Flüchtlinge in Dänemark: Das Glück wäre nicht weit

Artikel veröffentlicht am 21. März 2012
Artikel veröffentlicht am 21. März 2012
Als eines der ersten Länder nahm Dänemark 1951 die Genfer Flüchtlingskonvention an. Seit 1986 unterhält das Rote Kreuz im Norden Kopenhagens ein Heim für Asylbewerber. Wir treffen einige Bewohner, die aus Kuwait, dem Irak und Syrien geflohen sind.

Wie misst man Glück? Eine Forschungsgruppe bat Menschen weltweit, ihr eigenes Glück auf einer Skala von eins bis zehn zu bewerten. Das Ergebnis: Die Dänen sind das glücklichste Volk der Welt. Doch nicht nur Wohlstand, Gleichberechtigung und Annehmlichkeiten zählten. Ebenso wichtig war den Dänen das Gefühl, die eigene Lebenswelt gestalten zu können. Und das Wissen, zur fællesskab,  der Gemeinschaft zu gehören und die selben Werte und Ideale zu teilen. Doch nicht alle Menschen, die in Dänemark leben, können dieses Glück erfahren. Das SandholmCenter ist eins der beiden Flüchtlingslager der Region und liegt außerhalb von Kopenhagen. Etwa 400  Menschen leben hier - vergessen von ebenjener dänischen Gemeinschaft.

Carlsberg und Zigaretten

Die Pressestelle des Lagers bittet freundlich darum, Sandholm nicht als Gefängnis zu beschreiben. Der politisch korrekte Ausdruck laute "reception and departure centre" (Abschiebehaftanstalt). 600 Flüchtlinge aus aller Welt haben in der ehemaligen Militärbasis Zuflucht gefunden. Einige warten hier darauf, dass ihr Asylantrag genehmigt wird. Andere stehen kurz vor der Abschiebung und verbringen ihre letzten Tage im Lager. Wieder andere stehen irgendwo dazwischen. "Das ist psychische Gewalt", sagt Talib al-Ansari, ein Iraker, der seit fünf Jahren im Camp lebt. Keine andere Gruppe bekommt so selten in Dänemark Asyl wie die Iraker Talib musste seine Heimat1979 verlassen: Weil sein Vater ein schiitischer Aktivist war, wurde der Sohn von Saddam Husseins Regierung ausgewiesen. Ohne Papiere lebte er eine Zeit lang im revolutionären Iran. Dann kam er nach Europa. "Im Gefängnis weißt du wenigstens, wann du rauskommst", sagt er.  "Hier sitzt du herum, wartest auf einen Brief, indem steht, was mit dir passieren wird. Doch er kommt nicht. Keine Arbeit. Kein Leben." Talib spricht ruhig und gefasst, aber sein Blick ist voller Traurigkeit. Seine Kleidung ist einfach, fast schmuddelig. Als habe Talib es aufgegeben, sich um sein Äußeres zu sorgen.

Talib al-Ansari (R)

Ali al-Jarrah, seit zwölf Jahren 'Bewohner' von Sandholm, sitzt im Schneidersitz auf seinem Bett, eingehüllt in Zigarettenrauch. Er ist Bedun - so heißen in der arabischen Sprache jene, die keine Staatsangehörigkeit besitzen. Die meisten Staatenlosen leben in Kuwait, wo auch Ali herkommt. Denn die kuwaitische Regierung hat ihm die Einbürgerung verwehrt. Wo er bete? Ali lacht und zieht ein Carlsberg-Bier hervor. Vor seinem Fenster klappert ein Fahnenmast, die Flagge des roten Kreuzes windet sich im Wind. Der Hof ist trostlos und leer. Wie Talib findet sich auch in Alis Fall kein Land, das ihn aufnehmen will. "Vielleicht wollen sie mir ihre Macht beweisen", grübelt Ali.

Seit fast 20 Jahren gibt es das Camp des Roten Kreuzes schon. Die dänische Regierung, demokratisch gewählt, unterstützt es. "Ich hasse sie. Man sollte sie in Das Schwarze Kreuz umbenennen. Sie werden mich nie freilassen. Das zu wissen, vergiftet mich innerlich".  Das Rote Kreuz führt das Asylantenheim seit 1986 im Auftrag der staatlichen Einwanderungsbehörden. Doch nicht die Hilfsorganisation hält die Flüchtlinge fest. Ali und Talib müssen im Lager bleiben, weil die Gesetze der dänischen Regierung es so vorsehen. Sie dürfen nicht arbeiten oder außerhalb des Camps leben. Wieviel sie für Zigaretten und Alkohol ausgeben dürfen, entscheidet das Rote Kreuz. Alis Nachbar taumelt plötzlich herein; das Hemd aufgeknöpft, die Augen glasig. Er schnappt sich eine Flasche Milch und geht, ohne die fremden Besucher zu bemerken.

