eine Woche, zwei Monate, manchmal vier, fünf Jahre, unterbrochen durch manche Rückkehr. Und wenn es für immer ist? Die Meisten unter uns wissen es nicht mehr und kommen nicht dazu, es sich vorzustellen. Die Ortsveränderung und die Reisen wie ein zweites Leben sind normal geworden. Dennoch ist diese Geste manchmal nicht unbedeutend, sondern voller Hoffnungen und Befürchtungen. Die Entscheidung des Lebens. Wie soll man das Wesentliche mitnehmen? Ein Buch, ein Photo, sehr oft fehlt es an Platz, zugestaut mit Trivialem, was jedoch lebensnotwendig ist. Sie, Männer wie Frauen, sprechen und drücken so ihre Bestimmung aus, eine Mischung aus Wahnsinn und Mut. Sich die Ungewissheit auszusuchen in der Hoffnung auf ein anderes Leben, ein bißchen besser… Manchmal erzählen sie auf traurige Weise von ihrem Unwissen, was sie erwartet und bedauern das. Kingsley erzählt von einer Redeweise in Kamerun, die besagt, dass “einen Fisch aus dem Wasser zu heben bedeutet, ihn zu töten.” Er redet über das Gefühl, nirgendwo zu sein, ein Fremder in den Augen der Anderen und in der Welt, die einen umgibt, ein Fremder in seiner eigenen Existenz. Er durchquerte ganz Afrika von Kamerun bis zum Maghreb, dann nahm ihn ein Boot mit. Zwei Männer kamen bei der Überquerung zu Tode. Eine Reise wiedergegeben durch die Photographien von Olivier Jobard, der sie erlebt hat und wo die Genauigkeit seiner Bezeugungen auffällig ist, darüber hinaus auch die Fragen zu seinem Weg.

Viel mehr als wir Franzosen verkörpern sie seit der Geburt die Werte von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, für die sie das Opfer in Form eines gesamten Lebens gebracht haben. Bevor sie Frankreich kennenlernten, haben sie von ihm geträumt. Warum dorthin fahren? Den Diktaturen zu fliehen, den Kriegen, der totalen Misere. Manchmal auch der einfache Wunsch nach einer besseren Bildung für ihre Kinder, der Wille nach Vollendung ihrer Schicksale. Einer spricht von französischen  Intellektuellen, von denen ihm seine deutsche Mutter erzählt hatte, ein anderer spricht von der Bildung in Frankreich, ein Recht, an das er glaubt. Sie prägen das Gesicht des Frankreich von heute und erinnern uns daran, warum wir uns schlagen mussten.

Diese Geschichten verdienen es, weitererzählt zu werden, gerade jetzt, wenn die EU dazu übergeht, ein europäisches Immigrationsgesetz zu verabschieden, welches hauptsächlich die Aspekte der Sicherheit dieser Gemeinschaftspolitik im Auge behält, ohne die großen Themen zu berücksichtigen, mit denen die EU in Zukunft konfrontiert sein wird: wichtige Bedürfnisse der weniger qualifizierten Arbeitskräfte und eine bessere Integration dieser übergemeinschaftlichen Immigration. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass die größten Einwanderungswellen bis in die 70er aus Europa kamen: Italien, Portugal, Polen und Spanien. Ein Ereignis, welches ebenso große Spannungen erzeugte. Ein halbes Jahrhundert später ist die freie Zirkulation von Personen durch die EU umgesetzt worden.

Die Situation der Migranten kommend aus Afrika, Asien oder noch aus Osteuropa ist somit kein Fatum – sogar mit der demographischen Evolution in den Herkunftsländern wird es dazu kommen, dass die EU viele Migranten ankommen sehen wird. Eine ungern gesehene Ankunft, von der viele denken, dass sie ein notwendiges Übel sei. Antworten gibt es dennoch, aber müssen europäisch formuliert werden – nun aber scheinen sich die Staaten auf den Souveränismus zurückzuziehen, so wie es Catherine Withol de Wenden, Direktorin für Forschung am Studienzentrum und für internationale Recherchen, in einem Interview mit Le Monde unterstreicht. 

Sie erinnert da an einige Gedankengänge: Erleichterung der Politik rund um Visa-Angelegenheiten mit den Nachbarländern, also mit dem Maghreb, der Türkei und Moldawien, Umsetzung von Visa für mehrere Einreisen (erlaubt es, in die angrenzenden Länder zu fahren) oder gar die Umsetzung gemeinsamer Normen zur Regulierung in Bezug auf Qualifikation und Arbeit anstelle von einem Verbot massiver Regulierungen. Diese Vorschläge sind leider noch wenig entwickelt.

Aurore Abdoul-Maninroudine

Übersetzung: Matthias Jakob Becker

Quellen zu den Beiträgen des europäischen Immigrationsgesetzes:

Interview von Le Monde mit Catherine Withol de Wenden, Direktorin für Forschung am Studienzentrum und für internationale Recherchen

Museum für Immigration

http://www.histoire-immigration.fr/

Palais de la Porte Dorée 

293, avenue Daumesnil 75012 Paris

Öffnungszeiten:   

- Dienstag bis Freitag 10:00 bis 17:30 

- Samstag und Sonntag 10:00 bis 19:00.