FKK-Sport in Berlin: Wir sind nackt und nennen uns du

Artikel veröffentlicht am 7. September 2017
Artikel veröffentlicht am 7. September 2017

Bei der erdrückenden Hitze, die es in Europa diesen Sommer gab, ist es unglaublich, dass die Nudisten-Gemeinschaft nicht gewachsen ist. Tatsächlich schrumpft sie sogar. Aber inmitten des Rückgangs der FKK-Aktivitäten hat es ein Sportverein in Berlin geschafft, neue Fans anzulocken. Mick aus Holland hat in Berlin an einem Volleyball-Match teilgenommen.

Ich hebe den Volleyball auf und schaue hoch. Ein älterer Herr von mindestens 60 Jahren macht circa eine Armlänge von mir entfernt Kniebeugen und seine Kronjuwelen schaukeln unter ihm hin und her. Ich bereue das hier sofort.

Es ist Montag, 19 Uhr, und ich stehe in der zugigen Sporthalle der Albrecht-von-Graefe-Schule in Kreuzberg, Berlin. Dress Code? Nichts außer meinen Turnschuhen und Socken. Acht weitere splitternackte Männer, einige in ihren Zwanzigern und Dreißigern, zusammen mit zwei Oldies spielen sich ein paar Volleybälle zu. Alle spielen, quatschen oder dehnen sich, während Mike die 4 Euro Eintritt in seine Gürteltasche steckt. Mike ist der Volleyball-Coach des Familien-Sport-Vereins Adolf Koch, der nur textil-freie Sportarten anbietet. Es wird nackt Tischtennis, Yoga, Wassersport und natürlich Volleyball angeboten. Es handelt sich um eine gemmeinnützige FKK-Organisation, das Kürzel steht für FreiKörperKultur.

Ehe ich mich versehe, höre ich Mike beim Erklären einiger Volleyball-Übungen auf Deutsch zu. Ich verstehe relativ viel und sehe ein, dass ich einfach mitmachen muss. Ich bin vielleicht splitternackt in einer Schulturnhalle, aber ich werde denen schon zeigen, was in mir steckt. Ich erzähle dem Mann neben mir in meinem besten Deutsch, dass ich noch nicht einmal besonders gut im Volleyball sei und hauptsächlich als Journalist hier bin. Er lacht und spielt mir den Ball zu. Ich atme tief ein und übe einen Strecksprung mit dem Ball Richtung Julian.

Der Name des Vereins geht auf den Lehrer Adolf Koch zurück, den Begründer der FKK-Bewegung vor dem Krieg, der eine interessante Beziehung zur Aktkultur und der damals regierenden Partei seines Namensvetters hatte. Deutschland hat eine reiche Geschichte der Freikörperkultur. Während sie in den USA und Großbritannien eher zu einem Tabuthema herabgewürdigt wurde, konnte sie sich hierzulande als europäsche Urlaubstradition durchsetzen. 'Wir sind nackt und nennen uns du' lautete das Motto einer vielgelesenen Zeitschrift, die Kochs Lehren wiedergab.

CityLab-Journalist Feargus O’Sullivan schreibt, dass „die Naturisten-Bewegung, vielmehr als den Körper zu sexualisieren, versuchte, die Menschen von Scham und sozialer Ungleichheit, zu der Kleidung oft einen Beitrag leistete, zu befreien.” Weiterhin sagt er, dass es vor 1989 besonders in den kommunistischen und säkularen osteuropäischen Staaten üblich gewesen sei, Arbeit und Freizeit klar zu trennen, indem man beides buchstäblich auch in anderen 'Kostümen' ausübte. 

„Wir haben hier seit 2012 fast jede Woche Volleyball gespielt, oder?” Mike (28) schaut zu Julian (31), als wir in dem Umkleideraum sitzen, um das Interview zu führen - zu diesem Anlass angezogen. „Er hat mich darauf aufmerksam gemacht”, sagt Mike und deutet auf Julian. „Ich habe schon immer ‘textiles Volleyball’ gespielt und Julian mochte FKK. Wir haben dann diesen Sportverein gefunden und fanden das alles sehr aufregend.” Die zwei Männer leben mittlerweile auch mit zwei anderen Mitbewohnern in einer Nudisten-WG und reden offen und gerne über ihren Lebensstil.  

