Flüchtlinge in Palermo: Am Ende siegt die Solidarität

Artikel veröffentlicht am 17. September 2015
Artikel veröffentlicht am 17. September 2015

Das Schiff Poseidon legt am Hafen von Palermo auf Sizilien an. An Bord sind 571 gerettete Migranten und 52 Leichen. So zeigt sich an diesem Spätsommertag erneut das Elend derer, die die Gefahren der See auf sich genommen haben, auf der Suche nach Freiheit und einer besseren Zukunft. Es ist eine aufwühlende Nacht am Hafen von Palermo, wo einmal mehr die Solidarität siegt.

Sie hebt ihre wenige Monate alte Tochter in die Höhe und formt mit den Händen das Victory-Zeichen: „Sie ist gerettet! Sie ist gerettet!“, ruft sie auf Arabisch. Es ist ein Moment unhaltbarer Freude für eine syrische Mutter, die im Licht der Scheinwerfer vor der Poseidon steht. Ein Moment, der die Kraft des Lebens in den Vordergrund einer Tragödie stellt, die sich so schon unzählige Male im „Mare nostrum“, dem Mittelmeer, ereignet hat.

Es ist der Abend des 27. August. Endlich können die 571 mit dem Schiff geborgenen Personen den Fuß auf festen Boden setzen. Sie haben es geschafft. Nun begeben sie sich auf neue Wege voller Schwierigkeiten. Doch sie sind in Sicherheit: weder das Meer, noch die Schläge der Schlepper oder die inhumanen Bedingungen ihrer Reise konnten sie brechen. Doch die Ermittler in weißen Schutzanzügen und die Kräne, die Container aus dem Schiff heben, erinnern an die andere dunklere Seite der Rettung. 52 Leichen werden auf dem Kai abgeladen, damit die örtliche Polizei sie abtransportieren kann. Es sind die Körper der Migranten, die auf dem Weg erstickt sind, womöglich an den Abgasen der Holzboote, auf denen sie sich mit anderen zusammengepfercht auf den Weg zu einem sicheren Hafen machten. Auf der Suche nach einem sicheren Leben.

 

Palermo: Hauptstadt der Solidarität

Die Poseidon, eines der europäischen Patrouillenboote, das Teil der Operation Triton ist, nähert sich langsam dem Hafen von Palermo. Die Migranten an Bord kommen aus Syrien und den Maghreb-Staaten, aber auch aus Pakistan, dem Horn von Afrika und dem subsaharischen Afrika. Unmöglich, eine genaue Karte mit allen Herkunftsländern zu erstellen.

Am Anlegeplatz warten wieder einmal alle Glieder der Kette der Solidarität, welche die Stadt Palermo geschmiedet hat. Es sind das Rote Kreuz, die Caritas, Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, die örtliche Gesundheitsbehörde und einige Mitglieder von Emmäus in ihren gelben Shirts.  Zu sehen sind auch die blauen Leibchen der UNHCR, des Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen. Sie werden einiges zu tun haben, um all denen zu helfen, die vor den Bomben fliehen.

Die Freiwilligen, die kulturellen Mittler, die Ärzte und Psychologen verteilen Kits mit Mahlzeiten und Plastikschuhe. Sie bieten Unterstützung und versuchen denen Trost zu spenden, die nichts haben außer der Sicherheit, noch am Leben zu sein. Auch wenn es nicht ihr erster Notfalleinsatz ist, können sie sich nicht wirklich an die Zustände gewöhnen. „Ich habe auch dieses Mal geweint.“, erzählt Giorgia Butera, Freiwillige bei der Caritas und Präsidentin der Organisation Mete. Auch die örtlichen Autoritäten sind vor Ort, um ihre Solidarität zu bekunden: Neben der Präfektin Francesca Cannizzo sind auch Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando und Erzbischof Paolo Romeo gekommen.

Unter den Migranten sind indes viele Kinder, sowie einige Minderjährige ohne Begleitung. Die Familien dürfen als erstes auf den Kai hinabsteigen. Ein Junge von ein oder zwei Jahren wird von den Freiwilligen mit einem großen, bunten Ball begrüßt. Er spielt glücklich mit den Helfern, in den Armen seiner Mutter und im Blitzlichtgewitter der Journalisten. Ein Symbol für den Kampf ums Überleben und die Freiheit. Währenddessen führt eine andere Freiwillige ein älteres Paar um den äußeren Kreis des Empfangsbereichs, als wolle sie klar machen, dass das Schlimmste nun vorüber ist und sie sich nicht mehr fürchten müssen.

