Flüchtlingskinder verloren im Bildungsdschungel

Artikel veröffentlicht am 11. September 2015
Artikel veröffentlicht am 11. September 2015

Das Video "Merkel streichelt" ging um die Welt. Es zeigt den Versuch der Kanzlerin die 14-jährige Reem, die aus Palästina flüchtete, zu trösten. Das Video ist bezeichnend für das, was die Institutionen in Europa für Flüchtlinge tun: beruhigen, ohne grundlegende Probleme zu lösen. Die mangelnde Hilfe für geflüchtete Kinder in Schulen in Deutschland, der Schweiz und Österreich ist erstaunlich.

Die 11-jährige Fatima Khalil spricht Arabisch, Hebräisch und sogar Englisch. Aber nach der Flucht mit ihrer Familie von Syrien in die Schweiz halfen ihr diese Sprachen nur wenig. Ihre erste Schule in der Schweiz ließ sie nicht in eine reguläre Klasse, da sie kein Deutsch sprach. Nach einigen arbeitsreichen Monaten durfte Fatima am Unterricht teilnehmen, doch die Lehrer steckten sie in eine Klasse zwei Jahre unter ihrer Altersgruppe. Fatima freute sich trotzdem.

Ein Brief von den Behörden sagte der Familie aber plötzlich, dass sie in eine andere Stadt ziehen müsse. Fatima wurde erneut in eine spezielle Sprachklasse für Asylbewerber gesteckt. Nach einigen Monaten bemerkten die Pädagogen, dass ihr Deutsch sich verbessert hatte und brachten sie in einer normalen Klasse unter. Ihre Klassenkameraden waren nun ein Jahr jünger als Fatima. Während sie neue Freunde fand und immer noch mit der Sprache kämpfte, musste sie den Stoff ihrer neuen Klasse aufholen – die größte Herausforderung für ein fleißiges Flüchtlingskind im Bürokratie-Chaos.

Fatima ist nur eine von vielen geflüchteten Kindern in der Schweiz, Österreich und Deutschland, die unter fehlenden Regelungen der Verfassung leiden. In keinem dieser  Länder gibt es ein landesweites Konzept, das regelt, wie Flüchtlingskinder in das Bildungssystem integriert werden.

Laut Eurostat gab es im letzten Jahr mehr als 200 000 Asylbewerber in Deutschland, in Österreich waren es nur 28 000 und in der Schweiz 23 500. 26 Prozent der Asylsuchenden in der EU waren letztes Jahr Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die absolute Zahl der geflüchteten Kinder ist unklar in Anbetracht des aktuellen Flüchtlingsstroms in die EU – die von den Behörden genannten Zahlen scheinen nicht mehr repräsentativ zu sein.

Eine Reise durch das Bildungssystem

In Deutschland unterliegt die Ausbildung von Flüchtlingskindern denselben Regeln wie der Rest des Bildungssystems. Was mit ihnen passiert, hängt also vom verantwortlichen Bundesland ab. Nach einem Bericht des Deutschen Kinderhilfswerks stehen Kinder, deren Eltern legal ins Land gekommen sind, in manchen Bundesländern nicht unter Schulpflicht. In anderen müssen die Kinder erst drei oder sechs Monate nach ihrer Ankunft zur Schule gehen.

Die Verantwortlichkeit für Bildung in der Schweiz ist verteilt auf den Staat, die Kantone und den Gemeinden. Schweizer und ausländische Kinder müssen die Schule besuchen und die Gemeinden müssen dafür sorgen, dass sie das auch können.

Die Schweizer empfangen Asylsuchende und andere ‚Gäste‘ in sogenannten „Übergangszentren“, wo sie unterstützt und beraten werden, bevor sie eigene Unterkünfte erhalten und ihre Reise fortsetzen. Bevor Fatimas Familie zu ihrem dritten Ziel nach Bern kam, mussten sie zehn Monate lang in einem unterirdischen Übergangszentrum leben. Danach wurden sie nach Schafhausen im Kanton Bern geschickt. Dort musste Fatima einen kleinen Raum mit ihren vier Geschwistern und ihren Eltern teilen.

