Finnland: „Dieser Wahlkampf ist reine Unterhaltung“

Artikel veröffentlicht am 16. März 2007
Artikel veröffentlicht am 16. März 2007

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Die Konservativen liegen vor den Parlamentswahlen am 18. März in Finnland in den Umfragen vorne. Der Journalist Olli Kivinen kritisiert, dass sich die Parteien in Finnland kaum unterscheiden.

Olli Kivinen ist Kolumnist für Finnlands größte Tageszeitung Helsingin Sanomat. Er glaubt, dass eine Mitte-Links-Koalition aus der Zentrumspartei, den Sozialdemokraten und der Schwedischen Volkspartei die Mehrheit der 200 Sitze im Eduskunta, dem finnischen Parlament, gewinnen wird. Dem Journalisten zufolge wird der seit 2003 regierende Premierminister Matti Vanhanen sein Amt verteidigen können.

Finnland nimmt in internationalen Vergleichen Spitzenpositionen ein. Sei es in der Wettbewerbsfähigkeit, dem Bildungssystem oder der Zufriedenheit seiner Bürger. Haben die finnischen Wähler überhaupt Grund zur Sorge?

Obwohl die Arbeitslosigkeit seit der Wirtschaftskrise aufgrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu Beginn der Neunziger konstant abnimmt, sind immer noch mehr als acht Prozent der Bevölkerung ohne Beschäftigung.

In immer mehr traditionellen Industriezweigen werden Arbeitskräfte durch Automatisierungsprozessse verdrängt. So zum Beispiel in der Forstindustrie und in der Papierproduktion. Viele Finnen, besonders im Norden und Osten des Landes, können in ihren Heimatregionen keine Arbeit mehr finden. Es ist also schwierig, eine gleichmäßige Bevölkerungsverteilung im gesamten Landesgebiet zu gewährleisten. Diese Regionen werden buchstäblich von den Wölfen und Bären zurückerobert.

Aber auch Finnland wird von den Folgen der Globalisierung nicht verschont. Nokia lässt die Mehrzahl seiner Komponenten inzwischen in Asien, Lateinamerika, den USA und anderen Ländern herstellen. Nur noch ein Bruchteil der Produktion bleibt in Finnland. Finnische Arbeiter gelten als zu teuer.

Im Allgemeinen hat der Euro die finnische Wirtschaft allerdings stabilisiert (Finnland ist die einzige nordische Volkswirtschaft mit europäischer Einheitswährung). Die überwiegende Mehrzahl der Finnen ist froh, weil abgesehen von Ausgaben für ein Eigenheim, ein Sommerhaus und ein Auto zum ersten Mal in der Geschichte Geld für andere Dinge übrig bleibt. Dem Großteil der Bevölkerung geht es recht gut.

Finnland hatte in der zweiten Jahreshälfte 2006 die EU-Ratspräsidentschaft inne. Kritiker bemängelten, dass die Resultate im Vergleich zu seiner letzten Präsidentschaft 1999 mager ausgefallen sind. Welche Rolle spielt Europa im Wahlkampf?

Die Meinung zur Europäischen Union wird durch die nationale Mentalität der Finnen geprägt. Wir haben sämtliche Streitigkeiten mit dem Beitritt hinter uns gelassen. Europa ist kein Thema mehr in aktuellen Debatten. Finnland hat keine organisierten anti-europäischen Bewegungen. Und natürlich gibt es ein paar unabhängige Intellektuelle und eine kleine populistische Partei, die gegen die EU sind. Aber ansonsten besteht ein Konsens, dass alle Parteien europäische Politik unterstützen. Insofern ist die EU kein Wahlkampfthema.

Allerdings ist es so, dass, obwohl der Euro breite Unterstützung genießt, Finnland eines der kritischsten Länder in der Union bleibt. Die EU erfährt keine offene Unterstützung, da viele Menschen sich über Dinge wie die Bürokratie in Brüssel beklagen. Die Finnen gehen mit politischen Fragen recht flexibel um und treffen Entscheidungen unbürokratisch am Telefon. Der Kontrast, den die EU in dieser Hinsicht darstellt, ist für Finnen irritierend.

Die Wahlbeteiligung in Finnland liegt bei durchschnittlich 70 Prozent. Sind die 5,2 Millionen Finnen die politisch aktivsten Bürger Europas?

Die Stimmabgabe gilt als Bürgerpflicht und ist Teil der Erziehung – zu Hause und in der Schule. Sie spiegelt Finnlands Kultur des gesellschaftlichen Konsenses wider. Wir haben keine großen internen Querelen. Das macht den Wahlkampf in der Regel aber auch sehr langweilig.

Dieser Wahlkampf ist zur reinen Unterhaltung geworden. Die konservative Opposition übt sich in netten Diskussionen mit der regierenden Mitte-Links-Koalition, aber für die meisten Finnen würde es keinen Unterschied machen, wem sie ihre Stimme geben. Die einzige Partei mit einem wirklich abweichenden Programm sind die Perussuomalaiset („Die Echten Finnen“), eine populistische Partei, die für gerade einmal zwei Prozent der Wähler steht. Die anderen finnischen Parteien tummeln sich in der politischen Mitte, wenn man ein traditionelles links-rechts Spektrum voraussetzt. Alle entscheidenden Fragen, die die Bürger betreffen, sind Teil eines parteiübergreifenden Konsenses.