2012

Von Syrien nach Sandholm

Seit März 2011 wütet in Syrien ein Krieg zwischen Rebellen und den Truppen des Präsidenten Baschr al-Assad. 8000 Menschen sind nach Angaben derUN seitdem ums Leben gekommen. 25.000 sind auf der Flucht. George Elia und Jamal Mahmoud Raji, zwei syrische Aktivisten, sind noch nicht lange in Sandholm. Mithilfe der Free Syrian Army (FSA) flohen sie durch die Berge von Idlib bis in die Türkei. Per Boot gelangten sie nach Griechenland. Dort kauften sie Flugtickets nach Nordeuropa. George kommt aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens. Sein Foto dürfen wir nicht veröffentlichen. Er fürchtet, den Muchabarat - den syrischen Geheimdienst. Er könnte sich an seiner Familie rächen. Das Regime hat die Minderheiten in Aleppo gegeneinander aufgehetzt: Christen und Alewiten sehen in den Demonstranten eine Bedrohung. Sie glauben, die Rebellen wollten einen islamischen Staat errichten. Denn davor warnt Assads Propaganda.

Seit jeweils 6 und 2 Jahren in Sandholm.

George (ein Christ) und Jamal (ein sunnitischer Muslim) treffen sich jedenfalls gerne mit Ali (einem schiitischen Muslim) und uns (diverse Religionen). Von Feindseligkeit oder Schuldzuweisungen keine Spur. Vor den blutigen Kämpfen war es gerade die wohlhabende Mittelschicht, die Assad unterstützte, schien er doch sekulärer, moderner und europäischer als die islamische Opposition. Doch die Brutalität des Regimes entlarvt seine Lügen. Ein Video, aus Syrien herausgeschmuggelt, zeigt, wie ein Mitglied der Amn al-Jaysh, der syrischen Sicherheitskräfte, einen jungen Mann in den Brustkorb tritt, obwohl er schon am Boden liegt. Ein Kollege filmt die Szene mit einem Mobiltelefon, das Gesicht des Angreifers sieht man nicht. "Wer ist dein Gott?", fragt der Schläger. "Bashar ist dein Gott", antwortet er sich selbst. Er legt ein Foto von Assad auf den Boden und befiehlt dem geschundenen Mann, es zu küssen. Der spuckt auf das Bild - und erntet dafür Schläge. George und Jamal schauen das Video mit regloser Miene.

Glückliches Dänemark

Jamal und George haben in Dänemark keine Sorgen - bis auf das Wetter. Die Dänen, sagen sie, hätten sie gut und vorurteilsfrei behandelt. Die dänische Regierung lehnt den Multikulturalismus offiziell ab. Sie orientiert sich am französischen Modell, das Migranten in die nationale Gesellschaftintegrieren will. Es ist anders als das britische oder das schwedische Modell, das die Zugezogenen zur Assimilation animiert und die Unterschiede der Kulturen preist. Doch als 500 Syrer Mitte Februar nach Belgien flohen, wurde die Bearbeitung ihrer Asylanträge aufgeschoben, solange die Situation in ihrem Heimatland "unklar" ist. Jamal und George wollen noch immer die Welt verändern. Und für einen Moment steckt ihre Energie auch den Iraker an, obwohl er den Sinn des Lebens eigentlich vor langer Zeit vergessen hat.

Zwischen Müttern und jungen Wannabe-Gangstern sitzt mir im Zug von Sandholm nach Kopenhagen ein Mann gegenüber. Er trägt einen Wikingerhelm, dessen Hörner aus zwei Dildos gebastelt sind. Im Takt des Zuges zappeln sie hin und her. Es ist, als würde das Leben der Migranten in Sandholm hiermit enden und das glückliche Leben der Dänen in der fællesskab beginnen. In einem anderen Europa, einem Europa des Multikulturalismus, könnte der staatenlose Ali in diesem Moment mit mir lachen. Doch in diesem Europa bleibt er allein in seiner Zelle. Nippt an seinem Carlsberg und sieht sich die Arabische Revolution im Fernsehen an. Sie ist weit weg, in einer Welt ohne ihn.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 MULTIKULTI on the ground. Mit Dank an Ulrik Trolle Smed und das cafebabel.com Localtteam.

Foto: ©Nicola Zolin für 'MULTIKULTI on the ground' von cafebabel.com