In Gruppen schleppen sie Rucksäcke und Tüten mit dem wenigen, was ihnen an Hab und Gut geblieben ist. Dann setzen sie sich an die für sie vorbereiteten Tische, rücken eng zusammen und machen sich über die Lunchpakete her. Vielleicht denken sie an die gemeinsamen Mahlzeiten in ihren eigenen Häusern, die jetzt womöglich durch den Krieg nur noch Trümmerhaufen sind. Anschließend kommen die zahlreichen Jugendlichen. Sie sortieren sich nach Nationalität. Sie wirken verwirrt, benommen. Gerade so als wüssten sie noch nicht wirklich, was mit ihnen geschehen ist. Als wären sie gerade von einem anderen Planeten gekommen. Nur die Freiwilligen und Psychologen vermögen es, ihnen ein flüchtiges Lächeln zu entlocken.

 

Palermos Bevölkerung zeigt Mitgefühl

"This is Palermo, the Capital of Sicily," – das ist Palermo, die Hauptstadt von Sizilien, erklärt eine Kulturvermittlerin sehr langsam und mit deutlichen Gesten. "Ihr müsst mir jetzt sagen, wer ihr seid, woher ihr kommt und wie alt ihr seid. Und ich bitte euch darum, die Wahrheit zu sagen.", fährt sie fort. Tatsächlich geben sich viele als Minderjährige aus, die es gar nicht sind. Der Kampf ums Überleben geht auch an Land weiter.

Einige afrikanische Jugendliche tragen T-Shirts von Fußballprofis, die blaue Trainingsjacke von Vieri oder die spanische Variante von David Villa. Einer von ihnen sitzt allein in einer Ecke. Er trägt Shorts von Barca. Er redet nicht, guckt sich nur um, mit abwesender Miene, um ihn herum die Blitze der Kameras. Die Fotografen fühlen sich schon fast schuldig, einen Schnappschuss von seiner ausgelaugten Erscheinung zu machen. Mittlerweile fragen sich erfahrene Vertreter der Presse sicherlich, was sie an einem solchen Ort eigentlich tun. „Man bekommt Lust, sie in den Arm zu nehmen, sie aufzumuntern.“, kommentiert der Sprecher des schwedischen Schiffs, das seit Monaten für Rettungsmissionen im Kanal von Sizilien im Einsatz ist. Auch Pater Sergio Mattaliano, Direktor der palermischen Diözese der Caritas, findet keinen Frieden mehr: „Den größten Schmerz bereitet es, dem Elend machtlos gegenüber zu stehen.“

Dann, ganz plötzlich, bricht eine Gruppe Migranten durch die Kette der Ordnungskräfte. Sie sind etwa zu zehnt.Es handelt sich bei ihnen um Zeugen der Gewalt der Schlepper, die Akteure in einem Handel mit Menschenleben, der ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt. Sie rennen direkt zu einem der Gruppenwagen der Polizei und verstecken sich dahinter vor den Journalisten. Ihren Berichten zufolge waren sie mit 200 Personen in einem etwa eineinhalb Meter hohen Frachtraum gefercht. Es ist auch ihren Aussagen zu verdanken, dass später sechs vermeintliche Schlepper aus Lybien, Marokko und Syrien festgenommen werden.

Palermo als Tor zu Europa

Doch der schwerste Moment steht noch bevor. Gegen 22:30 Uhr beginnen die Kräne die weißen Container anzuheben. Darin befinden sich die 52 Leichen. Sie werden in einen Kühllastwagen geladen und anschließend zum Friedhof von Rotoli, an der städtischen Strandpromenade, gefahren. Es ist ein dramatischer Akt und in der Luft riecht man den starken Geruch nach Tod, während ein großer Container mit dem Schriftzug „Triton“ die heikle Phase des Abladens verbirgt.

In der Zwischenzeit haben sich die Migranten in Reihen aufgestellt und beginnen mit den Aufnahmeformalien, um die sich die Funktionäre und Übersetzer von Frontex kümmern. Die Busse, die sie in die Erstaufnahmelager bringen, stehen schon bereit. Es ist schon fast Mitternacht und die Stadt schläft, ohne zu wissen, dass genau hier die „Macht Europa“ auf die „Verzweifelten“ trifft: Männer, Frauen und Kinder, die vor neuen schweren Herausforderungen stehen, jetzt, da sie europäischen Boden betreten haben. Noch sind sie zögerlich und unentschlossen darüber, wie eine der größten Tragödien dieses Jahrhunderts für sie ausgehen wird.