Flexibel um jeden Preis?

Artikel veröffentlicht am 5. September 2005
Artikel veröffentlicht am 5. September 2005

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Nachdem die Ungewissheit prekäre Akademiker wie arbeitende Arme befallen hat, greift sie jetzt auch unter den Jugendlichen um sich. Unsichere Arbeitsverhältnisse sind zum Massenphänomen geworden.

Die Generation Prekarität macht sich kaum Illusionen über ihre Zukunft. Heute garantiert ein Universitätsabschluss nach fünf Jahren Studium nicht mehr länger den Zugang zu einer sicheren Arbeitsstelle, und die wirklichen Qualen beginnen erst nach Verlassen des universitären Elfenbeinturms: Es ist schwer, eine Wohnung zu finden, einen Kredit aufzunehmen oder eine Familie zu gründen, wenn man sich von einem Vertrag zum nächsten hangelt, ohne dabei finanzielle Sicherheit zu haben.

Explosion der Jugendarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen hängt selbstverständlich von der allgemeinen Arbeitslosenquote ab. In der derzeitigen Phase wirtschaftlichen Trübsinns darf man keine Wunder erwarten. 2004 waren fast 9% der aktiven Bevölkerung in Europa arbeitslos. Polen (18,8 %), die Slowakei (18 %), Griechenland und Deutschland die am stärksten betroffenen Länder. Aber es sind die Jungen, die am ehesten unter der wirtschaftlichen Rezession zu leiden haben. Das beweisen Arbeitslosenquoten, die mitunter doppelt so hoch sind wie die der Erwachsenen. In Frankreich (pdf) sind fast 25% der unter 25-jährigen ohne Anstellung. In der Europäischen Union, vor allem in Italien und in Finnland, ist die Zahl der Arbeitslosen bei den 15- bis 24-Jährigen generell höher als die der Älteren. Und das, obwohl sie nur 15% der europäischen Bevölkerung ausmachen.

Durch das gestiegene Bildungsniveau hat sich der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt verschärft. Heute ist derjenige erfolgreich, der die meisten Qualifikationen zum geringsten Gehalt anbietet. Hinzu kommt, dass Mitarbeiter, die als letzte eingestellt wurden, bei Entlassungen als erste gehen müssen – ein Teufelskreis. Ein guter Indikator ist die Dauer der Übergangszeit zwischen Ausbildung und Anstellung: In Frankreich beispielsweise hatten gemäß einer Studie (pdf) des „Vereins für die Einstellung von Führungskräften“ (Association pour l’emploi des cadres, APEC) nur 50% der Absolventen einer fünfjährigen Hochschulausbildung ein Jahr später eine Arbeit gefunden (alle Studiengänge einbezogen).

Mosaik der Prekarität

Ein weiterer Faktor ist die verschwimmende Grenze zwischen sicheren und unsicheren Arbeitsplätzen. „Neueinstellungsverträge“ („Contrats nouvelle embauche“) in Frankreich, „Projektverträge“ („Co-pro“ – „Contratti per un progetto“) in Italien, „Aktivverträge“ („Contrats activés“) in Belgien, all diese Namen – Synonyme instabiler Arbeitsverhältnisse – stehen für ganz unterschiedliche Verhältnisse und Realitäten. Das französische Nationale Institut für Statistik (Institut National de la Statistique, INSEE) stellt fest, dass in Frankreich zwischen 1999 und 2000 die Zahl der Zeitarbeitsstellen um 130%, der Praktika und staatlich unterstützen Verträge um 65% und die der befristeten Verträge um 60% in die Höhe geschossen ist, während feste Arbeitsverhältnisse um kaum 2% zugenommen haben. In Europa arbeiten 17,9% der Europäer in Teilzeit – 6,2% der Männer und 33,4% der Frauen – und 13,4% haben befristete Verträge. Vollzeitstellen machen gleichwohl fast 75% der neugeschaffenen Arbeitsstellen auf dem Kontinent aus (im Vergleich zu 70% im Jahr 2000).

Dennoch ist Brüssel der Ansicht, Flexibilisierung würde zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen. Das Extremmodell ist Großbritannien, wo sich trotz einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote von 4,7% leicht Arbeit finden und wieder verlieren lässt. So kann ein Arbeitgeber einen Vertrag mit nur einer Woche Vorankündigung beenden. Eben diese Flexibilität in der Gesetzgebung hat die Union anlässlich des Gipfels des Europäischen Rates in Lissabon im Jahr 2000 empfohlen, als sie eine globale Strategie für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit definierte. Wenn diese Logik der Flexibilität tatsächlich an das dänische Modell der „flexiblen Sicherheit“ angelehnt sein soll, so gerät dabei der zweite Bestandteil des Systems – die „Sicherheit“ – zu oft in Vergessenheit.

Heute stehen bis zu einem Viertel aller Vollzeitbeschäftigten und mehr als zwei Drittel der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten in sogenannten „Beschäftigungsverhältnissen mit niedriger Qualität“, die gemäß den Lissabonner Kriterien keines der folgenden Elemente aufweisen: Arbeitsplatzsicherheit, Fortbildungsmöglichkeiten, Chancen zur berufliche Weiterentwicklung. In dieser Art der Beschäftigung (Schnellrestaurants, Heimarbeit, Dienstleistungen) sind die Jugendlichen heute überrepräsentiert. In diesen Bereichen ist der soziale Dialog weniger entwickelt und die Arbeitsbedingungen sind weniger reglementiert.

Falle oder Sprungbrett?

Während alle, vor allem die Europäische Union, die Notwendigkeit zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen anerkennen, kann man ein sehr zwiespältiges Verhältnis zur Flexibilisierung beobachten: Sie bedeutet Ausbeutung für die einen und Freiheit für die anderen, die von einem nomadischen Lebensstil träumen. Nicht alle streben nach einer Anstellung auf Lebenszeit, und Lebensläufe sind immer seltener linear. Zeitverträge erlauben es jüngeren Menschen, sich schnell ein Minimaleinkommen zu sichern und Arbeitserfahrung zu sammeln, während sie Firmen mehr Flexibilität ermöglichen, um sich an die Konjunkturschwankungen anzupassen. Die temporäre Arbeit wird jedoch zum Problem, wenn sie „dauerhaft und strukturell“ ist, das heißt, wenn man das Risiko der Beschäftigung dem Jugendlichen aufbürdet und sie zu einem gesellschaftlichen Ausschlussinstrument wird.

Diese kontrastreichen Darstellungen unterstreichen die fehlende Harmonisierung in Europa, trotz der Formulierung einer Europäischen Beschäftigungsstrategie (EBS). Arbeit und Soziales bleiben Bereiche nationalen Vorrechts und es steht den Mitgliedstaaten frei, die Richtlinien des Europäischen Sozialfonds (ESF) zu befolgen oder nicht. Einen Fortschritt gibt es dennoch: mehr und mehr Dialog. So hat der Rat im März 2005 einen „Europäischen Pakt für die Jugend“ verabschiedet. Ein Programm, das, wenn es sich nicht auf schöne Worte beschränkt, einen ersten Schritt bedeuten kann auf dem Weg zur Anerkennung des Problems.