Flamenco, der andalusische Jazz

Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2008

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Frischer Wind für den spanischen Flamenco: Während sich das Spektakel blendend nach Europa exportiert, lassen sich zahlreiche Ausländer in Sevilla nieder und behaupten sich im professionellen Tanz. Aber auf dem Parkett halten sich die angestammten Andalusier streng an ihre Tradition und zögern bei der Idee, die Tanzkulturen zu vermischen.

Als subtiler und brodelnder Schmelztiegel wirkt die Stadt Sevilla sehr anziehend. Und der Flamenco, faszinierende andalusische Lebenskunst, ist nicht ihr schwächstes Verkaufsargument. Die Sprachschulen - vom Instituto Cervantès bis zum Study global - haben das schnell begriffen. Um die Ausländer anzulocken, verkaufen sie Lernpakete wie 'Crash-Kurs Andalusien'“, in denen sie sowohl Spanisch als auch Flamenco anbieten.

Die beste Art eine Sprache zu lernen, dank des Vertiefens in die traditionelle, andalusische Kultur oder ein lukrativer Glücksfall? Den Flamenco zu erlernen ist technisch und finanziell eine echte Herausforderung. Trotzdem sind die zahlreichen Tanzsäle voll. Allein in Sevilla gibt es 68 Flamenco-Schulen. Der angehende Flamenco-Tänzer hat die Qual der Wahl. Die Schulen sind überlaufen: Von Ausländern über Anfänger bis zum Profi ist alles zu finden. Eine wahre Industrie für eine 700.000-Einwohner-Stadt und lebendiges Klischee eines Lokalkolorits im Aufschwung.

Eine Japanerin in Sevilla

©Bénédicte Salzes

Einige Ausländer zögern nicht, sich hohe Schuhe und lange Röcke anzuziehen, um sich in die Welt des Flamenco zu begeben und sich ganz nebenbei auch einen Namen zu machen. Sie packen ihre Koffer und lassen sich aufs Geradewohl in Sevilla nieder, in der Hoffnung, professionelle Tänzer zu werden. Miyako ist Japanerin. Die 24-Jährige lebt seit zwei Jahren in Sevilla. Ihr Ziel: "Nach Japan zurückzukehren, um den Tanz zum Beruf zu machen und meine eigene Tanzgruppe zu gründen", erklärt sie. "Da die spanischen Künstler alle hierzulande ihre Karriere beginnen, ist es sehr schwer, sich einen Namen zu machen." Dies hat Miyako jedoch nicht daran gehindert, ihr Heimatland Japan zu verlassen, um nach Sevilla zu gehen und sich in die schwierige und mühsame Lehre des Tanzes zu stürzen.

Durch die täglichen Kurse vibriert der Alltag der jungen Japanerin im Rhythmus des Flamenco. Für die Spanier ist der Flamenco natürlich, für die Ausländer ist er akademisch. Denn um eine große Tänzerin zu werden, muss man den Flamenco leben, mehr als nur eine Kunst aus ihm machen. Nicht gerade einfach für eine Japanerin, deren kulturelle Wurzeln genaue Antipoden zu Leidenschaft, Sinnlichkeit und andalusischem Pathos sind. Trotzdem: Durch Ehrgeiz und Härte kann man diese kulturellen Unterschiede beim Tanz überwinden.

©Bénédicte Salzes

In den Kursen von Fernando Iwasaki tanzen fast nur ausländische Schüler. Er ist ein bekannter Schriftsteller, der die berühmte Cristina Heeren Fundación leitet, die einzige traditionelle Flamenco-Stiftung der Welt. Auch wenn der Gesang das Erbe der Andalusier und Zigeuner bleibt, stammt die Hälfte seiner Gitarrenschüler aus dem Ausland. In den Tanzkursen sind es sogar 70 Prozent. Und sie stellen ihr Talent unter Beweis. Sein bester Gitarrist, verrät Iwasaki, sei Franzose. "Ihre Härte und ihr Arbeitswillen erlauben im Gegensatz zu den Andalusiern eine genaue Interpretation. Einheimische sind oft Autodidakten und können keine Partitur lesen."