„Viele Leute in Deutschland mögen FKK”, erklärt Julian, „es gibt FKK-Campingplätze, Yoga-Vereine, Urlaubsreisen, Nacktstrände und viele andere Aktivitäten. Ich fahre mittlerweile seit Jahren auf FKK-Urlaubsreisen. Alles dreht sich darum, mit seinem eigenen Körper zu kommunizieren und sich komplett frei zu fühlen. Außerdem ist es für den Sport gesünder, weil man den Körper sehen kann und mehr Resonanz bekommt. Es ist einfach ganz anders als mit Kleidung.” Mike führt die Aussage seines Freundes schnell zu Ende: „Und es ist ja auch praktischer, da man weniger Sportbekleidung mitbringen muss!”

Ich bin bereit für den Aufschlag. Das Adrenalin schießt mir durch die Adern. Es steht 24:23 - Satzball für uns. Für einen Erstling habe ich ganz gut gespielt. Julian kam sogar eben auf mich zu und sprach mir sein Lob aus. Ich kann nicht leugnen, dass mir die sportliche Seite der Dinge gefällt. Im Großen und Ganzen ist die Atmosphäre entspannt, aber einige der Männer wetteifern arg darüber, ob ein “Ball” nun inner -oder außerhalb des Spielfeldes ist. Wir spielen ca. sechs verschiedene Runden bis 25 Punkte und alle kommen am Netz zusammen, um dem Gewinner-Team ein ‘High Five’ zu geben. Für jeden Zuschauer muss dies einfach albern ausgesehen haben. Acht Männer, die nichts außer Schuhe und Socken tragen (und den ein oder anderen Knieschutz), drängen sich am Netz. 

In der Umkleidekabine frage ich scherzender Weise, ob Knieschutztragen nicht Schummeln ist. „Sicherheit geht vor, stimmt's?”, sagt Mike. Dann frage ich, was ich schon vor unserem Match auf dem Schirm hatte: „Gibt es keinerlei sexuelle Verbindung? Keine Spannungen?” Mike lacht und Julian sagt: „Hier nicht. Ich meine, man weiß ja nie, aus welcher Motivation heraus die Leute hierher kommen. Uns geht es hier nur darum, komplett frei zu sein. Diese automatische Assoziation zwischen Nacktheit und Sexualität ist komisch, finden wir. Das kommt nur dadurch, dass man normalerweise immer angezogen ist - und sich nur auszieht, wenn man mit anderen Leuten Sex hat. Wir tun alles für und mit unserem Körper. Kleidung nimmt einem das weg.”

Während FKK-Organisationen zunehmend Mitglieder verlieren, erfreut sich der Adolf Koch-Sportverein regen Zulaufs, erzählen Mike und Julian. Schuld an dem Image-Verlust seien die erhitzten Debatten und zahlreiche Verbote für das Nacktbaden, zum Beispiel an einem See in Süddeutschland. Auch das ständige Fotografieren per Smartphone und der Tourismus haben die FKK-Kultur beeinträchtigt, welche die beiden kennen und so schätzen.  

Danach gefragt, ob sie eine Botschaft für junge Europäer haben, die nach einem neuen Element in ihrer wöchentlichen Dosis Sport suchen, sagt Mike: „Vertraut euch, es mag sich beim ersten Mal komisch anfühlen, da hinzugehen. Aber viele Leute haben uns erzählt, dass sie es als eine Art Schlüsselerlebnis in ihrem Leben betrachten. Also probiert es einfach aus. Es ist befreiend.” Julian nickt und lächelt. „Du bist jetzt zum zweiten Mal dabei, oder nicht?”

Es steht 24:23.  Ich werfe den Ball in die Luft - und genau in diesem Moment breche ich aus meiner wetteifernden Einstellung aus und stelle fest, dass hier sieben Männer anwesend sind, die mein splitternacktes Selbst gerade dabei betrachten, wie es zum Aufschlag ansetzt. Ich verhaue den Ball komplett und er schlägt gegen das Netz. Ich stehe für einige Sekunden wie am Boden festgeklebt. Was mache ich hier?

Es steht 24:24. Keine Zeit für Ich-bin-splitter-faser-nackt-Gedanken. Ran da. „Du bist dran! rufe ich, während ich den Ball über das Netz werfe. Wir waren nackt und nannten einander du.

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