Förderung der Mehrsprachigkeit in Europa

Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 23. Juni 2008
Der Babellink am Montag Übersetzung : Monika Schreiber 2,4 Euro pro Jahr und pro Kopf, insgesamt 1 Milliarde Euro jährlich, 1% des EU-Haushalts. Das ist das Budget, das die EU dem Europäischen Kommissar für Mehrsprachigkeit in Europa gewährt hat, der seit den Erweiterungen von 2004 und 2007 für die Verwaltung von 23 Nationalsprachen verantwortlich ist.

„Eine lohnende Herausforderung“

Auf einen Antrag José Manuel Borrosos hin, des Vorsitzenden der Europäischen Kommission und des Kommissars für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, macht es sich eine Intellektuellengruppe unter der Leitung des Schriftstellers Amin Maalouf zur Aufgabe, über „den Beitrag der Vielsprachigkeit zum interkulturellen Dialog und zum gegenseitigen Verständnis der Bürger in der EU“ zu diskutieren. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem die Direktorin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun und der Philosoph und ehemalige Bildungsminister der tschechischen Republik, Jan Sokol.

Das Ergebnis dieses Informationsaustausches ist der Bericht mit dem Titel « eine lohnende Herausforderung ».

Dieser beginnt gleich mit einem Warnhinweis : Es muss wohl nicht eigens erwähnt werden, dass die Mehrsprachigkeit Zwänge mit sich bringt, dass sie das Funktionieren der europäischen Institutionen belastet, dass sie Geld und Zeit kostet. Dieser Aufwand würde sogar jeglichen Rahmen sprengen, wenn man Dutzenden von Sprachen die Bedeutung einräumen wollte, die sich die Sprecher dieser Sprachen zu Recht wünschen würden“ Des weiteren untersucht der Bericht die Risiken des Niedergangs der Mehrsprachigkeit innerhalb der europäischen Institutionen: „Angesichts dieser Fülle an Sprachen ist die Versuchung groß, sich mit einer De-facto-Situation abzufinden, in der eine einzige Sprache, das Englische, in der Arbeit der europäischen Institutionen einen beherrschenden Platz einnimmt, und zwei oder drei andere Sprachen für einige Zeit noch eine schwindende Präsenz aufrechterhalten könnten, während der überwiegenden Mehrzahl unserer Sprachen nur mehr ein symbolischer Status zukäme und sie so gut wie nie auf den gemeinsamen Sitzungen verwendet würden“.

Eine derartige Entwicklung erscheint der Intellektuellengruppe nicht wünschenswert, „weil sie sich auf die wirtschaftlichen und strategischen Interessen des Kontinents ebenso negativ auswirken würde wie auf die Interessen aller Bürger, gleich welcher Muttersprache, und weil sie dem Geist des europäischen Projekts zuwiderlaufen würde.“

Die sprachliche Vielfalt in Europa au Dauer etablieren

Der Bericht, dessen Ziel der Erhalt der sprachlichen Vielfalt als Basis der europäischen Identität ist, möchte eine einige richtungsweisende Vorschläge für die kommenden Jahre liefern.

Diese Vorschläge konzentrieren sich auf zwei Hauptideen: zunächst sieht der Bericht folgendes vor: „die bilateralen Beziehungen zwischen den Völkern der Europäischen Union sollten vorzugsweise in den Sprachen dieser Völker gestaltet werden, und nicht in einer dritten Sprache. Dieses setzt voraus, dass jede europäische Sprache in jedem Land der Union über eine bedeutende Gruppe kompetenter und stark motivierter Sprecher verfügt. Damit diese Sprecherkontingente gebildet werden können, sollte die Europäische Union den Begriff persönliche Adoptivsprache vorantreiben“. Genauer gesagt, „jeder Europäer soll dazu ermutigt werden, aus freiem Ermessen eine besondere Sprache zu wählen, die sich sowohl von jener Sprache unterscheidet, die seine Identität begründet, als auch von der Sprache der internationalen Kommunikation“.

Das klare Ziel ist es, die Leute dazu zu motivieren, Sprachen zu lernen: „indem klar zwischen einer internationalen Verkehrssprache und einer persönlichen „Adoptivsprache“ unterschieden wird, würden die Europäer ermutigt, in der Frage des Sprachenerwerbs zwei getrennte Entscheidungen zu treffen: Die eine würde von den Anforderungen der Kommunikation im weitesten Sinne diktiert, die andere von einem Bündel persönlicher Beweggründe geleitet, die mit dem individuellen oder familiären Lebensweg, emotionalen Bindungen, beruflichen Neigungen, kulturellen Präferenzen, intellektueller Neugier usw. zusammenhängen.“

Der Aufbau Europas basiert nämlich genau auf dieser Vielfalt und die Intellektuellengruppe vertritt folgende Meinung : „Vernachlässigt man eine Sprache, so nimmt man das Risiko in Kauf, dass jene, die sie sprechen, ihre positive Haltung gegenüber dem europäischen Gedanken aufgeben. Niemand kann vollen Herzens dem europäischen Ganzen angehören, wenn er nicht das Gefühl hat, dass seine besondere Kultur, und vor allem seine Sprache, dort voll und ganz respektiert wird, und dass die Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union zum Gedeihen seiner eigenen Sprache und seiner eigenen Kultur beiträgt, anstatt sie an den Rand zu drängen.“

Der Bericht wird unterschiedlich aufgenommen

Der Bericht wurde den Ministern bei der Konferenz zum Thema „Förderung der Mehrsprachigkeit“ vorgelegt, die am 13. Februar von der slowenischen Ratsvorsitz organisiert wurde. Die Resonanz war durchwachsen: Manche Minister bezeichneten die Idee als utopisch, während andere angaben, sich zunächst auf aktuelle Initiativen konzentrieren zu wollen.

Im kommenden September wird die europäische Kommission eine Mitteilung zum Thema Mehrsprachigkeit veröffentlichen.

Der Bericht:

''(Foto: flickr/ Stephanieannemarie) ''