Françoise Chotard: „In unserem Beruf sind auch Cocktailabende sehr wichtig“

Artikel veröffentlicht am 30. März 2009
Artikel veröffentlicht am 30. März 2009

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Paris und seine Peripherie: Das sind zwölf Millionen Einwohner, deren geografische Verteilung und Vermögensverhältnisse sehr ungleichmäßig verteilt sind. Ländlicher als es die Reiseführer vermuten lassen. Eine Gegend, deren Interessen man in Europa mit aller Kraft verteidigen möchte.

„Ich sehe keinen Grund, warum man unsere Tätigkeit nicht als Lobbying bezeichnen sollte.“ Françoise Chotard nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Arbeit als Leiterin des Ile-de-France-Büros in Brüssel geht. In der politischen Hauptstadt Europas drängen sich mehr als 240 regionale Vertretungen, die sich der Verteidigung ihrer Interessen, der Vorhaben ihrer Unternehmen und ihrer Bürger widmen. „Es ist unserer Aufgabe, die Interessen der Körperschaften, die wir vertreten, durchzusetzen. Selbst in den Statuten unserer Vereinigungen steht der Begriff ‚Lobby’, um unsere Arbeit an der Schnittstelle zwischen den Bürgern der Region von Paris und den europäischen Institutionen zu definieren“, erklärt die Französin.

©WikimediaDenjenigen, die hinter den Brüsseler Kulissen der Europäischen Union arbeiten, fehlt es an genügend Fingern, um die Einladungen zu zählen, denen sie nach langen Arbeitstagen folgen könnten, um bei einem Empfang die besten Weine der Gegend und die edelsten Produkte zu kosten. Böse Zungen behaupten, dass die Delegationen ausschließlich zu diesem Zwecke existierten. Vielleicht dienen sie den Präsidenten der Regionen auch als Alibi, wenn diese ein paar Tage aus ihrem politischen Alltag ausbrechen möchten, um von ihrem Konsul in Brüssel empfangen zu werden.

Entspricht dieses unbeschwerte Bild Ihrer Arbeit der Wirklichkeit?

In unserem Beruf sind auch Cocktailabende sehr wichtig. Es ist mir oft passiert, im Verlauf eines Banketts eine Verhandlung zu Ende zu bringen, die zuvor an einem toten Punkt war und sich seit Monaten nicht mehr bewegte. Aber wir machen auch viele andere Dinge; wir beobachten beispielsweise Themen, die im Parlament, der Kommission und im Rat beschlossen werden; wir unterstützen den Aufbau kultureller Projekte und Unternehmungen. Dafür muss man über ein Netzwerk von Kontakten verfügen und dieses Netzwerk benötigt gesellschaftliche Veranstaltungen. Es ist mir auch schon passiert, mehrere Angelegenheiten während eines Cocktailabends zu regeln, in denen sich sonst keine Fortschritte mehr erzielen ließen. Schließlich ist es wichtig, dass wir als Gewählte die Arbeit, die wir vorbereiten, politisch verteidigen können.

Welche Regionen sind Ihrer Erfahrung nach am aktivsten in Brüssel?

Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg beschäftigen fünfzig Personen während wir nur zu siebt sind.

Diejenigen, die über gesetzgeberische Kompetenzen verfügen, wie die deutschen Bundesländer oder die autonomen Regionen Spaniens. Sie haben eine andere Legitimität als wir [die französischen Regionen haben keine gesetzgeberische Kompetenz] und es ist sicher, dass das Gewicht und die Macht ihrer Vertretungsbüros größer sind. Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg beschäftigen fünfzig Personen während wir nur zu siebt sind.

Wird dort auch mehr gefeiert?

Das glaube ich nicht. Unsere Arbeit besteht in der fachlichen Beratung, darin, Experten in europäischen Entscheidungsverfahren zu sein und unsere Städte zu informieren. Momentan müssen wir zum Beispiel über eine Strategie nachdenken, Projekte vorzubringen, die mit den künftigen Haushalten, die ab 2010 verhandelt werden, finanziert werden können. Wir geben Empfehlungen zu den Prioritäten ab, stellen unsere Argumente vor und schlagen Lösungswege vor.

Welche Maßnahmen sieht Europa künftig für Paris und dessen Umgebung vor? Werden sie genauso wichtig sein wie diejenigen, die in Regionen wie Schottland oder Andalusien ergriffen wurden?

Die Ile-de-France hat eine Besonderheit: ein sehr hohes Durchschnittseinkommen. Der Gemeinschaftshaushalt ist größtenteils der Kohäsion gewidmet. Daher ist klar, dass unsere Region auf andere Weise davon profitiert als es die Regionen tun, die unter ernsthaften wirtschaftlichen Problemen leiden. Dennoch haben wir im Jahr 2000 erreicht, dass die Union eine unserer Eigenheiten anerkennt: In der Ile-de-France gibt es große Einkommensunterschiede und Disparitäten in der Nutzung von Flächen. Entsprechend hat der EFRE (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) im Zeitraum 2007 bis 2013 156 Millionen Euro investiert. Gleichzeitig hat uns der Europäische Sozialfonds 546 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Man muss hinzufügen, dass 80 % der Flächen in unserer Region landwirtschaftlich, ländlich geprägt oder bewaldet sind. Deshalb ist die gemeinsame Agrarpolitik (GAP) bei uns ebenfalls sehr präsent. Die europäischen Forschungsfonds ergänzen die Unionsinvestitionen in Paris und seiner Umgebung aufgrund der vielen Universitäten und Forschungslabors, die es hier gibt.

Erscheint es Ihnen als denkbar, dass die Ile-de-France mit anderen europäischen Regionen eine Euroregion gründen könnte?

Nein, weil wir uns im Inneren des französischen Territoriums befinden und uns dies dazu zwingen würde, eine zu große Region zu bilden, um an die Grenzen heranzureichen. Dafür arbeiten wir aber viel mit anderen Hauptstadtregionen in Europa zusammen. Wir haben keine Euroregion der Hauptstadtregionen gegründet, aber wir haben in Brüssel ein informelles Netzwerk aufgebaut, das sich in gemeinsamen Positionen zu zahlreichen Themen niederschlägt. Besonders mit London, Brüssel und Berlin. Das ist wichtig, denn wenn Regionen wie die genannten eine Position verteidigen, ist ihr Gewicht manchmal entscheidend, um sie durchzusetzen.