Finanzkrise im europäischen Fußball

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2004

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Nach den fetten 90er Jahren müssen selbst Europas Spitzenvereine den Gürtel enger schnallen. Schuld an der Finanzkrise sind das Bosman-Urteil und fehlende TV-Einnahmen.

Nach Jahren des Booms bis Anfang dieses Jahrtausends kämpft Europas Profifussball mit einem bisher kaum gekannten Problem. Selbst Elite-Clubs wie AC Mailand, Borussia Dortmund oder Real Madrid sehen sich vor akute Finanzprobleme gestellt. „Die Vereine müssen sich in Hinblick auf ihre Finanzierung neu aufstellen“, rät das deutsche Consulting-Unternehmen Ernst & Young.

Die Schlagzeilen der letzten Wochen unterstreichen das. „AS Rom funkt SOS“ oder „Finanzkrise im französischen Profi-Fußball“ war da europaweit in den Gazetten zu lesen. Die nackten Zahlen spiegeln ein ähnliches Bild wieder. Mit durchschnittlich drei Millionen Euro – so errechnet Ernst&Young – ist jeder Club der deutschen Bundesliga verschuldet. Im Vergleich zur Konkurrenz aus dem Süden des Kontinents ist das noch wenig. In Italien etwa sollen die Profi-Clubs mit über drei Milliarden Euro in der Kreide stehen. Zahlen, die der einst erfolgsverwöhnte Sport nicht gewohnt ist. Noch Ende der 90er Jahre verzeichneten die Fußball-Ligen in Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien Wachstumsraten zwischen 15 und 22 Prozent.

Doch dann kam Bosman. Der belgische Ex-Profi erstritt sich vor dem Europäischen Gerichtshof das Recht, bei einem Arbeitgeber seiner Wahl spielen zu können – mit verheerenden Folgen für den gesamten europäischen Profifußball. Denn die Luxemburger Richter folgten seiner Argumentation, wonach auch ein Fußball-Profi grundsätzlich das Recht habe, nach Auslaufen eines Vertrages ohne weitere Ablösesummen den Arbeitgeber – also den Verein - zu wechseln. Damit trocknete der einst lukrative Transfermarkt fast vollständig aus. Mit einer Ausnahme: Für absolute Spitzenspieler wurden bis vor kurzem noch horrende Ablösesummen bezahlt, wenn sie aus einem laufenden Vertrag herausgekauft wurden. Nichtzuletzt deswegen schließen die Vereine immer längere Verträge mit ihren Stars ab – mit nicht absehbaren Konsequenzen. Denn nicht wenige Profis ruhen sich all zu gern auf den lukrativen Langzeitverträgen aus. Doch auch dieser „Elite-Transfermarkt“ versiegt langsam.

Seit Anfang des neuen Jahrtausends brechen den Vereinen auch noch die Fernseheinnahmen weg. So wurden etwa die Übertragungsrechte für die Champions League in der laufenden Saison für 119 Millionen Euro weniger verkauft als im Vorjahr. Für die jeweiligen nationalen TV-Rechte sieht das ähnlich aus. Dabei sind die Vereine in den letzten Jahren immer abhängiger vom Geld der großen Medienanstalten geworden. Zwischen 42 und 52 Prozent liegt in den großen europäischen Ligen der Anteil, den die Erlöse aus den Übertragungsrechten für die gesamte Finanzierung der Vereine ausmachen. Lediglich in England erzielen die Clubs der Premier-League weiter konstant hohe Gewinne für die Fernsehübertragungen.

Jetzt sind kreative Lösungen gefragt. Nur wo die herkommen sollen, weiß derzeit kaum jemand. Börsengänge, einst als Wundermittel für die Vermehrung der eigenen Finanzen gepriesen, sind derzeit eher out. Seitdem sich Vereine wie Borussia Dortmund oder der AS Rom auf dem Börsenparkett kräftig auf die Nase gelegt haben, ist das Konzept der Fußball AG umstritten. Die BVB-Aktie etwa verlor in Deutschland ein Vielfaches ihres Ausgabewertes. In Italien wurde der Handel mit Wertpapieren von Traditionsklub AS Rom in letzter Zeit häufiger ausgesetzt. Grade mal 1,27 Euro wollten die Börsianer noch für das Papier zahlen. „Fußballvereine sind einfach zu risikoreich für den Börsenhandel“, haben Analysten längst erkannt.

Also regiert bei Europas Kickern jetzt – wenig kreativ - der spitze Bleistift. In England verzichten die Großen der Szene auf Investitionen, in Deutschland geht man den über lange Jahre hinweg verhätschelten Profis an die Gehälter. „Die fetten Jahre für die Spieler sind vorbei“, heißt es beim Bundesligisten Werder Bremen. Uli Hoeneß, Manager beim Branchen-Primus FC Bayern München, meint: „Bei jedem Vertrag, der neu abgeschlossen wird, wird es weniger Geld geben als bisher.“

Dabei kann Publikumsliebling Fußball europaweit auf mächtige Hilfe hoffen. Die Politik hat die Bedeutung des Fußballs für den eigenen Wahlerfolg längst erkannt. Bis hinauf in die Flure der EU-Kommission bemühen sich Politiker und Beamte, dem Volkssport unter die Arme zugreifen. In Italien zum Beispiel hat Premierminister Silvio Berlusconi – der praktischerweise auch gleichzeitig den AC Mailand betreibt – einige Sonderregelungen durchs Parlament gepeitscht. Die haben die Seria A vor dem ganz großen Kollaps gerettet. So dürfen sich Italiens Fußball-Manager jetzt mit kreativen Buchhaltungsmethoden über Wasser halten. Die Begleichung der Vereinsschulden darf jetzt über einen so langen Zeitraum gestreckt werden, dass die Vereine die Kriterien des europäischen Fußballverbandes UEFA wieder erfüllen. Allerdings werden die italienischen Vereine auch ein Stück weit in ihren Freiheiten eingeschränkt: Für Spielergehälter sollen Obergrenzen festgelegt werden, die Spielerzahlen pro Kader sollen begrenzt werden.

Auch bei der Europäischen Union ist man den Profi-Clubs wohl gesonnen. So darf die UEFA trotz ansonsten strenger Wettbewerbsregeln auf dem EU-Binnenmarkt die Fernsehübertragungsrechte für europäische Fußball-Events weiter zentral vermarkten. Statt des marktwirtschaftlichen Gedanken hat sich hier der solidarische durchgesetzt. Denn durch die zentrale Vermarktung, deren Fäden die UEFA in der Hand hält, haben alle Vereine Anteil großen Geld-Kuchen, da der Verband all seine Schäflein bedenkt.