Flugverkehrschaos: Islands Vulkan-Aschewolke legt Europa lahm

Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Artikel veröffentlicht am 20. April 2010
Nach fast fünf Tagen Vollsperrung wegen der Vulkan-Aschewolke öffnen die europäischen Staaten schrittweise wieder ihren Luftraum. Darauf haben sich die EU-Verkehrsminister in einer Telefonkonferenz verständigt. Das Flugverbot hat gezeigt, wie abhängig die Wirtschaft vom Luftverkehr ist, und dass dieser europaweit besser koordiniert werden muss, meint die Presse.

Göteborgs-Posten: „Wenn die Asche sich gelegt hat, ist es Zeit für eine nuancierte Debatte“; Schweden

Die Aschewolke hat verdeutlicht, wie stark die Wirtschaft weltweit vom Lufttransport abhängt, schreibt die Tageszeitung Göteborgs-Posten: "In unseren modernen Zeiten sind wir anfälliger für die Konsequenzen von Naturkatastrophen. In einer globalisierten Welt sind Handelsverbindungen - und das gilt für den Waren- wie für den Personentransport - lebenswichtig, auch zwischen den verschiedenen Teilen der Welt. [...] Alles hängt zusammen in einer immer vernetzteren Welt. [...] In der vergangenen Woche hat sich gezeigt, welche Schlüsselrolle der Flugverkehr im internationalen Transportwesen einnimmt. Gestern wurde im Radio berichtet, dass 5.000 Personen in Kenia entlassen wurden, weil Obst und Gemüse nicht weiter transportiert werden konnten - nur eines von vielen Beispielen für die Konsequenzen, die die Aschewolke in der ganzen Welt hat. Wenn die Asche sich gelegt hat, ist es an der Zeit für eine nuanciertere Debatte." (Artikel vom 20.04.2010)

Der Standard: „Gemeinsam geregelter Luftraum für Europa“; Österreich

Das Wirrwarr nationaler Sperren hat die Folgen der Vulkanasche noch verschärft, meint die Tageszeitung Der Standard: "In den vergangenen Tagen haben die Flugsicherheitsbehörden und ihre vorgesetzten Politiker ein Bild abgegeben, das dem Chaos auf den Flughäfen gleicht. Schuld daran ist vor allem die Zersplitterung der europäischen Flugsicherung, die bereits im Normalbetrieb für hohe Kosten und ständige Verzögerungen sorgt. Obwohl sich alle Behörden auf die gleiche Informationsquelle, eine einzige Computersimulation aus London, berufen, entscheidet dann jedes Land für sich, ob Flughäfen und Luftraum gesperrt werden. [...] Die EU-Staaten müssten viel weniger nationale und mehr zentrale Entscheidungen treffen. Die Eurocontrol [Internationale Organisation zur zentralen Koordination der Luftverkehrskontrolle in Europa] braucht stärkere Kompetenzen, sowohl für das Tagesgeschäft wie auch für Notfälle. Es gibt nur einen Luftraum über Europa. Der kann nur gemeinsam geregelt werden."

(Artikel vom 20.04.2010) 

On 20 April it was announced that a new air cloud was heading into European airspace

Il Sole 24 Ore: „EU entpuppte sich ein weiteres Mal als Gefangene strenger Normen“; Italien

Die Übereinkunft der EU-Verkehrsminister, das Flugverbot zu lockern, darf über die zögerliche Haltung der EU nicht hinwegtäuschen, schreibt die Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore: "Die Übereinkunft ist eindeutig wieder einmal Ausdruck der Do-it-yourself-Initiative einiger Staaten und nicht das Ergebnis einer harmonisch abgestimmten Europapolitik. [...] Die Priorität der Flugsicherheit steht dabei nicht zur Debatte. [...] Während Millionen von Europäern an den Flughäfen fest saßen, entpuppte sich die EU ein weiteres Mal als Gefangene strenger Normen und eines politischen Vakuums. ... Es spiegelt den Abgrund zwischen den zögerlichen Entscheidungen in Brüssel und dem tatsächlichen Leben der europäischen Bürger und Unternehmen wider, dass man der Dinge harrt und sich auf abstrakte mathematische Vorhersagen des britischen Met Office [der meteorologische Dienst des Vereinigten Königsreichs] verlässt, ohne außerordentliche Kontrollmaßnahmen als notwendig zu erachten."

(Artikel 20.04.2010)

Elsevier: „Der gesellschaftliche Schaden eines totalen Flugverbotes ist enorm“; Niederlande

Es ist verständlich, das Risiko durch ein Flugverbot minimieren zu wollen, doch Sicherheit kann nicht immer Vorrang haben, meint das rechtsliberale Nachrichtenmagazin Elsevier: "Wenn es um Sicherheit geht, dann ist die Luftfahrtindustrie tonangebend. Logisch, denn so ein Flugzeug kostet schnell 200 Millionen. [...] Vorsicht ist ein hohes Gut und ökonomisch völlig zu verantworten. Aber absolute Sicherheit bekommt man nie. Die europäischen Luftfahrtbehörden müssen es wagen, die Grenzen richtig einzuschätzen, in denen sicheres Fliegen möglich ist. Angenommen der Vulkan auf Island, mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull, wird sich ein halbes Jahr schlecht benehmen. Dann müssen die Risiken auch neu berechnet werden, denn der gesellschaftliche Schaden eines totalen Flugverbotes ist enorm. Flugtransport ist in der modernen Ökonomie wie das Beten im Vatikan. Daher muss das Tabu im Luftverkehr schnell ein wenig verändert werden."

(Artikel vom 20.04.2010) 

Fotos: ©Jamie Mellor; ©C▲I T/flickr