Meltingpot der Kulturen

Für die Soziologin Cristina Cruces "ist der Flamenco eine sehr komplexe Kunst, die sich aus einem technischen und einem rituellen Teil zusammensetzt. Wirklich beherrschen lässt er sich nur nach sehr langer Zeit. Die Ausländer beschränken sich auf Gitarre und Tanz, wo es mehr auf die Technik ankommt - die Kontrolle über das Kunstritual beherrschen jedoch die wenigsten. Daher singen sie nur selten." Meistens rät man den Ausländern, die professionelle Tänzer werden wollen, ihre Karriere außerhalb von Andalusien zu beginnen. "Diese Kunst gehört uns", sagt Cristina Cruces ironisch. "Es sieht so aus, als wollten wir sie nicht teilen. Aber warum sollte man den Flamenco eigentlich nicht der Welt öffnen, als eine Kunst, die sich aus anderen Kulturkreisen inspirieren lässt?"

Der Jazz war lange ein Erbe der Schwarzen aus New Orleans. Heute kommen seine besten Musiker aus der ganzen Welt.

Tatsächlich findet man die vielseitigen kulturellen Einflüsse der Amateurtänzer in der internationalen Szene nur selten. Allerdings: Wenn man den Flamenco als eine in sich geschlossene Kunst begreifen will, beweist Fernando Iwasaki am Beispiel der Entwicklung des Jazz das Gegenteil. Der Jazz war lange ein Erbe der Schwarzen aus New Orleans. Heute kommen seine besten Musiker aus der ganzen Welt. Seiner Meinung nach wird der Flamenco den gleichen Weg gehen und sich von äußeren Einflüssen inspirieren lassen.

Flamenco, ein Stück andalusische Seele

©Bénédicte SalzesSharon Sapienza, ehemalige maltesische Tänzerin, hat die Produktionsgesellschaft Sonakay gegründet, um den Flamenco in die ganze Welt zu exportieren. Sie lebt die Veränderungen durch multikulturelle Einflüsse täglich. Aber sie gibt auch zu, dass die Anerkennung ausländischer Tänzer in Spanien schwierig sei. An Talent würde es nicht fehlen. Doch die spanische Gesellschaft scheint noch nicht für eine Öffnung bereit zu sein, auch wenn diese unaufhaltsam scheint. Auch die Politik mischt sich zunehmend ein. Mit der Wahl des neuen Autonomiestatus Andalusiens 2007, wurde der Flamenco, "der weit mehr als Zigeunerkunst bedeutet, ein wichtiger kultureller Bestandteil in den Kompetenzbereichen der öffentlichen Behörden Andalusiens." Der Flamenco ist nicht nur zum Gemeingut und andalusischen Kulturerbe, sondern auch ein stolzes Symbol geworden, das die Andalusier nur ungern teilen.

"Die Zukunft des Flamenco hängt von seiner Globalisierung ab"

Trotzdem hängt "die Zukunft des Flamenco von seiner Globalisierung ab", glaubt Fernando Iwasaki. Eine Logik, die der "Evolution der Menschheit" folgt. Aufführungen in London, Paris oder Athen, Konzerte, Privatschulen: das Geld, das von der Flamenco-Industrie angehäuft wird, mache die Verbreitung des Tanzes leichter. Trotzdem warnt Iwasaki davor, aus Gründen der Ertragsfähigkeit die Qualität aus den Augen zu verlieren und den kommerziellen Erfolg über den künstlerischen Anspruch zu stellen. "Sonst wird Shakira vielleicht bald den Latin Grammy Award in der Kategorie Flamenco gewinnen!" so Iwasaki ein wenig desillusioniert.

Nächtliche Ruhestörung

©Julie GonceSharon Sapienza beobachtet diesen Wandel, der in Sevilla bereits spürbar sei, mit Bedauern. Die traditionellen Plätze, um Flamenco zu tanzen, schließen: "Die Carboneria ist nicht mehr das, was sie mal war", seufzt sie wehmütig. In der Vergangenheit war der Flamenco mit dem Lebensstil eines Nachtschwärmers verbunden und hatte einen schlechten Ruf, während die Andalusier heute versuchen, den Tanz zu institutionalisieren", erklärt Cristina Cruces.

Die Hochburgen des Flamenco verlieren ihre Seele. Und wer ist schuld daran? Sicherlich haben die von lauten Tanzabenden genervte Nachbarschaft und die Sperrstunden in den Gaststätten dazu beigetragen. Vielleicht sogar mehr als die ausländischen Tanzanfänger oder Fortgeschrittenen. Doch der Flamenco beherrscht weiterhin die Straßen in Sevilla, im Schatten des Wandels der andalusischen Gesellschaft.