Ein Grund für die fehlende landesweite Betreuung von Flüchtlingskindern ist der Mangel an geeigneten Lehrern. Andrea Nikowitz, Lehrerin an einer Grundschule in Wien, kritisiert die fehlende Hilfe für Kinder, die dringend Deutsch lernen müssten: „Es sind nur elf Stunden pro Woche und es müssten mehr Kinder unterrichtet werden. Leider hat der Schulrat der Stadt die Bildungsausgaben so drastisch gesenkt, dass dieses Jahr zu wenige Lehrer eingestellt wurden.“

Beobachter weisen auch auf eine rechte Mentalität in Gesellschaft und Politik hin. Im Zentrum von Schafhausen gab es letztes Jahr Proteste vor einem Flüchtlingsheim und ausländerfeindliche Hetze in den sozialen Netzwerken.

In Deutschland gab es eine hitzige Debatte über rechten Extremismus, die sich auf Ostdeutschland, und im Besonderen auf Sachsen, konzentrierte. Neulich griffen rechte Extremisten Polizisten an, die eine neue Flüchtlingsunterkunft beschützten. Mehr als 30 Beamte wurden verletzt. Am Montag machte Bundeskanzlerin Merkel den ersten Schritt und trug zur Debatte bei: “Es ist schrecklich, wie rechte Extremisten und Neo-Nazis versuchen ihre leeren Worte des Hasses im Umfeld einer Asylunterkunft zu verbreiten“, sagte Regierungssprecher Seibert.

Wenn es keine Regierung gibt, springt die Basis ein

Trotzdem engagieren sich manche Lehrer auch in Projekten, um den Kindern die gewünschte Ausbildung zu ermöglichen. Einer von ihnen ist Michael Stenger mit seiner „Schlau-Schule“ in München. Er unterrichtet kleine Klassen mit Flüchtlingskindern. Es geht nicht nur darum, Deutsch zu lernen, sondern auch das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu stärken. Stenger sagt ihnen oft, „dass sie eigentlich fähig sind, etwas zu tun“, wie der Spiegel schreibt.

In Österreich gibt es ebenfalls ein Projekt, das junge Flüchtlinge anspricht, die trotz der Angebote des öffentlichen Bildungssystems ihren bevorzugten Weg nicht einschlagen können. „Prosa: Schule für alle“ hat sich zum Ziel gesetzt die Ausgeschlossenen der Gesellschaft einzubeziehen. Der Fokus liegt auf Flüchtlingen, die notwendige Ausbildungen und Lehren abschließen oder ihr Deutsch verbessern wollen, um zum Beispiel einen Job zu finden.

Der Koordinator der österreichischen Organisation “AFS refugee aid foundation” Martin Chickocki bewertet es positiv, dass sich die Dinge, zumindest in Wien, in die richtige Richtung entwickeln. Aber er stellt auch fest, dass die meisten Initiativen von Organisationen ausgehen und weniger von der Regierung.

Andrea Nikowitz erzählt, dass sich in den Schulen viel tut: „Verschiedene Lehrer und Eltern spenden Kleider und Schulmaterial und es gibt eine Menge an kreativen Projekten, bei denen Sprachkenntnisse nicht so wichtig und die offen für alle Kinder sind.“ Dennoch mahnt sie die fehlende finanzielle (und psychologische) Hilfe des Wiener Schulrats an. Sie meint, dass das Problem typisch ist für Österreich: „Es ist einfacher, wenn es keine Regeln gibt.“

Die Familie Kahil zog vor Kurzem in eine Wohnung in Bern. Erneut findet sich Fatima in einer neuen Klasse und einem neuen Umfeld wieder und versucht den versäumten Stoff aufzuholen. Sie hofft, dass hier der letzte Stopp ihrer Reise durch den Dschungel des Schweizer Bildungssystems sein wird.

YouTube: Angela Merkel tröstet Reem, ein junges Flüchtlingskind

-

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit von Franziska Bauer und der Schweizer Journalistin Bettina Zbinden.